Ein Gespräch mit dem Münchner Autor Maximilian Dorner

„Eine Behinderung ist etwas Rebellisches“

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Seine Behinderung bedeutet für Maximilian Dorner, ununterbrochen improvisieren zu müssen.

Seit zehn Jahren sitzt der Münchner Maximilian Dorner im Rollstuhl. Das Leben ist für ihn seitdem ein anderes, aber er lebt, wie er betont, in keiner Parallelgesellschaft. „Ich bin ich — plus Rollstuhl“, sagt er. Von seinem Leben als Hindernisprofi, Hockenbleiber, Rebell und Entschleuniger erzählt er in seinem neuen Buch, das gerade erschienen ist. Denn: „Kunst heißt, aus einer Behinderung etwas zu machen, und sei es nur das eigene Leben. Für mich heißt das: Ich muss von ihr erzählen.“

Was ist eine Behinderung? Für Maximilian Dorner, 1973 in München geboren, bedeutet seine Behinderung, ununterbrochen zu improvisieren. Seit zehn Jahren sitzt er wegen einer Nervenkrankheit im Rollstuhl. Auf dem Weg zur Kunstwerkküche im Werksviertel in Berg am Laim hat er an diesem Tag mehrere Rampen bezwungen – die letzte nur mit fremder Hilfe – und er weiß, welcher Aufzug am Münchner Ostbahnhof heute nicht funktioniert. „Das Improvisieren hält einen wach“, sagt Dorner. Vor wenigen Tagen ist sein neues Buch „Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt! Behinderung ist Rebellion“ erschienen. Als Beobachter in eigener Sache beschreibt er, wie viel Kraft ihm der ganz banale Alltag kostet. „Behindert sein heißt, mit dem Provisorium zu leben“, hat er festgestellt. Mit Anfang 30 erfuhr Dorner, dass er an Multipler Sklerose leidet. Allein jeden Morgen seine Hose anzuziehen oder einen Knopf zuzumachen, zeigt ihm, dass sein Leben umgeleitet wurde. Dass er immer wieder Umwege nehmen muss. „Eine Behinderung ist für mich daher immer etwas Rebellisches, etwas Unangepasstes. Man wird zum Sonderfall“, sagt der Autor. Die gewohnte Ordnung wird jeden Tag wieder aufs Neue zerstört. Klar plane er mehr Zeit ein, um wie an diesem Tag zu dem Treffen im Werksviertel zu kommen. „Aber immer noch plane ich meine Zeit falsch ein“, erzählt er. Irgendetwas sei eben immer. Ein Hindernis, das er unerwartet überwinden muss, um am Ziel anzukommen. Sei es ein Lift, der ihn nicht von einem Stockwerk ins nächste befördert. Oder eine Rampe, die er ohne Hilfe nicht alleine hoch schafft. Irgendetwas, das nicht klappt. Das kann einen zermürben. Und es gibt Tage, an denen es das auch tut. Dann wieder merkt er, dass es irgendwie auch immer geht. Dorner ist mittlerweile ein „Hindernisprofi“. Er versucht, es positiv zu sehen: Eine Behinderung sei das beste Mittel, um nicht zu verkalken, denn dauernd müsse ihm etwas einfallen, um ein unvermittelt aufgetauchtes Problem zu lösen.

Behinderung ist kein Thema einer Minderheit

Mit dem Schreiben holt er sich auch ein Stück weit Autonomie zurück. Neben Romanen hat er sich bereits mehrfach mit seiner körperlichen Einschränkung in Büchern auseinandergesetzt. Sein neues Werk ist nicht nur ein Erfahrungsbericht. Vielmehr hat er nun seine ganz persönliche Streitschrift vorgelegt und ein Manifest formuliert. Dabei stellt er aber immer wieder klar, dass er nicht für alle Menschen mit einer Behinderung sprechen will und kann. „Ich will alle aufrütteln und aufmuntern“, betont er. Und zwar alle! Denn: „Eine Behinderung ist für niemanden weit weg, die Grenzen sind durchlässig. Behinderung ist kein Thema von einer Minderheit“, betont Dorner. Er wolle mit dieser Aussage niemanden erschrecken, aber mit dem Thema Behinderung müssten wir uns alle im Leben irgendwann einmal auseinandersetzen. Körperliche Einschränkungen erlebe jeder im Laufe seines Lebens. Und manche wie er selbst müssten sich eben schneller oder bereits als jüngerer Mensch mit Einschränkungen im Leben arrangieren. „Es gibt keine Parallelgesellschaft mit Behinderten“, stellt er klar und fügt hinzu: „Wir Behinderte leben in keiner anderen Welt, sondern in derselben — nur mit anderen Vorzeichen.“ Dorner geht noch einen Schritt weiter, indem er sagt: Jeder Mensch hat in irgendeiner Form eine Behinderung, nur ist es unterschiedlich, wie sehr andere diese vor allem auch äußerlich wahrnehmen und ob man sich eine Behinderung auch selbst eingestanden hat. Mit dem Buchtitel „Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt!“ will er daher jeden Leser ansprechen. Seine Behinderung habe ihm gewiss viel genommen, aber ihm auch etwas gegeben. „Mein Leben ist intensiver geworden, das Glück erlebe ich intensiver“, sagt er. Manchmal fühle er sich sogar als „Luxus- Geschöpf“ wie neulich zunächst im Kreisverwaltungsreferat: Er hatte extra ein Buch zum Lesen dabei, da er sich auf eine lange Wartezeit eingestellt hatte. Kaum aber hatte er dieses aufgeschlagen, da wurde er fast schon angeraunzt, warum er sich nicht sofort bemerkbar gemacht habe. Er müsse nicht wie die anderen warten, er werde bevorzugt und komme gleich an die Reihe. Auch wenn man die Extrawurst nicht immer braucht oder will, wer eine körperliche Einschränkung hat, geht nicht als einer von vielen in der Masse unter, sondern wird wahrgenommen. Das könne ein Vorteil sein, aber es fühle sich oft unangenehm an, so Dorner. Und vor allem deswegen, weil eine Behinderung die Beziehung zu anderen Menschen verändert. Zu Freunden, zur Familie oder zu all denjenigen, denen er im Alltag begegnet.

Die Angst, ja nichts falsch machen zu wollen

Eine Behinderung macht seine Mitmenschen oft hilflos. „Das Hirn schaltet auf Standby. Die Leute sagen oft zu mir, dass sie im Zusammenhang mit Behinderung ja nichts falsch machen wollen. Als wären Behinderte aus Zucker, die sich beim ersten Wolkenbruch auflösen“, schreibt er in seinem Buch. So lautet sein Tipp: „Wichtig ist es, im Augenblick zu leben. Wenn man den Eindruck hat, es würde dem anderen helfen, die Tür aufzuhalten, dann soll man es einfach tun.“ Oder anders formuliert: Würde man sich nicht selbst freuen, wenn einem die Tür aufgehalten wird? Ganz gleich, ob man diese Hilfe in diesem Moment auch wirklich braucht. Daher lautet Dorners Appell, wach zu bleiben und ja nicht abzustumpfen. Somit müsse jeder von uns die Rebellion leben, so Dorner. Für ihn heißt Rebellion, dass man den eigenen Schutzraum verlässt und auch über seinen eigenen Tellerrand schaut. Und eine Behinderung sei immer Rebellion: „Behinderung verhindert das Normale.“ Und so sei er ein nun mal Querkopf, auch wenn es anstrengend ist.

Verena Rudolf

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