Gräberpaten gesucht

Umsichtiger Wächter und Bewahrer der Gräberwelten von St. Stephan: Helmut Bollinger arbeitet hier nicht nur viele Stunden ehrenamtlich – er weiß auch viel Spannendes über die Historie des traditionsreichen Gottesackers zu berichten. Foto: Harald Hettich

Der Friedhof St. Stephan in Berg am Laim ist ein echtes Kleinod mit historisch wie kunsthistorisch wertvollen Einblicken – eine Schatztruhe im Stillen und der Stille quasi. Dringend werden in diesen Tagen allerdings neue Paten für die oft verwaisten Grabstätten gesucht.

Rast suchen an diesem heißen Augusttag im schattigen Grün des Friedhofs von St. Stephan an der Kreuzung von Baumkirchner- und Neumarkter Straße nicht nur die an den Wasserstellen sitzenden Vögel, sondern auch die Menschen. „Der Friedhof hier wird während des Tages immer wieder von Menschen besucht, die entweder nur Ruhe suchen oder sich für die Sehenswürdigkeiten hier interessieren.“ Helmut Bollinger muss es wissen. Seit über einem Jahrzehnt fungiert der Rentner als die gute Seele entlang des traditionsreichen Gottesackers in dieser Ruheoase so nahe am Pulsschlag des Berg am Laimer Zentrums. Der Friedhof Im Schatten des ehrwürdigen Gotteshauses aus dem Jahre 1513 liegt ein überschaubares Gräberfeld mit heute nur noch einigen Dutzend Grabstätten. „Der Friedhof und die Gräber hier sind so alt, dass nur noch wenige Gräber von Familienangehörigen gepflegt werden“, erzählt Bollinger. „Viele der Toten hier haben schlicht keine Angehörigen mehr in der Gegend.“ „Guade oide Zeit“ Grabinschriften aus dem 18. oder 19. Jahrhundert künden zwar noch von dieser „guaden oiden Zeit“. Doch die Grabsteine, die mit Inschriften wie „Michael Brandner – Bürgermeister zu Berg am Laim und Mitglied der königlichen Hofoper daselbst – 1852 bis 1914“ gelebte Zeitgeschichte auf leicht bröckelndem Sandstein erzählen oder im Falle des Familiengrabs „Huber – Ziegelei- und Realitätenbesitzer und Privatiers“ auf die Berg am Laimer Historie längst vergangener Jahrhunderte inmitten der Lehmscholle verweisen, umweht selbst ein Hauch des Vergänglichen. Dem nagenden Verfall vor Ort bietet Bollinger mit entschlossener Hände Arbeit Einhalt. Unermüdlich pflegt er die Parkanlage und den alten Baumbestand, bessert liebevoll leichte und schwerere Schäden am Grabgemäuer aus oder montiert ein neues Kreuz an einer Grabstätte, wenn Vandalen bei nächtlichen Besuchen mal wieder Beschädigungen hinterlassen haben oder Jesusfiguren entwendeten. „Das nimmt leider auch immer mehr zu“, erzählt Bollinger mit einer Falte auf der Stirn, die seine Sorge wie seinen Ärger widerspiegelt. Paten gesucht Vor allem aber bereitet dem in vielen örtlichen Vereinen aktiven, gebürtigen Truderinger und seit über dreieinhalb Jahrzehnten in Berg am Laim beheimateten Rentner die Arbeit im und für den Friedhof viel Freude. Acht Gräber betreut Bollinger im Rahmen seines vielseitigen und segensreichen Tuns am Gottesacker auch als Gräber-Pate. „Aber wir brauchen dringend noch weitere Paten“, wirbt er um Unterstützung. Es ist eine überschaubare Investition der guten Tat und des Gebens: 40 Euro kostet es derzeit jährlich per anno, als Pate Verantwortung für die zweimal im Jahr anstehende Bepflanzung eines Grabes und dessen stete Pflege zu übernehmen. „Zu mir kam kürzlich eine Dame, die konnte sich bei der Ortsbeschau nicht für ein Grab entscheiden – da übernahm sie die Patenschaft gleich für zwei nebeneinander liegende Ruhestätten“, lacht Bollinger. Schwierige Suche Die Regel sei das freilich nicht – eher schwierig gestalte sich die Patensuche. Mit gutem Beispiel wenigstens geht die örtliche Politik voran – unabhängig von politischer Couleur und parteipolitischer Provenienz. Einträchtig säumen die Patengräber von CSU-Bezirksrat und BA-Urgestein Anton Spitlbauer und SPD-Kulturpolitiker Helmut Kolmeder rechts und links den Wegesrand im hinteren Teil des Friedhofes. „Beide kümmern sich toll um die Gräber“, lobt Bollinger. Daneben haben auch örtliche Vereine von der KAB bis zu Maibaumverein und Bürgerkreis Patenschaften übernommen. Weitere Mitstreiter wären dringend gesucht (Informationen unter Telefon 43 68 96-3 beim Katholischen Pfarramt St. Michael in Berg am Laim, Josephsburgstraße 24). Markantes Den Friedhof als markantes Sinnbild der hiesigen Historie, liebevoll arrangiertes Kleinod und nicht zuletzt als kulturhistorisch interessante Stätte zu erhalten, das ist Bollingers ganzes Streben. Auch deshalb war er mit von der Partie, als in der jüngeren Vergangenheit die Gräber und Grabplatten immer wieder geschmackvoll restauriert wurden. Die Inschriften bedeutender Grabsteine wurden erneuert und mancher „ewige“ Stein konservatorisch überarbeitet – wie etwa jenes Rotmarmorgrabmal für Pfarrer Gerle mit der Datumszeile „1614“ tief in die Baumkirchner und Berg am Laimer Urzeiten verweisend. Jugendstilgrab „Wer zudem eines der letzten echten Jugendstilgräber Münchens besichtigen will, muss auch auf den Friedhof von St. Stephan kommen“, wirbt Bollinger für eine Stippvisite. Weit gehen muss der interessierte Kulturflaneur nicht: das erhabene Grabmal liegt gleich rechts vom Eingang. Weiter hinten wird auch heimische Kirchengeschichte erlebbar: An die Südseite der Kirchenmauer eingelassen ist die Grabstätte von Pfarrer Wolfmaier – Angehöriger der Michaelsbruderschaft. Einmal um das Gotteshaus herumgewandert, bietet sich an dessen Nordseite der Blick auf die zentrale Grabstätte der Barmherzigen Schwestern vom Orden des Heiligen Vinzenz von Paul – ebenfalls Berg am Laimer Geschichte pur. Alles inmitten alter Baumriesen und schattenspendener Gehölze entlang einer sorgsam gepflegten Rasenfläche – ein echtes Kleinod eben, das den Besuch jederzeit lohnt. Hier als Pate den Bestand mit zu sichern, dürfte weit mehr Freude als Verpflichtung sein. „Vergelt’s Gott an alle, die hier mitmachen wollen“, bedankt sich Helmut Bollinger schon einmal bei möglichen Interessenten. Dann ist der Mann wieder zwischen den Grabstellen „verschwunden“ – er hat zu tun, darf man annehmen. Harald Hettich

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