Aufgeben gilt nicht!

Birgit Kober: Erfolgreiche Behinderten-Sportlerin

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Reichlich Edelmetall: Birgit Kober ist eine Kämpferin auch abseits der Stadien.

Birgit Kober aus Neuperlach ist eine exzellente Leistungssportlerin. Die 44-jährige Behindertensportlerin gewann in ihren Leichtathletik-Disziplinen Kugelstoßen und Speerwerfen bereits Weltmeistertitel und olympisches Gold. Doch nicht nur als Athletin überzeugt die resolute wie herzliche junge Frau.

In diesen Tagen strahlen die Augen der jungen Dame in wachsender Vorfreude. Denn bald schon geht es auf Einladung befreundeter brasilianischer Athleten ins ferne Rio. „Da freue ich mich riesig drauf“, strahlt sie. Vorab hat sie sich zwischen Kofferpacken und dem Füttern ihrer vier Katzen nochmals Zeit genommen für ein Gespräch.

„Zeit habe ich derzeit verletzungsbedingt genug“, lacht die 44-Jährige. Denn nach einem Absacken ihres Badewanne-Lifters ist Kober derzeit mit Armverletzung und Schiene vom Trainingsbetrieb am Olympia-Stützpunkt in München ohnehin ausgeschlossen. „Das tut im Jahr der Paralympics besonders weh“, gesteht die Athletin des TSV Bayer 04 Leverkusen.

Durch Verletzungen gebeutelt

Doch Ungemach ist eine Birgit Kober ohnehin gewohnt. Im Alter von 16 Jahren führte eine Antibiotika-Behandlung zu Schwerhörigkeit – im Jahr darauf folgten erstmals epileptische Anfälle. Die in Laim aufgewachsene Sportlerin zog ins Ruhrgebiet, um fortan in Essen eine Schule für Hörgeschädigte zu besuchen. „Das war dennoch eine schöne Zeit mit vielen Freunden in der Schule und dem Sport“, denkt die Leichtathletin gerne zurück. Doch der nächste Einschnitt sollte bald folgen. Ihr Pädagogik-Studium musste sie 2006 abbrechen, um ihre krebskranke Mutter in München ein Jahr lang bis zu deren Tod zu pflegen. „Das war körperlich und emotional sehr stressig“, gesteht Kober. Im Juni 2007 erlitt sie einen „Status epilepticus“, der sie zu einem Klinikaufenthalt in München zwang. Ein Medikationsfehler im Krankenhaus führte zu einer schweren Störung ihrer Bewegungsfunktionen, die sie seither an den Rollstuhl fesselt.

Rollstuhl wegen Medikationsfehler

Ein langer Rechtsstreit folgte, der Kober noch heute sehr mitnimmt: „Ich wurde falsch behandelt, aber ich darf laut rechtlicher Absprache nicht sagen, von wem genau.“ Birgit Kober kämpft mit den Tränen und versteckt ihr Gesicht kurz im buschigen Fell ihrer Katze Deira. Die teilt mit dem Frauchen auch eine heftige Historie. „Deira habe ich bei einem sportlichen Aufenthalt in Dubai gerettet“, lächelt Kober. „Die Katze sollte eigentlich geschlachtet werden, weil sie aus einem Restaurant Fisch geklaut hatte.“ Eine Randnotiz, aber bezeichnend für die Empathie der selbst gebeutelten Athletin.

Birgit Kober selbst hat es auch im Alltag nicht leicht. Sie lebt von Hartz IV. „Entweder bin ich überqualifiziert, oder der Job lässt sich nicht mit meinen leistungssportlichen Ambitionen verbinden oder die Arbeitgeber zweifeln an meiner Mobilität“, klagt sie. „Als Behinderten-Sportlerin kannst du jedenfalls von deinem Sport nicht leben – es gibt viele warme Worte, aber man ist auch sehr allein gelassen.“

Nicht leicht, einen Job zu finden

Jobvermittlungen seitens des Freistaates hatten sich immer wieder zerschlagen, zudem muss Kober um ihre Trainingsbetreuung kämpfen. Denn auch am Olympiastützpunkt sei alles auf die Arbeit mit „gesunden“ Athleten ausgerichtet. „Da ist die Nische für uns Behinderte eher klein“. Einmal pro Woche reist sie deshalb eigens zu ihrem Trainer Christian Balke nach Weiden in der Oberpfalz. „Dort bekomme ich wichtigen sportlichen Input, wir gehen die Trainingspläne durch und feilen an der Technik“, erzählt sie. Daneben übernimmt ein freundschaftliches Umfeld viele jener Aufgaben, die man bei einer so erfolgreichen Athletin eigentlich beim Verband und beim Freistaat verankert wissen müsste. Dazu gebe es auch im Neuperlacher Hochhausumfeld viele liebe Menschen: „Meine Nachbarn sind toll und helfen mir, wo es geht. Neuperlach ist völlig zu Unrecht so verschrien“, bricht Kober eine Lanze für ihr heimatliches Umfeld. Sportlich warten im Jahr der Paralympics am Zuckerhut neue Herausforderungen: „Wir werden immer wieder neu klassifiziert und bisweilen in neue Behinderungsgruppen eingeordnet. Ich selbst bin zum Beispiel die weltweit einzig stehende Werferin, die im Alltagsleben auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die Klassifizierungskriterien sind ein Wahnsinn!“ Die Münchnerin kämpft wahrlich an vielen Fronten. Und hat doch klare Ziele: Heuer will ich die Quali für Rio schaffen, möglichst bald auch wieder einen Job finden, ich bin da sehr Branchen flexibel.“ Diese tapfere Kämpferin hat jede Unterstützung verdient

Harald Hettich

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