Abriss oder doch Rettung?

Mittelgroßer Bahnhof für eine Traditionsgaststätte: die neue Initiative für einen Erhalt des Bauensembles des früheren Gasthauses Humplmayer rief – und immerhin zwei Dutzend Protestierer kamen. Dennoch: die Chancen für einen Erhalt des altehrwürdigen Gemäuers stehen schlecht. Foto: Harald Hettich

Wenn dieses Engagement mal nicht zu spät kommt: Vor Wochenfrist hatte sich in Berg am Laim eine neue Bürgerinitiative gebildet. Hintergrund und Ausrichtung: das traditionsreiche, in seiner Kernsubstanz rund 120 Jahre alte Wirtshaus Humplmayer – während der letzten zehn Jahre nicht mehr als Gaststätte genutzt – soll abgerissen werden und einem umfangreichen Neubau Platz machen.

Ein Investor, der das in die Jahre gekommene Areal von der einstigen Betreiberfamilie erworben hatte, will vor Ort ein Wohnhaus entstehen lassen. Dagegen wendet sich die Initiative mit ihrer Sprecherin, der örtlichen Bürgerkreisvorsitzenden Hildegard Steffen im Chor engagierter Erhaltungs-Fürsprecher. Rund zwei Dutzend Initiativmitstreiter hatten sich in der vergangenen Woche zur Demonstration am Streitobjekt eingefunden. Wortschöpfungskreationen von „Gewachsene Orte oder geschleckte Retorte?“ bis „Wir brauchen einen Denkmalschutz, der das Stadtbild für die Münchner erhält und nicht alles streicht, was nicht 100 Prozent antik ist“ waren im Schilderwald auszumachen. Vergleichsweise wenig Eindruck hinterließ das vielstimmige Engagement aber offenbar im örtlichen Bezirksausschuss Berg am Laim. Dort stimmten nur die Grünen gegen eine deutliche Mehrheitsphalanx aus SPD und CSU dafür, das Thema lokalpolitisch neu aufzurollen. Die Mehrheit sagte nein. Erhalt des Humplmayr Nostalgikern vor Ort dürfte der geplante Abriss des Traditionswirtshauses durchaus die ein oder andere Träne aus dem Knopfloch tropfen lassen – „Heut‘ gehen wir zum Humplmayr – das war in Berg am Laim über Jahrzehnte ein geflügeltes Wort“, erzählt eine, die bestens vertraut ist mit den Geschichten und Geschichtchen in und um diesen Stadtteil: Die Historikerin Christl Knauer-Nothaft ist nicht nur Mit-Autorin der beiden vielbeachteten Historienbücher zum Stadtteil Berg am Laim – sie ist intime Kennerin des Umfelds und eine Verfechterin der Forderung, im schnellen Zeitenwandel Erhaltenswertes zu schützen. „Berg am Laim hat schon viel Erhaltenswertes verloren – zwei historische Gasthäuser allein beim seinerzeitigen Bau der Berg-am-Laim-Straße“, erklärt sie beim Ortstermin. Bis auf die Kirchen ist nicht mehr viel da, was vor dem Hintergrund eines sich stetig wandelnden Ortsbildes an die Vergangenheit erinnere. Apropos Kirchen: mit Blick auf eine „weitere neue Wunde“ im Stadtteil wirbt auch Initiativsprecherin Hildegard Steffen für ein Umdenken. Was passiere, wenn allzu sorglos neue und zeitgemäße Architektur auf Gewachsenes pralle, sei etwa bei der Kirche St. Stephan abzulesen. „Ein grobklotziger Neubau an der Baumkirchner Straße hat die früher schöne Sichtbeziehung zerstört – ein Unding!“ schimpfte Steffen vor dem Humplmayr. Den gelte es jetzt zu erhalten. Brief an den OB Steffen hat deshalb kürzlich auch hilfesuchend einen Brief an Münchens Oberbürgermeister Christian Ude verfasst. „Darin habe ich den OB aufgefordert, doch auch einmal den Berg am Laimern ein Geschenk zu machen“, erzählt die Autorin des Schreibens. Wie dieses Geschenk aussehen könnte, dazu gibt es seitens der Initiatoren durchaus schon dezidierte Vorstellungen. „Warum soll das Humplmayr-Haus nicht einer bürgerschaftlichen Nutzung zugeführt werden?“ fragen Steffen und Knauer-Nothaft im Chor. Immer noch verfüge der Stadtteil nicht über ein eigenes Stadtteilbürgerhaus. „Dagegen wird bei uns alles abgerissen, während in Nachbarstadtteilen wie Haidhausen der Ensembleschutz greift“, kritisiert Knauer-Nothaft. Alternativ sei auch ein Ausflugslokal denkbar. „Bedarf besteht durch die umfangreichen Wohn-Baumaßnahmen im Umfeld genug“, so Knauer-Nothaft. Doch bei aller Wertschätzung für das Erhaltungsengagement: im Bezirksausschuss wurden vor allem kritische Stimmen in Richtung Initiative laut. „Wie soll denn ein solches Geschenk aussehen ?“ so die Frage aus dem BA-Gremium an die Initiative. „Da reden wir doch von einem Millionen-Betrag für Rückkauf des Geländes und Sanierung des Gebäudes“, so BA-Chef Robert Kulzer (SPD). „Richtig!“ So die Antwort Steffens. Schließlich habe der frühere OB Georg Kronawitter einst im Jahre 1984 den Berg am Laimern während des Wahlkampfes den Behrpark „geschenkt“. Ähnliches sei jetzt erneut denkbar. Schlechte Vorzeichen „Viel zu spät“ komme die Initiative, sind sich dagegen Kulzer sowie die beiden Fraktionssprecher von SPD und CSU, Karl-Heinrich Schepsmeier und Sascha Multerer einig. „Warum wurde zehn Jahre lang nichts unternommen, als der Bau leer stand?“ Jetzt seien mit dem Verkauf an die Firma Union Schneider Fakten geschaffen worden. Der Investor werde sich nicht mehr in seine Pläne hineinreden lassen, ist man sich im BA nach einer Kontaktierung des potentiellen Bauherrn sicher. Schwer wiegt gegen eine Erhaltung auch das Werturteil des Landesdenkmalamtes. Dessen Experten sahen in ihrer Expertise in dem nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise wieder neu aufgebauten Anwesen kein Denkmal –das letztlich einem Abriss entgegenstünde. Eine Negativ-Einschätzung, der man seitens des in der Sache ebenfalls aktiven, neuen „Denkmalnetz Bayern“ vehement widerspricht. Das Bündnis aus rund 80 Initiativen und Vereinen im Freistaat setzt sich für das baukulturelle Erbe hierzulande ein – und hat den Humpelmayr längst auf die eigene Erhaltungsagenda gesetzt. Haus mit Historie „Ein Herzstück“ beim damaligen Ausbau des früheren Dorfes Berg am Laim sei die 1898 und 1899 erbaute Gaststätte gewesen – ein Kristallationspunkt für die Menschen vor Ort und die vielen Zuzügler. Es stehe geradezu symbolisch für die Entstehung des Quartiers, argumentierte Denkmalnetz-Sprecher Johannes Haslauer auch im BA. Es sei „gebautes Erbe unserer Vorfahren“ und könne künftig wieder zu einem Schmuckstück reifen. Das Schopfwalmdach- und Zwerchhaus mit seinen charakteristischen „Faschen“ (Fensterumrahmungen) habe lange als Poststation entlang der Strecke München – Salzburg gedient. „Später“, so hat Haslauer mit Blick auf das Jahr 1910 recherchiert, „wurde hier der Radfahrerverein gegründet“. Auch der BA hatte hier lange seine Sitzungen abgehalten. „Das ist aber nichts von historischem Wert“, schallte aus dem Stattteilgremium den Bestandskämpfern entgegen. Es sei zudem legitim, dass der Investor andere Ziele habe. Doch gerade diese Schnittstelle sieht die Initiative noch nicht ausreichend fokussiert. „Wir werden mit dem Investor in Kontakt treten und Möglichkeiten ausloten“, legte Steffen das weitere Vorgehen nach einer Antwort des OB dar. „Vielleicht ist ja auch ein Kompromiss möglich“, so Steffen: „Einerseits das Wirtshaus zu erhalten und andererseits einen Neubau im hinteren Bereich anzuschließen“. Es dürften schwierige Gespräche werden – der BA klinkt sich jedenfalls nicht ein. Harald Hettich

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