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Klagen gegen die neue Eisenbahnwerkstätte

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Der geplante Neubau einer Eisenbahnwerkstätte auf dem Stadtwerke-Gelände an der Ständlerstraße treibt die Anlieger auf die Barrikaden (HALLO berichtete). Rund 50 Anwohner haben nun bei der Regierung von Oberbayern Klage gegen das Planfeststellungsverfahren eingereicht.

Sie reden von einem „Skandalprojekt“, bei dem weder sie noch Umweltaspekte entsprechend berücksichtigt worden seien. Bei einer Informationsveranstaltung, die der CSU-Landtagsabgeordnete Markus Blume vergangene Woche mit Vertretern der BOB und Bürgern arrangierte, wurde den Erklärungen der BOB nur wenig Gehör und Glauben geschenkt. 

„Märchenstunde“, schimpfte eine ältere Dame lauthals, als die BOB-Vertreter ihre Überlegungen zur geplanten Betriebswerkstätte in Ramersdorf vortrugen. Die Eisenbahn-Werkstätte soll direkt an den bestehenden S-Bahngleisen entstehen. Die BOB will die Halle zur Wartung und Reinigung von Triebwagen auf den E-Netz-Strecken zwischen München, Rosenheim und Salzburg bzw. Holzkirchen nutzen. Geplant ist ein knapp 5000 Quadratmeter großer Komplex, der aus einer Halle mit zwei Wartungsgleisen für etwa 110 Meter lange Züge, einer angegliederten Waschhalle, einem Lager- und Verwaltungsbau sowie drei Außengleisen zum Rangieren und Abstellen besteht. Die Anlieger sehen durch das neue Betriebswerk große Belastungen vor allem durch Lärm und Dreck auf sich zukommen.

So sehr sich BOB-Geschäftsführer Heino Seeger und Betriebswerkleiter Armin Nachtschatt auch mühten, immer wieder wurden ihre Erklärungen von den rund 100 anwesenden Bürgern als „Lug und Trug“ und als „Unwahrheiten“ abgetan. Dabei gab es Informationen, die durchaus zu einem besseren Verständnis des Projekts beitrugen. Wie zum Beispiel die Standortfrage. Die Bürger halten hier Rosenheim für geeigneter, weil dort der Knotenpunkt des BOB-Netzes ist. Für die BOB sind jedoch die Endpunkte in München oder Salzburg geeigneter. Denn nach der Hauptverkehrszeit, bei der zur Abwicklung des hohen Fahrgastaufkommens lange Züge zum Einsatz kommen, werden die Verstärker-Teile hier abgehängt und stehen gelassen. Tagsüber wird mit kurzen Zügen gefahren. Erst abends, wenn alle wieder nach Hause wollen, werden die Waggons wieder dran gekoppelt. Dafür müssten die dann auch wieder pünktlich zur Verfügung stehen.

„Die meisten Rangierbewegungen finden am Ostbahnhof und zum Teil am Hauptbahnhof statt“, erklärte Seeger. In Salzburg und am Ostbahnhof habe man jedoch keine geeigneten Bahnflächen gefunden. Schließlich brauche man einen Gleisanschluss und für die Eisenbahn gewidmete Flächen. Insofern habe sich die Ständlerstraße als Betriebsstätte also durchaus angeboten. Bei den Münchner Stadtwerken fand die BOB denn auch Anklang. Hingegen lehnte die Bahn einen Standort des Konkurrenten BOB auf ihrem Gelände am Ostbahnhof ab. Die BOB sei damit „den Weg des geringsten Widerstands“ gegangen, warf ein Anwohner Seeger vor.

Während die Wagen in München also leer auf den abendlichen Einsatz warten, sollen sie gewartet werden. Entsprechend sind die Betriebszeiten der neuen Werkstätte geplant: Von Montag bis Freitag im Zwei-Schicht-Betrieb zwischen 7 bzw. 7.30 Uhr bis 22 bzw. 22.30 Uhr. „Nicht nachts, nicht am Wochenende“, verdeutlichte Armin Nachtschatt. Abgesehen von unplanmäßigen Reparaturen aufgrund von Störungen. 

Beschränkungen

Maximal 30 Mitarbeiter soll die Werkstätte haben. „Bislang sind 23 fix.“ Sie sollen über das Haupttor an der Ständlerstraße zu den Parkplätzen an der Halle fahren. Nachts würden die Privat-Pkw im Innengelände entlang der Bahngleise ausfahren. Auch der Lkw-Verkehr ist auf den Tag zwischen 7 und 17 Uhr beschränkt. Zwei bis drei Lkw pro Tag dürften hier verkehren, wenn die Genehmigung für den BOB-Neubau so durchgeht. „Praxis in unseren Werken sind zwei bis drei Lkws pro Woche“, berichtete Nachtschatt. Ein- bis zweimal im Monat kämen die Lkws, die Radsätze brächten und abtransportierten. Statt Lkws würden eher die kleineren Sprinter zwei bis dreimal täglich fahren – „das ist wirtschaftlicher“. Schließlich sei man kein Industriebetrieb, sondern eine Werkstätte. In der hauptsächliche elektrische Komponenten gewartet werden müssten. „Keine Schlosserei, keine Schmiede!“ 

Nachtarbeit – wie von den Bürgern gemutmaßt – habe auch deshalb keinen Sinn, weil die Züge fehlten. Die ständen dann nämlich an den Außenpunkten und würden auf ihren Einsatz am nächsten Morgen warten. 

Vier der insgesamt 35 elektrischen Betriebszüge sollen täglich in der Ständlerstraße gewartet und gewaschen werden. Fürs Rangieren der BOB-Züge zwischen den S-Bahnen ins Werk ist der Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn am Ostbahnhof zuständig. Die Bahn hat in einem so genannten Testat bereits erklärt, dass dies dort möglich ist und sie die Koordination dafür übernimmt. 

Die geplante Betriebswerkstätte sei eine Notwendigkeit für den Betrieb, verdeutlichte Nachtschatt. Man halte die Werkstatt so klein wie möglich, um die Kosten niedrig zu halten. Von den Anliegern war bezweifelt worden, ob eine Werkstatt in der Größe überhaupt Sinn mache bzw. die BOB wohl schon bald den Standort ausweiten werden, was letztendlich das Aus von Sportanlage und Kleingartenanlage vor Ort bedeuten könnte. 

Eigentlich hatten Stadtwerke und BOB im nächsten Monat bereits mit dem Bau beginnen wollen, um bis Dezember 2013 – rechtzeitig zur Netzübernahme – fertig zu sein. Durch die Klageverzögerungen wird nun Juli/August 2013 als Bautermin anvisiert. Ein Jahr wird für die Bauarbeiten angesetzt, ein weiteres halbes Jahr für die Fertigstellung der Außenanlagen. Für die Werkstatt gibt es als Übergangslösung einen Zeltbau – ohne Grube und mit umständlicher Dachwartungseinrichtung – in Freilassing. „Damit können wir ein halbes Jahr leben, aber nicht länger“, verdeutlichte Armin Nachschatt. Denn es bedeute erheblichen logistischen Mehraufwand.

Für die Anlieger ist der Standort an der Ständlerstraße völlig ungeeignet. Man habe einfach „die Schnauze voll“, so ein Anwohner in der Veranstaltung von Markus Blume. „Alle Negativ-Einrichtungen kommen derzeit nach Ramersdorf.“ Darunter verstehen einige nicht nur die Planungen für einen Betriebshof der Stadtreinigung an der Aschauer Straße, sondern offensichtlich auch den Bau der Europäischen Schule auf der gegenüberliegenden Bahnseite im Fasangarten. „Warum machen Sie Ihre Werkstatt nicht auf der anderen Seite der Bahnlinie, da sind nur die Toten, die stört’s nicht“, regte eine Dame an. 

Die Fläche direkt an den Bahngleisen, auf der die BOB-Werkstätte entstehen soll, sei „eigentlich prädestiniert für eine Wohnbebauung oder Grünfläche“, heißt es in einem aktuellen Schreiben des Anlieger-Anwalts an alle Münchner Stadträte. Sie werden darin aufgefordert, der notwendigen Änderung des Flächennutzungsplans nicht zuzustimmen. Diese Änderung wird nötig, weil die neue Werkstatt ein Stück von der angrenzenden Stadtwerke-Sportanlage braucht. Dafür muss dort ein Sportplatz umziehen. Der Stadtrat wird voraussichtlich Ende 2012 mit einer entsprechenden Beschlussvorlage befasst. Für die Stadtwerke ist die Vorstellung, die Fläche zwischen der bereits existierenden Bahnstrecke und der bestehenden Straßenbahnwerkstatt für Wohnungsbau zu nutzen, übrigens schon aus Schallschutz-Gründen völlig abwegig. 

In ihrer Klage werfen die Anwohner und ihr Rechtsanwalt dem BOB-Betreiberkonzern Veolia zudem unlauteren Wettbewerb vor. Vermutet wird, dass die Veolia bereits in seinem Angebot bei der Ausschreibung für die E-Netz-Strecken die Werkstätte Ständlerstraße angegeben habe. Nur weil es sich damit um die billigste Lösung gehandelt habe, habe der Konzern mit seinem Konzept im Vergabeverfahren die Mitkonkurrenten Deutsche Bahn schlagen können. Hätte die Bahn gewonnen – so offenbar die Überlegung der Anlieger – gäbe es das Problem Ständlerstraße nicht, denn die Bahn verfüge in München über eigene Werkstätten an anderer Stelle. 

Ferner wirft man den Stadtwerken vor, dass sie ein „rein monetäres Interesse an der Vermietung“ habe. Für die Stadt sei dies ein Interessenskonflikt, da sie die Pläne ihrer Tochter Stadtwerke wohl kaum verhindern würde. Carmen Ick-Dietl

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