Ausstellung in Ramersdorf

Der Künstler Michael Ried, in Stücken

+
Der Ring am Finger ist ein Erbstück von Rieds Vater. 

Der Ramersdorfer Künstler Michael Ried besitzt weder einen Computer noch ein Telefon. Trotzdem hat HALLO versucht, ein Telefoninterview mit dem 62-Jährigen zu organisieren. Die Verbindung mit dem geliehenen Smartphone war so schlecht, dass Ried beschoss, doch in die Redaktion zu kommen. Das folgende Portrait ist ein bisschen wie Rieds Kunst. Einige werden es verstehen, andere nicht.

Von Michael Ried selbst habe ich den Tipp bekommen, wie ich den Artikel schreiben soll. „Hören Sie sich das Band an und dann schalten Sie es aus und schreiben, was Sie in dieser Stunde erlebt haben“, sagt er zu mir, als wir das Interview führen. Und das habe ich gemacht.

Was ich erlebt habe, ist ein Mann, dessen Augen immer auf der Suche sind. Ein Mann, der vielleicht einmal berühmt war – oder auch nicht. Er hätte es auf jeden Fall sein können. Obwohl das bei Michael Ried gar nicht wichtig ist, denn Realität und Traum sind in seinen Erzählungen eng miteinander verwoben. Er erzählt zum Beispiel, dass er von Oberbürgermeister Dieter Reiter Taschengeld bekommt. 300 Euro. Ich weiß nicht, ob er damit einfach nur meint, dass er Sozialhilfe empfängt. Aber vielleicht unterstützt der OB ihn auch wirklich? Wer kann schon das Gegenteil behaupten? Auch die Antwort auf meine Frage, was er denn studiert hat, bleibt er mir schuldig. „Ich studiere immer noch“, sagt er mit einem eigentümlichen Lächeln. Im Internet habe ich gelesen, dass er auf der Kunstakademie war. Er selbst sagt mir, er sei auf der Realschule gewesen, habe den qualifizierten Hauptschulabschluss gemacht und Tiefdruckretuscheur gelernt. Ein Beruf, der ausgestorben ist, wie so viele im digitalen Zeitalter. Michael Ried ist nicht ausgestorben, obwohl er als Grafikdesigner keinen Computer besitzt. Er ist vielmehr aus der Zeit gefallen.

Dass er ein bewegtes Leben hatte, hört man immer wieder zwischen seinen Erzählungen heraus. Alkohol, Drogen, Sex. Ein Althippie, auf jeden Fall. (Wobei er sich gegen diese Form der Einordnung sicher wehren würde.) Ein Romantiker und ein Künstler.

Sie kaufen die Bilder, als würden sie zu Ikea gehen

Ein Aquarell von Ried.

Doch eine Stadt wie München hat heute nicht mehr viel übrig für die Kunst eines Althippies, der alles noch mit der Hand macht. Seine treusten Abnehmer sind die Wirte in den diversen Bars in Haidhausen, in denen Ried bekannt ist. Er macht Kunsthefte, Satire, Karikaturen, Aquarelle, Siebdrucke — und eigentlich hat er Arbeit ohne Ende. Aber anständig bezahlt wird er dafür nicht, wie er sagt. Wenn er ein Aquarell mit Rahmen fertigt, verkauft er es für 90 Euro. Woanders müsste man 800 Euro dafür bezahlen. Die Leute kaufen seine Bilder, weil sie gut zur Couch passen – als würden sie zu Ikea gehen. Sie merken nicht, dass sie immer ein Stück mehr von Ried mitnehmen. So ist das eben, wenn man in der Kunst lebt. Und Michael Ried hat immer wieder neue Ideen. Schlägt sich durchs Leben mit seiner Kunst. Auch im Moment hat er eine Ausstellung in den Räumen des Ramersdorfer Vereins AKA. Unter dem Titel „Wild Wild Signature“ zeigt er „Unterschriftensammlungen“, die er in Cafés und Bars zusammengetragen hat. 

Damals sei er über Nacht berühmt geworden. Wenn ich ihn frage, wann das genau war, sagt er: „In den letzten Jahren“. So geht eine Stunde vorbei und übrig bleibt tatsächlich nur noch ein Gefühl. Neben dem Geruch nach Alkohol und Zigaretten. „Ich bin ja gespannt, was in dem Artikel drinsteht“, sagt er zum Abschied und lacht leicht in sich hinein. Wenn er lacht, klingt er sympathisch, nachsichtig und sanft. Beim Abschied bringe ich ihn bis zur Türe der Redaktion. Wir unterhalten uns noch ein bisschen über ein Bild, das im Gang hängt, dann hat er es plötzlich sehr eilig. Vielleicht hat er etwas gesehen, das seine Aufmerksamkeit erregte oder es kam ihm eine Idee. Jedenfalls dreht er sich abrupt um und geht zur Türe hinaus. Ihm Gehen verabschiedet er sich noch von mir, aber seine Gedanken sind schon woanders. Ich bleibe noch eine Weile in der Türe stehen und winke ihm nach, auch wenn er es nicht mehr sieht.

Lydia Wünsch

Ausstellungen Michael Ried

In den Räumen des AKA, Bad-Schachener-Straße 2a stellt der Ramersdorfer Künstler Michael Ried vom 1. Februar bis 31. März (Montag bis Freitag, von 10 bis 14 Uhr) neue Werke aus. Unter dem Titel „Wild Wild Signature“ zeigt er „Unterschriftensammlungen“, die er in Cafés und Bars zusammengetragen hat. 

Im HEi — Haus der Eigenarbeit an der Wörthstraße 42 in München zeigt Michael Ried Schwarz-Weiß-Grafiken nach Photographien von Karl Valentin. Die Bilder zeigen historische Ansichten aus München. Die Vernissage ist am Freitag, 22. März, um 19 Uhr. Die Ausstellung geht bis zum 7. Mai.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Rohbau des NEO in Baumkirchen Mitte steht
Rohbau des NEO in Baumkirchen Mitte steht
Fahrtvergünstigungen für Berg am Laimer Ehrenamtliche
Fahrtvergünstigungen für Berg am Laimer Ehrenamtliche
Das neue Riesenrad in Berg am Laim
Das neue Riesenrad in Berg am Laim

Kommentare