Nachbarn befürchten Lärmbelästigungen

Protest gegen die neue Eisenbahnwerkstatt

Auf dem Gelände der Ramersdorfer Trambahn-Hauptwerkstätte an der Ständlerstraße soll eine neue Wartungswerkstatt für die Bayerische Oberlandbahn (BOB) gebaut werden (HALLO berichtete). 

Nun protestieren die Nachbarn gegen diese Pläne und drohen sogar mit Klage. Denn sie befürchten massive Lärmbelästigungen. Zudem sehen sie darin den ersten Schritt zu einem neuen Industriegebiet vor ihrer Haustür.


Die Nachbarn der Trambahn-Hauptwerkstätte in Ramersdorf sind kampfbereit. Am Montagabend haben sich über 60 Anlieger mit einem Anwalt getroffen, um sich über alle Einspruchsmöglichkeiten zu informieren. Sogar über eine Klage wurde gesprochen. Viele haben den Juristen danach noch vor Ort beauftragt, ihre Interessen zu vertreten und bei der Regierung von Oberbayern Einspruch gegen das laufende Planfeststellungsverfahren einzulegen. „Keiner will Güterzüge durchs Wohnzimmer haben“, meint ein Teilnehmer aufgebracht.

Die Werkstatt

Stein des Anstoßes ist die geplante Eisenbahn-Werkstatt, die hinter dem MVG-Museum entstehen soll (siehe Kasten). Die Anwohner sind über die Pläne entsetzt. Sie fürchten sich vor einer „Mega-Lärm-Belästigung“ durch den zusätzlichen Bahnverkehr, durch „bremsen, abkoppeln und rangieren“ und durch Lkws, die bis spät in die Nacht hinein Ersatzteile anliefern und beim Rückwärts-Rangieren piepsen. „Es ist der erste Schritt in Richtung Industrieeinrichtung und den gilt es zu unterbinden“, erklärt Claus Ernst Barié, der gemeinsam mit einem Nachbarn den Protest vor Ort koordiniert.

Spekulationen

Die Bürger sind zudem der festen Meinung, dass ihnen noch viel Schlimmeres ins Haus steht. Viele vermeintliche Informationen stammen allerdings aus zweiter oder gar dritter Hand oder basieren auf Spekulationen. So will man aus einem Internet-Forum für Eisenbahner erfahren haben, dass der gesamte Sportplatz verschwindet und insgesamt neun Gleise entstehen sollen. „Wenn erst mal eine Halle da ist, kommen ratzfatz weitere“, schimpft eine Dame und erntet Applaus von den Anwesenden. Es liege auf der Hand, dass auch die angrenzenden Kleingärten aufgelöst würden, erklären andere. „Das ist doch der Ort, wo man sich ideal ausweiten kann.“ Von einem Betrieb zwischen 6 und 24 Uhr an 365 Tagen ist ebenso die Rede wie von über 70 Fahrzeugbewegungen pro Tag und sieben Jahren Bauzeit. Zudem würden statt elektrischen Zügen stinkende und lärmende Dieselloks einziehen. 

Negative Interpretation

Dass die Auslegung der Pläne mitten in der Ferienzeit stattfand, wird ebenso negativ interpretiert wie eine Informationsveranstaltung der Stadtwerke für die Anwohner Mitte August. Der anwesende Anwalt befeuert die Ängste zusätzlich. Es sei schon komisch, dass dafür parallel der Flächennutzungsplan geändert werde. Es gebe nicht einmal ein Standortgutachten für München; dabei sei der Verkehrsknoten Rosenheim viel besser geeignet. Das Argument, der Standort ermögliche eine pünktliche Fahrzeugbereitstellung, bezeichnet der Jurist als „wachsweich“.

SWM-Stellungnahme

Die Stadtwerke verstehen gewisse Ängste bei den Anliegern, über das massive Misstrauen ist man jedoch überrascht. Pläne wie sie die Anwohner vermuten, gebe es nicht, versichert Pressesprecher Michael Solic. Er bemüht sich um die Klarstellung einiger Behauptungen. So sollen in der neuen Werkstatt täglich fünf bis sechs Züge bearbeitet werden. Daraus entständen umgerechnet etwa 25 bis 30 Fahrzeugbewegungen. Maximal sechs dürften gemäß Schallgutachten nach 22 Uhr stattfinden. Allerdings soll die Anlage nur in Ausnahmefällen bis 24 Uhr betrieben werden. Grundsätzlich werde montags bis freitags im Zweischichtbetrieb von 6 bis 22 Uhr gearbeitet. Am Wochenende bestehe nur Rufbereitschaft. 

Weitere Gleise werde es nicht geben, versichert Solic. Er glaubt an einen Rechenfehler bei den Bürgern. Zähle man nämlich die Einfahrtsgleise und die Gleise in den Hallen extra, komme man hier tatsächlich auf neun. Dabei seien die Hallengleise ja nur Verlängerungen der Einfahrten.

LKW-Verkehr beschränkt

Der LKW-Verkehr sei auf 8 bis 18 Uhr beschränkt, erläutert Solic. Gerechnet wird mit etwa drei Lieferfahrten pro Tag. Vorgesehen sei eine Bauzeit von etwa eineinhalb Jahren ab Frühjahr 2013, mit einer Teil-inbetriebnahme zum Dezember. Danach werden in den ersten sechs Monaten Dieselloks die Elektrotriebwagen rangieren, bis die notwendigen Oberleitungen fertig sind. Doch auch dies führe gemäß Gutachten nicht zu einer Überschreitung der Schallgrenzwerte in den 150 Meter entfernten Wohngebieten, so Solic. 

Bei den Stadtwerken geht man aufgrund der Faktenlage deshalb nicht davon aus, dass eine eventuelle Klage irgendeine Aussicht auf Erfolg hätte und das Projekt daran sogar scheitern könnte. Carmen Ick-Dietl


Die Pläne für die Eisenbahnbetriebswerkstatt


Die BOB will die Werkstatt direkt an den vorhandenen S-Bahngleisen zur Wartung von Elektrotriebwagen auf den E-Netz-Strecken zwischen München, Rosenheim und Salzburg nutzen. Geplant ist ein knapp 5000 Quadratmeter großer Komplex, der aus einer Halle mit zwei Wartungsgleisen für etwa 110 Meter lange Züge, einer angegliederten Waschhalle, einem Lager- und Verwaltungsbau sowie drei Außengleisen zum Rangieren und Abstellen besteht. 

Die Stadtwerke München, der das Gelände an der Ständlerstraße gehört, hofft durch die Zusammenarbeit auf Synergien. Denn es gibt Gemeinsamkeiten in der Aufarbeitung und Wartung von Fahrzeugkomponenten zwischen den Nahverkehrstriebwagen, U-Bahnzügen und Trambahnen des BOB-Betreibers Veolia und der MVG. Auch einige Ausrüstungen wie beispielsweise die Fahrschein-Automaten ähneln sich. 

Weil die Veolia den Betrieb des E-Netzes Rosenheim zum Fahrplanwechsel im Dezember 2013 übernehmen wird, soll die Anlage bis dahin zumindest einsatzbereit sein. Neben dem für den Bau notwendigen Planfeststellungsverfahren führt die Stadt derzeit parallel noch eine Änderung des bestehenden Flächennutzungsplans durch, weil die neue Werkstatt ein Stück von der angrenzenden Stadtwerke-Betriebssportanlage an der Lauensteinstraße benötigt. Das jedoch ist noch als Sportfläche verzeichnet. In der Folge muss einer der drei vorhandenen Sportplätze innerhalb des Geländes umziehen. – ick –


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