„Ein Kuckucksei von beträchtlicher Größe“

Die SPD hat zu einer Infoveranstaltung zum geplanten Betriebshof in Neuperlach geladen

Hinter einem freien Feld steht eine Häuserreihe
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Der Widerstand gegen den geplanten U-Bahn-Betriebshof im Bereich Arnold-Sommerfeld-Straße/Lise-Meitner-Weg wächst, doch die MVG hält sich an vorgegebene Grenzwerte.
  • VonRoman Wintz
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Bei der SPD-Veranstaltung zum U-Bahn-Betriebshof Neuperlach Süd, die am 21. Juli stattfand, haben sich Vertreter aus allen beteiligten Lagern versammelt. Wie es sich für ein solches Event gehört, wurde in Waldperlach gelacht, gestritten, gefaucht, gejammert und getrunken.

Nach der virtuellen Infoveranstaltung der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zum geplanten U-Bahn-Betriebshof im Mai, gab es nun im Leiberheim in Waldperlach ein persönliches Aufeinandertreffen der verschiedenen Interessengruppen. Mit von der Partie waren Stadtrat Nikolaus Gradl (SPD), die Projektleitung der MVG, Arne Petersen und Florian Bals sowie die Vertreter der Bürgerinitiativen „Saubere Luft“ und „U-Bahn-Betriebshof Süd“, Oliver Hellmund und Thomas Fels. Durch den Abend führte Helena Schwinghammer vom Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach.

Gradl eröffnete die Runde mit den Worten: „Ich finde es gut, dass jeder an dem Projekt mitarbeitet, damit die bestmögliche Planung dort umgesetzt wird.“ In seiner Ausführung stellte er klar, dass aufgrund des Stadtwachstums ein weiterer Betriebshof neben Fröttmaning in absehbarer Zeit unabdingbar sei und langfristig auch ein dritter. „Es ist ein Risiko, wenn die U-Bahnen nicht mehr nach Fröttmaning fahren können, weil es dann keine Ausweichmöglichkeit gibt.“ Das hätte nach Meinung des Stadtrats verheerende Folgen.

Petersen von der MVG stimmte Gradl in diesem Punkt zu: „Der Betriebshof in Fröttmaning ist an der Auslastungsgrenze.“ Die Themen Klimaschutz und Verkehrswende in München würden beinhalten, dass der öffentliche Nahverkehr massiv ausgebaut werden und somit auch zeitnah ein weiterer Betriebshof entstehen müsse, so Petersen.

Eine wichtige Etappe, um das Projekt zu realisieren, ist die Änderung des Flächennutzungsplans. Der Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung hat den Antrag auf Änderung in ein „Sondergebiet gewerblicher Gemeindebedarf“ vorbehaltlich gebilligt. „Damit ist aber noch keine Baugenehmigung verbunden“, sagte Petersen. Ist der Flächennutzungsplan geändert, kommt es zum Planfeststellungsverfahren bei der Regierung von Oberbayern und anschließend zum Beschluss beziehungsweise zur Genehmigung.

Im Weiteren ging Petersen auf den wohl bedeutsamsten Aspekt des Projekts ein – den Lärmschutz. Die Anwohner wehren sich vehement gegen einen Nachtbetrieb zwischen 22 und sechs Uhr, doch dieses Vorhaben scheint unumgänglich. Wie der Projektleiter erläuterte, sei 2017 noch kein Nachtbetrieb unterstellt worden, da zu dieser Zeit noch andere Rahmenbedingungen geherrscht hätten. „Nach Beschluss des Stadtrats zur Verkehrswende, der einen deutlichen Ausbau der U-Bahn-Flotte vorsieht, ist Nachtarbeit zur Abnahme der Fahrzeuge nun aber zwingend erforderlich“, so Petersen.

Workshop zum Austausch mit Bürgern geplant

Auch die Forderung der Bürger, den Betriebshof komplett zu umbauen, wurde vonseiten der MVG abgelehnt: „Das Schallgutachten hat ergeben, dass eine vollständige Einhausung nicht erforderlich ist, die Schallschutzgrenzwerte werden eingehalten.“ Als Alternative sollen um den Betriebshof drei begrünte, acht Meter hohe Schallschutzwände entstehen, aber auch in diesem Punkt gibt es abschließend noch keine Bestätigung. Für das Gutachten seien Emissionspunkte hinterlegt worden, die das größte Schallaufkommen prognostizieren, dadurch könne bestimmt werden, wo in Zukunft Schallschutzwände stehen könnten, so MVG-Projektleiter Florian Bals. „Wir werden die Werte, die damals im Schallgutachten ermittelt wurden, auch noch einmal auf den Prüfstand stellen“, betonte Bals.

Laut Petersen sei ein Workshop geplant, um die Gestaltung mit den Anwohnern genauer zu besprechen. Dort sollen Fragen zu den Themen „Wie soll die Vorfläche gestaltet werden?“, „Welche Bepflanzung soll es geben?“, „Wie gestalten wir die Lärmschutzwände?“ und „Gibt es eine kleine Geländemodellierung vor den Gebäuden?“ geklärt werden. Er fügte hinzu, dass es auch denkbar sei, einen Gestaltungs-Wettbewerb der Wand zu veranstalten, an dem Architekten teilnehmen könnten.

Die Kommunikation mit den Bürgern wolle die MVG neben einer Projekt-Website über den öffentlichen Dialog ermöglichen, außerdem sind Treffen mit Vertretern von Bezirksausschüssen und Bürgerinitiativen geplant. Für den Baubeginn hat die MVG das Jahr 2024 ins Auge gefasst, nach dreieinhalb Jahren soll das Projekt abgeschlossen sein und der vollumfängliche Betrieb starten.

Oliver Hellmund, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „Saubere Luft“ sah die Fragen durch die Stellungnahmen der MVG-Vertreter nicht hinreichend beantwortet. Hellmund betrachte Angelegenheiten wie die Website als konstruktiven Schritt, doch gäbe es hier noch erhebliche Mängel in der Beantwortung der Bürgerfragen. Des Weiteren bemängelte er, dass bis heute kein Zugriff auf das Schallgutachten möglich sei.

„Es ist mir außerdem unklar, wann der geänderte Flächennutzungsplan einsehbar ist.“ Eine Einladung der MVG nach Fröttmaning habe die BI abgelehnt, mit der Begründung, dass am Freitagnachmittag nichts los sei und ein leerer Betriebshof wenig Sinn mache. „Wir haben auf Verschiebung auf einen höher frequentierten Zeitpunkt gebeten“, teilte Hellmund mit.

Aus seiner Sicht sei auch das Thema Umwelt kompliziert: „Nach meiner Auffassung ein klares Ja zur von Herr Petersen angesprochenen Klimaneutralität, der Umweltschutz darf aber nicht einseitig sein. Ich kann nicht da was opfern, um dort entsprechend grün zu sein“.

Laut Hellmund stelle das Projekt auch eine massive Flächenversiegelung dar, was für die BI ebenfalls ein äußerst fragwürdiger Aspekt sei. „Wir wollen den Finger aber nicht nur in die Wunde legen, sondern uns auch als offener und konstruktiver Gesprächspartner bereitstellen. Wir sollten alle mit offenen Karten spielen“, sagte Hellmund abschließend.

BI fordert Verlegung über die Stadtgrenze hinaus

Die neu gegründete BI „U-Bahn-Betriebshof Süd“, vertreten durch Thomas Fels, versteht sich als Schwester von „Saubere Luft“, die einer Familie angehören. Sie wird besonders die Anliegen der Waldperlacher und Neuperlacher vertreten. „Über 11.000 Menschen, die in direktem Umfeld wohnen, wird hier ein Kuckucksei von beträchtlicher Größe still und heimlich vor die Tür gelegt“, so Fels. Laut des Sprechers ist davon auszugehen, dass nachts die zulässigen Schallwerte durch Rangiergeräusche, anfahrende U-Bahnen oder auch bremsende Züge zuhauf übertreten würden. Die MVG könne sich einen geeigneten Lärmschutz schlicht nicht leisten und müsse diesen über Jahrzehnte – zum Nachteil der Anwohner – nachrüsten.

„Hier wird unter dem Deckmantel ehrgeiziger Klimaschutzziele an einer Sparplanung geflickschustert“, sagte Fels. Die BI betrachtet sich selbst als Brückenbauer zur Lösung dieser Probleme. Es sei ein Umdenken mit mehr Weitblick vonnöten, über die Stadtgrenzen hinaus, erklärt Thomas Fels. Die konkrete Forderung der BI lautet: „Der Betriebshof soll nach der Verlängerung der U5 in Ottobrunn/Taufkirchen entstehen.“ Aus Sicht der MVG ist diese Idee aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht realisierbar und kann somit nicht umgesetzt werden.

Auch in der folgenden Fragerunde herrschte unter den Beteiligten ein reges Hin und Her. Es wurde ein fairer Schlagabtausch geboten, der aus allen Ecken nachvollziehbar scheint. Die Entwicklung des Projekts bleibt auch in Zukunft spannend, da von Nachgiebigkeit nichts zu spüren war. Ein erster Schritt allerdings, nämlich die geforderte Einbeziehung der Bürger und mehr Transparenz seitens der MVG, ist somit getan. Dass der Betriebshof kommt, ist sicher – bis zu einer Einigung ist es allerdings noch ein langer Weg.

Roman Wintz

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