Es wird einfach viel kaputt gemacht

Aktion Trauerbaum in der Haldenseesiedlung Ramersdorf

Plakat vor Bäumen Haldenseesiedlung München
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Die Trauer um die Bäume, die den Neubauten in der Haldenseesiedlung weichen müssen, drückt die Schutzgemeinschaft Ramersdorf mit einem Schild aus.

Die Haldenseesiedlung in Ramersdorf wird abgerissen (HALLO berichtete). Die Schutzgemeinschaft Ramersdorf kritisiert das Bauvorhaben im Viertel – wegen den Gebäuden, aber auch wegen der Bäume.

in weißes Schild steckt in einer kurzgemähten, mit Laub belegten Wiese vor den gelben Häusern an der Haldenseestraße. Darauf der Hinweis auf all die Bäume, die jedes Jahr in München weichen müssen. In der Haldenseesiedlung sollen 170 Bäume gefällt werden. Die Schutzgemeinschaft Ramersdorf, die sich dem Erhalt des Bau- und Baumbestandes im Viertel angenommen hat, kritisiert das. „Bäume sind fürs städtische Klima unersetzlich“, erklärt Bettina Rubow, die erste Vorsitzende des Vereins. Neupflanzungen könnten keine Kompensation für den Verlust bieten, meint der Verein. „Große Bäume haben größere Kronen und binden mehr CO2 als ein neuer, junger Baum “, erklärt Heike Bedrich, die sich in der Schutzgemeinschaft mit dem Erhalt von Baumbeständen beschäftigt. Ersatzpflanzungen für die gefällten Bäume bräuchten daher Jahre, um ähnlich viel CO2 zu binden und auch den kühlenden Effekt zu bieten, wie es ältere Pflanzen können. 110 Bäume sollen im Zuge der neuen Bebauung an der Haldenseestraße gepflanzt werden. Damit nehmen sowohl die Anzahl der Pflanzen als auch deren Volumen ab. Eine Ausgleichsfläche soll zwar geschaffen werden – allerdings in der Fröttmaninger Heide, sagt Bedrich. Dort bringe das Grün den Ramersdorfern freilich wenig.

„Die Geschossflächenzahl erhöht sich in der Haldenseesiedlung mit den Neubauten von derzeit zirka 30.000 auf 70.000 Quadratmeter“, erklärt Heike Bedrich. Gewünscht hatte sich die Schutzgemeinschaft neben einem „sorgfältigen Umgang mit dem Baumbestand“ eine Art Öko-Siedlung. „Eigentlich ist Ramersdorf ein lebenswertes Viertel“, so Bedrich. „Aber es wird durch die Verdichtung einfach viel kaputt gemacht.“ Die Neubauten würden sich oft nicht gut genug einfügen in den alten Baubestand. Und es werde zu viel abgerissen, anstatt alte Gebäude zu erhalten und zu sanieren. Bei Neubauten nutze der Bauherr oft die gesamte Grundstücksfläche – und zerstöre damit das Gartenstadt-Bild, weil eben kein Platz für Gärten und große Bäume auf dem Grundstück mehr bliebe. Als negatives Beispiel führt Bedrich etwa die Maikäfersiedlung in Berg am Laim an: „Angefangen wurde mit Giebelhäusern und Holzelementen, dann wurden auf einmal Betonklötze gebaut, die nicht mehr den Charakter des Viertels widerspiegeln.“

Das große Bauen in der bayerischen Landeshauptstadt sei ein großes Problem mit dem Blick auf den Klimaschutz. „Bauvorhaben und Bauwirtschaft sind in München die größten Klimasünder – dennoch wird darüber so gut wie nie geredet. Wohnungen bauen und vor allem mit Wohnungen Geld verdienen: das geht immer vor“, sagt Bettina Rubow. Der von der Stadt ausgerufene Klimanotstand, die heißen Sommer und die zunehmende Feinstaubbelastung würden eine Vermehrung des Grüns fordern, so die Vorsitzende der Schutzgemeinschaft. Doch wegen der Wohnungsnot sei das Gegenteil der Fall. Bedrich betont, dass die Schutzgemeinschaft nicht generell gegen Neubauten sei. Aber: „Wem nützt Wohnraum in einer immer heißeren und durch aggressivere Luft auch zunehmend ungesünder werdenden Stadt?“, fragt Rubow.

Klar ist: Der Bebauungsplan für die Haldenseesiedlung ist gebilligt. Der Abriss und Neubau mit Fällung der Bäume steht also fest. Und eine Bürgerversammlung wird es in diesem Jahr wegen der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus nicht geben. „Wir wissen, dass wir es nicht mehr umkehren können“, sagt Bedrich. Trotzdem will die Schutzgemeinschaft Ramersdorf noch einmal auf das Thema aufmerksam machen. „Vielleicht können wir den ein oder anderen Baum doch noch schützen.“ Denn bis die Neupflanzungen die Klimabilanz das vorige Niveau erreicht, würden Jahrzehnte vergehen.

pg

Mehr über den Münchner Osten gibt es in der Übersicht.

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