NSU-Opfer

Immer noch viel Angst

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Ein Zeichen der Solidarität mit Opfer und Angehörigen und ein Protest gegen alle Art von Rassismus sollte die Gedenkveranstaltung für Habil Kılıç sein.

RAMERSDORF Habil Kiliç starb am 29. August 2001 als viertes Opfer der NSU-Mordserie. Vergangenen Samstag fand vor seinem früheren Geschäft an der Bad-Schachener-Straße eine Gedenkveranstaltung statt – für ihn und die zehn anderen Mordopfer.

Der kleine Lebensmittelladen in Ramersdorf, 2001 wurde er zum Tatort. Zwei Männer – nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) – ermordeten den türkischen Großmarkt-Mitarbeiter Kiliç am hellerlichten Tag brutal mit zwei Schüssen in den Kopf. Eine professionelle Hinrichtung, nennt es die Polizei später. „Wir sind immer noch zutiefst erschüttert von dieser Tat“, erklärte der SPD-Landtagsabgeordnete Markus Rinderspacher am Samstag bei der Gedenkfeier. Habil Kiliç habe nur sterben müssen, „weil er nicht die deutsche Staatsangehörigkeit hatte“.

Damit das Geschehene und die Opfer nicht in Vergessenheit geraten, hatten der Münchner Türkenrat und der türkisch-islamische Verein DITIB zur alljährlichen Gedenken aufgerufen. Gekommen ist eine kleine Gruppe von Türken und Deutschen. Die Familien der beiden Münchner NSU-Opfer Habil Kiliç und Theodoros Boulgarides fehlen. „Sie haben immer noch sehr viel Angst“, erklärt die Vorsitzende des Ausländerbeirats, Nükhet Kivran. Weil sie noch immer unter den Folgen des Terrors leiden, würden sich vor allem die Kinder kaum öffentlich zeigen. „Die Ehefrau von Kiliç hat seitdem nie Ruhe gefunden“, weiß Kivran.

Jede Gedenkveranstaltung rüttelt die Erinnerungen wieder wach, wühlt die Trauer und die Ereignisse danach für die Familien wieder auf. Was nach den Morden passierte, hat die Hinterbliebenen zusätzlich traumatisiert. Die Polizei durchwühlte ihre Wohnungen, forschte im Familien- und Freundeskreis, suchte nach dunklen Machenschaften der Mordopfer im deutsch-türkischen Milieu. In der Neonazi-Szene jedoch wurde nicht ermittelt. Die Betroffenen und ihre Angehörigen wurden über Jahre hinweg kriminalisiert und öffentlich beschuldigt. Erst nachdem 2011 die NSU-Gruppe aufflog, änderte sich der Focus der Ermittlungen.

Seit über zwei Jahren werden die Verbrechen der rechten Terror-Trios inzwischen vor dem Münchner Oberlandesgericht verhandelt. Nach dem Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt muss sich Beate Zschäpe als einzige Überlebende für ihre Beteiligung an zehn Morden sowie zwei Sprengstoffanschlägen verantworten. „Der Prozess ist zu einem Theater geworden“, sagt Sami Demirel vom Münchner Türkenrat bei der Gedenkveranstaltung. Nur wenige der bislang 450 gehörten Zeugen seien tatsächlich an der Aufklärung der NSU-Morde interessiert. „Viele haben vor Gericht ohne Konsequenzen gelogen, die Ereignisse zu verharmlosen versucht oder so getan, als ob sie sich nicht erinnern können.“ Ohne entsprechende Strafen dafür habe es die Neonazis ermutigt, noch dreister zu lügen und damit auch noch in den sozialen Medien zu prahlen, ärgert sich Demirel.

Der Sprecher des Türkenrats findet deutliche Worte: Die Sicherheitsbehörden seien offenbar nicht ernsthaft an Antworten interessiert. „Ordner verschwanden, wichtige Zeugen wurden ermordet.“ Trotzdem will man die Hoffnung auf vollständige Aufklärung über die Hintergründe der Taten nicht aufgeben.

Die Gedenkveranstaltung soll nicht nur ein Zeichen der Solidarität mit Opfern und Angehörigen, sie soll auch ein Protest gegen alle Arten von Rassismus und Gewalt sein. „Wir gedenken allen Opfern, die bis heute durch rassistische Angriffe ihr Leben verloren haben.“ Derart traurige Ereignisse wie den Mord an Habil Kiliç will man nie wieder erleben müssen.

Carmen Ick-Dietl

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