Pfarrer Rainer Liepold

Grabesstimmung

Abschied nehmen – auf gute Weise: Freimanner Pfarrer über gelungene Trauerfeiern und Trends auf Münchner Friedhöfen

Über den Tod nachzudenken – ein schwieriges, ein schmerzhaftes Unterfangen. Am 22. November ist Totensonntag, ein Gedenktag für die Verstorbenen. Darüber hinaus über das eigene Ableben und seinen Abschied von der Welt zu sinnieren – davor drücken sich die meisten. Ein Fehler, findet Pfarrer Dr. Rainer Liepold (Foto) aus Freimann. Er hat in seiner Laufbahn rund 500 Menschen beerdigt und sagt: „Eine schöne, persönliche Bestattung hilft den Angehörigen enorm, auf gute Weise Abschied zu nehmen.“ Wie wichtig das ist, zeigt sich nicht nur dieser Tage: „Wenn der Tod uns unsere Verletzlichkeit vor Augen führt, rücken wir zusammen.“

Wie der Pfarrer den Fließbandbetrieb auf Münchner Friedhöfen einschätzt, und was seine skurrilsten Erlebnisse am Grab waren, erzählt er hier – von A bis Z. ist

Rainer Liepold liest am Freitag, 20. November, aus seinem neuen Ratgeber „Graben Sie tiefer!“ Beginn ist um 19 Uhr in der Hoffnungskirche, Carl-Orff-Bogen 215.

Pfarrer und Friedhofsprofi Dr. Rainer Liepold (48) von A bis Z

Arbeit: Ich bin im Jahr etwa 40 Mal auf dem Friedhof, 500 Menschen habe ich schon unter die Erde gebracht. Da erlebt man Herausforderndes, Schönes, Trauriges, Befremdliches, Interessantes – Bestattungen sind kein Selbstläufer, glauben Sie mir!

Bestattung: Die meisten Menschen haben keine Vorstellung, wie viel Gestaltungsspielraum es gäbe. Sie beschäftigen sich erst damit, wenn’s akut wird – und dann müssen sie in einem zweistündigen Beratungsgespräch etwa 120 Fragen beantworten. Wenn man sich davor etwas mit dem Thema befassen würde, wäre es leichter, für eine schöne Bestattung zu sorgen.

Choral: Ich werbe fürs Selber-Singen. Leider entscheiden sich 90 Prozent der Hinterbliebenen für Musik vom Band, die Friedhofsorganisten wurden entlassen. Aber sich seine Gefühle von der Seele zu singen ist eine unheimlich wohltuende Sache.

Diskrepanz: Über die Hälfte der Menschen, die ich kirchlich bestatte, habe ich zu Lebzeiten nie in der Kirche gesehen. Aber wenn der Tod das Leben in Frage stellt, wollen sie trotzdem, dass Gott zur Sprache kommt.

Exzentrisch: Einmal wurde ein Essen auf dem Sargdeckel kredenzt. Der Verstorbene war ein leidenschaftlicher Esser – die Angehörigen wollten ihn so noch einmal in ihrer Mitte haben.

Fließbandbetrieb: Am Nordfriedhof finden etwa acht Bestattungen am Tag statt. Viele Mitarbeiter sind empathisch und geduldig. Schade, wenn dann Elektrokerzen und sich automatisch schließende Vorhänge trotzdem für Fließband-Atmosphäre sorgen.

Geschäft: Bestattungen sind auch ein Business. Aber: Die Qualitätsunterschiede zwischen den Bestattungsunternehmen kommen mir viel größer vor als die Preis- unterschiede. Wer sich schon lange vor dem Sterbefall informiert, landet in guten Händen.

Herausforderung: Schwierig sind Angehörige, die mir sagen: „Machen Sie es halt so wie immer...“ Nicht in Routinebetrieb zu verfallen, ist für Friedhofsprofis die größte Herausforderung.

Inkognito: Es gibt einen Trend zu anonymen Bestattungen. Da muss man unterscheiden: Gibt’s eine richtige Trauerfeier? Dann können Angehörige Abschied nehmen. Aber nur Sarg abholen lassen und nach ein paar Wochen die Rechnung begleichen – das finde ich schwierig.

Jessas! Sieht denn keiner die Spinnweben am Kreuz hinter dem Sarg? In Gottes Namen: Bitte staubt es ab! Es sind solche Kleinigkeiten, an denen sich Trauergäste stören.

Kosten: Man muss keine Unsummen für eine schöne Bestattung ausgeben. Ein Billigsarg, der von den Enkelkindern liebevoll bemalt wird? Da sehe ich eine Form von Wertschätzung, die einfach unbezahlbar ist.

Leise: In anderen Ländern lässt man seine Emotionen sehr viel üppiger aus. Im Orient werden Klageweiber engagiert, die nach Lautstärke bezahlt werden. Bei uns ist das alles kontrolliert. Wir neigen am Friedhof manchmal sehr zum zurückhaltenden, roboterhaften Verhalten.

Musik: „Time to say Good­bye“ ist in München sehr oft zu hören. Kurioser Fall, den ich mal hatte: Eine Witwe wünschte sich für ihren verstorbenen Mann „Das bisschen Haushalt macht sich von allein – sagt mein Mann“. Warum? „Mein Mann war immer der Meinung, dass Haushaltsarbeit keine echte Arbeit ist. Außerdem musste er immer das letzte Wort haben.“

Normal ist es zunehmend, auf Münchner Friedhöfen zu joggen. Ich persönlich habe mit dem Laubbläser einer Gärtnerei mehr Probleme als mit einer Joggerin, die einen weiträumigen Bogen um den Leichenzug macht. Wenn ich hier begraben wäre, hätte ich nichts gegen hübsche Jogger- innen. Das Pietätsempfinden wandelt sich im Augenblick ein Stück weit.

Online-Friedhöfe gibt es tatsächlich. Den virtuellen Gräbern sind Erinnerungsseiten zugeordnet, wo man Bilder des Verstorbenen sieht und Menschen Kondolenzbotschaften hinterlassen. Es kann aber auch vorkommen, dass Viagra-Werbung neben dem Grabstein platziert wird...

Persönlich: Ich möchte mit kräftigem Gesang, ehrlichen Worten und hoffnungsvollen Gebeten begraben werden. In einem schlichten Sarg, gerne aus dem Holz von Bäumen, die noch jung und frisch sind.

Qualm: Großstädter sind beste Kunden der Krematorien. Ich vermute, dass es an der Mobilität der Großstadt liegt. Jüngere Menschen besuchen Gräber heute deutlich seltener als früher. Andererseits ist Gräberpflege für viele auch wichtige Trauerarbeit – das ist wie posthume Zärtlichkeit.

Reibach: Aufpreis für Messingbeschläge? Der Sarg ist ein Kostentreiber. Mir wären schöne Blumen und ein guter Wein beim Leichenschmaus wichtiger.

Sargpflicht: 85 Prozent der Muslime werden auch heute noch in ihren Herkunftsländern beerdigt. Denn der Islam sieht Beisetzungen ohne Sarg vor. In Bayern gilt aber nach wie vor Sargpflicht.

Trend: Bei uns wackelt der Friedhofszwang. Weil es immer mehr Feuerbestattungen gibt, haben die Friedhöfe Probleme, ihre Flächen belegt zu bekommen. Dadurch müssen sie schauen, wie sie wieder attraktiver werden. Es gibt inzwischen Friedhofsführungen, Buchlesungen, Filmvorführungen.

Unbefangen: Als junger Vikar, wenn eine Bestattung anstand und ich die Angehörigen kontaktieren musste – da hatte ich immer einen ganz schönen Kloß im Hals. Ich kenne diese Befangenheit, aber es ist schade, wenn wir Angst vor Menschen haben, die gerade einen Abschied erleben.

Verantwortung: Wenn Menschen Ideen mitbringen, wird eine Bestattung sofort persönlicher. Dann tritt das, was an einem Großstadtfriedhofsbetrieb unvermeidbar ist, in den Hintergrund.

Witz: „Wenn jemand bei einer Beerdigung den Blumenstrauß nach hinten wirft, um zu sehen, wer als nächstes dran ist...“ Den Spruch hat mir eine Frau geschickt, deren Tochter ich vor Kurzem beerdigt habe. Es hat mich berührt, dass sie wieder über so etwas lachen konnte.

X-mal habe ich mich über dieses formelhafte Kondolieren gewundert: „Beileid“, „Beileid“, „Beileid“. Ich würde mir wünschen, dass Menschen einen lieben Satz sagen.

Yorkshire-Terrier: Ich kenne einen betagten Mann, den gibt es nur im Doppelpack mit seinem Hund. Hunde sind auf dem Friedhof verboten – aber ich vermute, man kann auch mal ein Auge zudrücken. Bei ihm wäre der Hund ja kein Hund, sondern ein Trauergast.

Zweigeteilt: Manche ärgern sich, wenn sie ein Grab erwerben, und das Nachbargrab wird in Gestalt eines riesigen Fußballs gestaltet. Wir gehen in München dazu über, manche Friedhofsbereiche konventionell zu halten und in anderen mehr Gestaltungsspielraum zu lassen. Ein guter Weg.

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