Asiatischer Laubholzbockkäfer

„Das ist doch hirnlos!“

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Ein trauriges Bild bietet sich in Waldperlach nach dem Sturm Niklas und der jüngsten ALB-Abholzaktion.

Rund 140 Bäume und Sträucher sind vergangene Woche in Waldperlach der Kettensäge zum Opfer gefallen. Mit den Abholzungen wollen die Behörden die weitere Ausbreitung des Asiatischen Laubholzbockkäfers (ALB) verhindern. Viele Betroffene zweifeln an der Methode.

Der Arbeiter hängt in der gut 30 Meter hohen Linde und sägt Stück für Stück ab. Erst die Äste, dann nach und nach den Stamm. Bis nichts mehr da ist von dem Baum. „Vier Generationen haben den Baum hier erlebt“, erklärt die Eigentümerin. Sie steht auf ihrer Terrasse und dokumentiert den Tod ihres Baumriesen mit der Kamera. Es ist nicht die einzige Pflanze, der auf ihrem Grundstück vergangene Woche verschwindet. Und auch die große Buchenhecke, die den Garten einfasst, muss weg. „Dann sitze ich wie auf dem Präsentierteller.“ Das Areal Ecke Rübezahl-/Stollstraße ist besonders schlimm von der Fällaktion betroffen. „Das ist eine Katastrophe“, sagt die Eigentümerin. Eigentlich will sie gar nicht mit der Presse reden, doch angesichts des Kahlschlags in ihrem Garten bricht der Ärger aus ihr heraus. „Nur wegen diesem EU-Gesetz, das ist doch gesunder Baumbestand!“ Es falle ihr sehr schwer, den Sinn dieser Maßnahme einzusehen. „Ich habe mir nicht vorgestellt, dass man im Alter plötzlich keinen Garten mehr hat.“

Ausgelöst hat die schmerzhafte Aktion ein gerade mal zwei bis vier Zentimeter großer Käfer aus Asien. Im benachbarten Putzbrunner Waldstück war Ende Mai in einem Ahornbaum die lebende Larve des Asiatischen Laubholzbockkäfers (ALB) entdeckt worden. Seitdem ist klar: Im Umkreis von 100 Metern um den befallenen Baum müssen die so genannten spezifizierten Pflanzen gefällt werden. So wollen es die Vorgaben von EU und Bund. Seit Juni stehen mittlerweile 16 verschiedene Gattungen auf der Liste. Sie alle könnten dem Baumschädling als Wirtsbäume für die weitere Verbreitung dienen. Um den Käfer endgültig zu eliminieren, haben die Landesbehörden vorsorglich die Fällung angeordnet. 32 Privatanwesen in Waldperlach sind davon betroffen. Rund 140 Laubbäume, Sträucher und Hecken müssen umgesägt werden.

Wut und Resignation über diese Maßnahme sind die vorherrschenden Gefühle in Waldperlach. Die Familie Courville aus der Dornröschenstraße ist traurig über die Baumfällung auf ihrem Grundstück. „Der Baum war ein Grund, das Haus zu kaufen.“ Einen so großen Baum werde man dort nicht wieder erleben können.

Bei Hartmut Feucht aus der Rübezahlstraße überwiegt der Zorn. 14 Gehölze sind auf seinem Grundstück verschwunden. Unter anderem wurden 30 Meter hohe Birken bei ihm rausgehauen. „Alte gesunde Bäume – wegen einer einzigen Larve, das ist doch nicht verhältnismäßig.“ Befallene Pflanzen zu beseitigen, das hätte er verstehen können. „Aber dieses Vorgehen ist so hirnlos!“ Zudem fühlt sich Feucht erpresst. Denn aus dem Bescheid gehe hervor, dass sein Einspruch die Fällungen nicht hätte stoppen können, er dann die Arbeiten sogar noch aus eigener Tasche hätte zahlen müssen. Und eine Entschädigung gäb’s auch nicht. „Das ist glatte Enteignung!“

Das Schlimmste wäre, wenn am Ende herauskäme, dass alles umsonst war, findet seine Nachbarin Sabine Demmel. Denn der Käfer sei ja offenbar schon ein paar Jahre da. „Eigentlich kommt diese ad-hoc-Aktion doch 20 Jahre zu spät.“ Warum also nicht nur die betroffenen Bäume herausnehmen? „Als Laie steht man zwischen Für und Wider.

Die Betroffenheit ist auch deshalb so groß, weil die Waldperlacher zuvor die großflächige Rodung im gegenüberliegenden Waldstück miterleben mussten. Auch wenn hier der letzte Sturm namens Niklas einen großen Anteil hatte, der Anblick der kahl rasierten Fläche entsetzt. Inzwischen ziehen die wildesten Gerüchte durch den Stadtteil. Doch die Stadt beruhigt. Es soll wieder aufgeforstet werden. Allerdings nicht mit Wirtspflanzen für den Käfer

Carmen Ick-Dietl

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