Ein kleiner Strom drängt ans Licht

Wie wichtig den Menschen das Projekt ist, zeigte sich bei einer Infoveranstaltung von Stadt und Bezirksausschuss im Pfarrsaal von St. Michael in Berg am Laim. Angesichts von über 200 Besuchern platzte die Versammlungsstätte fast aus allen Nähten. Foto: Harald Hettich

Man schrieb das Jahr 1977, als im Münchner Stadtrat der erste Antrag eingebracht wurde, den zwischen Ostpark im Süden und dem Hüllgraben weiter nördlich in eher freudlosen unterirdischen Röhren verlaufenden Hachinger Bach an die Oberfläche zu holen und für alle erkennbar sprudeln zu lassen. Viel Zeit und ebenso viele Anträge später kommt nun wohl endlich das entscheidende Rumoren in die Angelegenheit.

Wie wichtig den Menschen das Projekt ist, zeigte sich bei einer Infoveranstaltung von Stadt und Bezirksausschuss im Pfarrsaal von St. Michael in Berg am Laim. Angesichts von über 200 Besuchern platzte die Versammlungsstätte fast aus allen Nähten. In die Freude über das vielleicht bald sprudelnde und mäandernde Nass mischte sich allerdings bei einigen mehr als ein Tropfen Unmut. Bewohner der Siedlung rund um die Hachinger-Bach-Straße fühlen sich von der aktuellen Planung vom restlichen Stadtteil abgetrennt (HALLO berichtete), weil die Trasse in einem den Bachlauf querenden, westlichen Teilstück aufgelassen werden soll und eine wichtige Verbindungstrasse ins Berg am Laimer Zentrum wegfiele. Zudem erwarten die Menschen ein Mehr an Verkehr durch dafür ungeeignete Wohnstraßen. Doch die Stadt sieht hier offensichtlich keinen Handlungsbedarf. Auch, weil das Bach-Projekt sonst in seiner Planung und Realisierung mindestens um Jahre zurückgeworfen, wenn nicht ganz verhindert, werde. Projektentwicklung Nach Plänen der Stadt könnte das Projekt für den rund 2,6 Kilometer langen Abschnitt des Hachinger Bachs ab Herbst kommenden Jahres starten – nach Ende eines mehrgliedrigen Planfeststellungsverfahrens, das sich derzeit allerdings erst in den Kinderschuhen befindet. Noch seien etwa Grundstücksfragen ungeklärt, nahmen Vertreter der Stadt bei einer gut besuchten Informationsveranstaltung in Berg am Laim den vom vital sprudelnden Oberflächenwasser Träumenden gleich wieder etwas Wind aus den Segeln. Doch Fakt bleibt: die Pläne waren nie so ausgereift wie dieses Mal. Zwar würden die Gesamtkosten der Realisierung mit rund 10,5 Millionen Euro zu Buche schlagen – doch bis zu 75 Prozent der Investitionssumme könnte aus Fördertöpfen des Freistaates beigesteuert werden. Für den enormen Aufwand gäbe es einiges an Ertrag für die Menschen im Umfeld. Neben einem freigelegten Bachlauf würde nach den Plänen der Gestalter längs des Gewässers ein grünes Band für Erholungssuchende geschaffen. Spiel- und Erholungsflächen, Geh- und Radwegverbindungen entlang der vitalen Wasserader sind vorgesehen – eine neue Parklandschaft in der Größe eines Viertels des Ostparks könnte entstehen. Ein vom Bach gespeister, rund 3500 Quadratmeter großer Weiher mit Sonnendecks im südlichen Bereich nahe der Krautgärten und eine Kneippanlage im Norden des Planungsumgriffs nahe der Hansjakobstraße sollen das Bach-/ Parkambiente noch attraktiver gestalten. Nach Süden hin ist eine Verbindung zum Ostpark denkbar. Wenigstens eine sichere Querung über die Hans-Mielich-Straße forderten die Anwohner. Natur pur Der Bach selbst kommt als Natur pur daher, ist in der Planung aber durchaus künstlichem „Schöpfer“-Eingriff unterworfen. Von der weiter bestehenden Versickerungsanlage an der Kampenwandstraße muss er auf seiner Strecke gen Norden einen Höhenunterschied von sieben Metern bewältigen. Diverse Steigungen auf der Strecke sollen die Fließgeschwindigkeit variabel halten. Der Natur wird auch in Sachen Bachbecken nachgeholfen: damit das Fließgewässer nicht in der darunter liegenden Kiesschicht versickert, sollen hochwertige Abdichtungen aus Lehm und Substrat in das Bachbett eingefügt werden. Das Bachbett selbst ist schon vorhanden. Vier größere Straßenzüge soll der freigelegte Bach unterqueren – neben der Josephsburgstraße auch die Kreiller-, die Hansjakob- und die Truderinger Straße. Durch eigene Lichtschächte soll gewährleistet werden, dass sich die Kleintiere auch durch die Röhren trauen und den weiteren Durchfluss nutzen. Erfahrung haben die Planer genug. Die Renaturierung im Bereich des Michaeliangers wäre bereits das vierte derart umgestaltete Teilstück in München. Am Pfanzeltplatz, Krehlebogen und am Adolf-Bayer-Damm weiter südlich wurde der Hachinger Bach zwischen 1989 und 2003 bereits „befreit“. Davon freilich ist man auf Berg am Laimer Scholle noch einiges entfernt. „Grundstücksfragen und eine Reihe anderer Probleme müssen noch geklärt werden“, räumte Daniela Schaufuß ein. Sie ist seitens des Baureferates mit der Projektleitung betraut – gab sich aber hinsichtlich einer Realisierung am Ende einer langen Wartezeit „vorsichtig optimistisch“.Übrigens: Hochwassersorgen sind laut Expertise des Gutachters, Professor Conrad Boley vom Lehrstuhl der Bundeswehr-Universtität in Neubiberg unbegründet. Selbst bei einem Rekordhochwasser wie zuletzt 1940 werde der Aufstau auf einer Länge von dreieinhalb Metern nur ganze zwei Zentimeter betragen. „Unbedenklich“ in einem ohnehin durchschnittlich nur 20 Zentimeter tiefen Bachlauf. Anwohnerprotest Während die Bachplanungen im Auditorium vorwiegend Freude, gar Begeisterung und die begleitende Forderung nach einer raschen Realisierung hervorriefen, fühlen sich einige Bachbewohner im südlichen Bereich des geplanten Renaturierungsgebietes stiefmütterlich behandelt. Im Straßenkreuz von Heinrich-Wieland-/Kampenwand- und Hachinger-Bach-Straße fürchtet man bei einer tatsächlichen Unterbrechung der letztgenannten Trasse diverse Nachteile: neben der Trennung vom Berg am Laimer Zentrum rund um die Baumkirchner Straße wurden verkehrsinfrastrukturelle Bedenken laut: die bereits heute hohe Verkehrsbelastung an der Hachinger-Bach-Straße mit anliegendem und demnächst auf 1800 Schüler erweitertem Michaeli-Gymnasium, dem Sportverein FC Phönix und einer noch nicht gänzlich zu den Akten gelegten Planung für eine Griechische Schule würde die schmalen Anwohnerstraßen überfordern. Doch die Kappung des westlichen Teilstücks der Hachinger-Bach-Straße auf einer Länge von rund 60 Metern ist fester Bestandteil des Bebauungsplans 1725 – eine Kappung soll den Bach und den Grünzug undurchlässig für Verkehr machen. Schaufuß unterstrich, es gebe aktuell „keinerlei Handlungsbedarf“, an diesem 1995 festgezurrten und 2006 noch einmal vom Stadtrat bestätigten Planungspapier Änderungen vorzunehmen. Sonst müsste das gesamte Planfeststellungsverfahren für die Bachfreilegung gestoppt werden. „Mit allen Risiken“, so Marion Wolfertshofer aus dem Planungsreferat. Eine spätere Realisierung stehe dann in den Sternen, Zuschüsse des Landes seien gefährdet. Der Bebauungsplan ist ein Gesetz, in Stein gemeißelt“, folgerte sie. Beide Seiten haben gute Argumente Robert Kulzer (SPD), BA-Vizevorsitzender und Moderator des Infoabends, zeigte Verständnis für die Anwohner („beide Seiten haben gute Argumente“), unterstrich aber auch die Notwendigkeit eines raschen Planungsfortschritts zur Realisierung des für Berg am Laim so wichtigen Bach-Projekts. „Der BA wird sich aber bemühen, eine für alle Beteiligten tragfähige Lösung zu entwickeln“. Wie diese aussehen könnte, sagte Kulzer aber nicht. Dafür hatte Anton Spitlbauer sen. (CSU), ebenfalls BA-Mitglied und selbst Anwohner im Umgriff, einen Notfallplan parat. „Eine weitere kleine Brücke von nur einigen Quadratmetern Größe“ entlang der Hachinger-Bach-Straße über den Bach würde das Problem nach seiner und der Meinung anderer vor Ort lösen. „Schließlich unterquert der Hachinger Bach ja auch vier andere Straßenzüge im Planungsumgriff“, so Spitlbauer. Das tolle Projekt wolle man nicht blockieren, argumentierten einige – „aber einige dicke Rohre unter der Straße müssten doch möglich sein, um den Verkehr aufrecht zu erhalten. „Wir werden uns im BA um Lösungen bemühen“, versprach Kulzer. Allerdings weiß er auch: es dürfte schwer werden, bei der Stadt mit Nachbesserungen durchzudringen. Langwierige Verzögerungen, wie seitens der Stadt für den Fall von planerischen Nachbesserungen prognostiziert, wünscht sich indes niemand. „Ich warte seit vierzig Jahren auf die Freilegung des Bachs, das ist eine ganz tolle Sache, die nicht verzögert werden darf“, sprach ein Berg am Laimer quasi als Schlusswort vielen aus dem Herzen. Harald Hettich

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