Inferno am letzten Kriegstag

Eine gewaltige Explosion

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Wenig ist dokumentiert von diesem schrecklichen Ereignis: Akribischen Stadtteildokumentaren ist es zu verdanken, dass die Stunde null am Wendepunkt zwischen Kriegsende und Neubeginn wenigstens in Ansätzen dokumentiert und aufbereitet ist. Totenanzeigen aus dieser Zeit können das Ausmaß der Katastrophe nur andeute.

BERG AM LAIM Unermessliches Leid hat der Krieg über die Menschen gebracht. Für die Menschen in Berg am Laim hielt der Tag der Kapitulation noch ein ganz besonderes Schreckenskapitel parat. Eine Explosion erschüttert die Gleisbereiche im Norden des Stadtteils. Bis zu 300 Opfer waren zu beklagen.

Während mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Streitkräfte am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa sein Ende fand, behielt sich der Kriegsschrecken für den Stadtteil Berg am Laim und seine damaligen Bewohner an diesem Tag noch ein ganz spezielles Martyrium vor. Vor allem die älteren Menschen aus Berg am Laim und dem Münchner Osten dürften sich einer fatalen Ereigniskette an diesem Schicksalstag noch entsinnen, die in eine Explosionskatastrophe riesigen Ausmaßes mündete. Im Eisenbahnerstadtteil sollte sich an diesem Tag das schwerste Kriegsunglück für Berg am Laim ereignen. Zugleich war es auch einer der schlimmsten zivilen Unfälle, der sich im gesamten 20. Jahrhundert in der Landeshauptstadt ereignete. Die genauen Opferzahlen wurden in den Wirren dieser Übergangstage nie ermittelt. Zeitungen durften zu dieser Zeit nicht mehr erscheinen, das Ereignis selbst ist nur in wenigen schriftlichen Aufzeichnungen wie dem lesenswerten Berg am Laim-Buch des Historikers Erich Kasberger dokumentiert.

Unbekannte Zahl Toter

Während in der Chronik der Kirchengemeinde St. Michael von 117 Toten die Rede war, gingen Zeitzeugen wie Paul Sikora sogar von über 300 Opfern aus. Was war passiert? Im Rangierbahnhof im Berg am Laimer Norden standen Güterzüge der im Rückzug befindlichen Wehrmacht mit Sprengstoff, Pulverfässern und Granaten ebenso wie solche mit dringend erwarteten Lebensmitteln für die notleidende Bevölkerung. Bei einem Gespräch mit HALLO schilderte der erfahrene Eisenbahner Paul Sikora (leider inzwischen verstorben) nachdrücklich seine damaligen Erlebnisse als 14-jähriger und die anderer Zeitzeugen. „Die Leute plünderten, viele waren auf den Gleisen unterwegs“, erinnert sich Sikora an die damalige Situation. „Es wurde mit den Fässern hantiert, sie wurden teilweise auch geleert“, erzählte der Zeitzeuge. „Wannenweise haben wir Steinkohle nach Hause geschafft, um endlich wieder heizen zu können“.

Die Explosion

Doch die Plünderungen der Notleidenden wurde jäh unterbrochen. Wahrscheinlich durch eine brennende Zigarette waren Fässer in Brand geraten und das Pulver entfachte seine fatale Sprengkraft. Welche Wucht diese fürchterliche Detonation damals entfacht haben muss, wird offenbar, wenn man die „Streuung“ von Mensch und Material im Zuge der Explosionen betrachtet. „Teile der Waggons und der Ladung waren bis in die Nachbar-Quartiere nach Ramersdorf, Haidhausen oder Denning geschleudert worden“, berichtete Sikora eindrücklich. Über 70 Prozent aller Wohnungen in der Eisenbahnersiedlung am Bahndamm waren schwerst in Mitleidenschaft gezogen worden. Sikora und seine Kumpel hatten anders als viele andere Glück im Unglück. Mit ihren handbetriebenen Draisinen waren sie sonst regelmäßig in diesem Gleisabschnitt unterwegs. „Zum Unglückszeitpunkt waren wir gerade wenige Kilometer östlich in Trudering und sind so dem Inferno entkommen“, berichtete der alte Herr beim Rundgang vor einigen Jahren. Andere hatten weit weniger Glück. Wochenlang suchten Angehörige in bizarren Kraterlandschaften des Detonationsumfelds nach Überlebenden. Sie fanden fast nur noch Leichen.

Auch die Münchner Berufsfeuerwehr hat das schreckliche Ereignis dokumentiert. In einer Jubiläumsschrift der Floriansjünger ist von einem der größten Brände die Rede, der jemals außerhalb der Kriegshandlungen in München zu bekämpfen war. Neben riesigen Mengen an Artilleriemunition seien viele brennbare Flüssigkeiten, aber sogar auch ganze Tankwagen explodiert. Zehn damals eingesetzte Löschzüge seien erst ganz allmählich den Flammen und immer neuen Explosionsherden Herr geworden. „Auch die Amerikaner haben mit jeder Menge Personal und Material geholfen, die Katastrophe in den Griff zu bekommen“, sah Sikora im internationalen Miteinander wenigstens auch einen positiven Ansatz bei der Bewältigung dieser für Berg am Laim epochalen Katastrophe.

Harald Hettich

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