Terrorismus-Experte

Wachsam bleiben – aber ohne Angst!

Terrorismus-Experte über den IS und die Anschlagsgefahr in München – und was mit der Willkommenskultur passiert

Er war Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, wirkte als Gastprofessor in Jerusalem und speiste mit arabischen Kronprinzen: Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld (Foto), Direktor des Bogenhauser Centrums für angewandte Politikforschung (CAP), beobachtet den Terror im Nahen Osten seit 30 Jahren. Für ihn sind die Paris-Anschläge ein Wendepunkt: „Der Terror ist nun wirklich mit aller Wucht in Europa angekommen, auch in Deutschland“, sagt der 68-Jährige.

Auch in München sei die Gefahr eines Anschlags da. „Es ist ein denkbares Ziel, ja. Ich rate zu Wachsamkeit, ohne aber Angst zu haben.“ Anders als manche Polit-Analysten, die in den Paris-Attentaten eine zunehmende Schwäche des Islamischen Staats (IS) in Syrien sehen, glaubt Weidenfeld: „Die westlichen Attacken sind strategische Ergänzungen, nachdem die Terroristen ihr direktes kulturelles Umfeld angegriffen haben. Sie wollen die Ungläubigen vernichten – und zwar überall.“

Warum Information die beste Waffe gegen die Angst vor Anschlägen ist und was jetzt mit Münchens Willkommenskultur passiert, erklärt Terrorismus-Experte Weidenfeld von A bis Z in Hallo. ist

Terrorismus-Experte Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld (68) von A bis Z

Anschlag: Der Terror ist mit den Anschlägen in Paris nun wirklich mit aller Wucht in Europa angekommen, auch in Deutschland.

Bomben: Die Antwort auf die Anschläge waren und sind verstärkte Lufteinsätze in Syrien. Dadurch wird der IS geschwächt, das sieht man jetzt schon. Aber er wird nicht besiegt.

Christkindlmarkt: Muss man Angst haben, auf den Christkindlmarkt zu gehen? Ich sage mal so: Man muss wachsam sein und die Augen offen halten. Das gilt für jeden Ort, an dem sich sehr viele Menschen treffen. Das ist der aktuellen Gefährdungslage angemessen – nicht mehr und nicht weniger.

Dumm ist, wer sich von den Terroristen sein Leben vorschreiben lässt.

Empfehlung: Was ich unseren Politikern empfehlen würde? Es gilt die Lage zu erklären und strategische Antworten zu vermitteln. Die Politik hat da leider ein Erklärungsdefizit.

Flüchtlinge: Für Syrer, die nach Deutschland kommen und Asyl suchen, verändert sich die Situation nicht. Pegida und andere Protestbewegungen werden zwar alles Negative benutzen, was ihnen in die Karten spielt. Aber die, die aufmerksam die Lage beobachten, wissen ja, dass ein Asylsuchender aus Syrien eine Sache ist und Terrorismus eine ganz andere. Mir scheint, dass die Bevölkerung das auch begreift.

Gefahren hat es schon vor Paris gegeben. Die deutschen Sicherheitsbehörden sagen, dass es keine akute, sondern eine abstrakte Gefährdung gibt. In dem Moment, in dem es Informationen zu einem konkreten Vorgang gibt, werden die Sicherheitsstufen hochgefahren – zum Beispiel wenn ein Waffenlager gefunden wird.

Heimlich: Alles, was für unsere direkte Sicherheit wichtig ist, wird uns auch vermittelt. Zurückgehalten werden Informationen, die eine zusätzliche Gefährdung auslösen würden.

IS in München: Selbstverständlich gibt es auch in München Radikale. Wir wissen, dass auch von hier Menschen mit dem Ziel IS ausgewandert sind. Zahlen kann man dazu allerdings nicht nennen.

Jahrelang: Ich beobachte den Terror im Nahen Osten seit gut 30 Jahren, seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ganz besonders. Über Al-Qaida habe ich ein Buch geschrieben. Den IS habe ich im Blick, seitdem es ihn gibt.

Kalifat: Der Islamische Staat bezweckt, die Ungläubigen zu vernichten. Das ist das große Ziel. Und das gibt diesem Ansatz eine pseudo-religiöse Grundlage. Es geht hier um eine Attacke gegen den Unglauben.

Lebenslauf: Die Versprechen des IS richten sich an Menschen ohne Perspektive, für die der IS eine Art Ersatz-Sinnentwurf darstellt. Genau solche Menschen sind anfällig, sich zu radikalisieren.

München als Ziel für Anschläge? Das kann ich nur mit ja beantworten. Die Attacken haben immer einen Symbolhintergrund gehabt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Paris in der Wahrnehmung der Terroristen ein Zentrum des westlichen Lebensstils ist. Und natürlich gibt’s auch in Deutschland solche Symbolorte. Nur kann ich die nicht benennen, ich will ja keinen Zielkatalog für Terroristen aufstellen.

Nachwuchs: Der IS hat gegenwärtig wohl knapp 50 000 Rekruten. Diese Zahlen sind konstant. Denn solange es diese vielen perspektivlosen Menschen gibt, haben die Terroristen ein Nachwuchsreservoir.

Opfer: Jeder kann den Terroristen zum Opfer fallen, ihre Gewalt richtet sich schließlich gegen die Ungläubigen. Dafür sind auch die Terroristen bereit zu sterben – denn am Ende ist der Selbstmord eine höhere Form der Erlösung. Das verschärft die Gefahr. Frühere Generationen haben die Risiken für sich selbst minimiert. Die jetzige Generation will ja quasi umkommen – die trainiert, wie man den Selbstmordsprenggürtel bedient.

Paranoia: Keiner wird paranoid, wenn die Lage präzise erklärt wird. In dem Moment, in dem Sie genau begreifen, was los ist, wird Ihnen ein Stück weit die Angst genommen. Der Vorwurf, man bekomme keine Antworten, stimmt nicht. Wie viel haben wir über die Paris-Vorgänge mitbekommen! Man weiß sogar, wie viele Schüsse die Polizisten bei ihrem Anti-Terror-Einsatz in Saint-Denis abgegeben haben: 5000. Wie detailliert soll es denn noch sein?

Qur’an: Die IS-Ideologie ist ein Missbrauch des Korans, ein extremistischer Vulgär-Islam. Wir sind an einem Punkt, an dem es auch in Deutschland Tendenzen gibt, den Islam vorzuverurteilen. Gewalt wird religiös begründet – ob die Menschen am Ende wirklich religiös sind, da habe ich meine Zweifel.

Radikalisierte sehen wieder einen Sinn in ihrem Leben, so merkwürdig dieser auch sein mag. Da macht es keinen Unterschied, ob man in einer westlichen Welt aufgewachsen ist.

Schwäche: Dass die Anschläge in Paris von einer Schwäche des IS in Syrien zeugen – wie manche sagen –, sehe ich anders. Die westlichen Attacken sind strategische Ergänzungen, nachdem sie ihr direktes kulturelles Umfeld angegriffen haben. Sie wollen die Ungläubigen vernichten – und zwar überall.

Trittbrettfahrer kommen nach solchen Ereignissen häufig vor. Jedoch in einer ganz anderen Dimension. Diese zeitgleichen Attacken in Paris, das war eine unglaubliche Vorbereitung. Die Wohnung der Terroristen war so gepanzert, dass die Polizei selbst mit ihren schärfsten Waffen lange brauchte, um die Tür aufzubrechen. Man fragt sich, warum solche Umbaumaßnahmen nicht vorher aufgefallen sind.

Unbehagen: Es war richtig, das Spiel in Hannover abzusagen. Es hat sich ja herausgestellt, dass es konkrete Anschlagsvorbereitungen gab. So offensiv, wie die Terroristen sind, würde ich den Behörden raten, lieber einmal zu viel abzusagen als einmal zu wenig.

Verantwortung des Westens – ein zu starker Begriff. Aber: Der Westen hat Fehler gemacht. Er hat sich zu spät mit der politisch-kulturellen Sache befasst und mit seinen militärischen Maßnahmen in Afghanistan und im Irak dazu beigetragen, dass sich die Terroristen intensiver organisiert haben.

Willkommenskultur: Die Leute, die Menschen in Not bei uns willkommen heißen, wissen ja, dass die Flüchtlinge nicht auf einmal Pistolen rausziehen und alle erschießen. Das ist eine völlig andere Gruppe. Und so lange wir das auch so wahrnehmen, ändert sich nichts an der Willkommenskultur.

X-beliebig: Anschläge können in jedem Land passieren, in dem die Terroristen Orte mit Symbolwirkung finden.

YouTube: Wir müssen die sozialen Medien im Auge behalten. Elektronische Kommunikation gibt Terroristen einen ganz anderen Radius.

Zukunft? Das hängt von der Qualität westlicher Strategien ab. Wenn die effektiv sind, wird der Terrorismus an Gewicht und Wucht verlieren. Natürlich geht das nicht so schnell. Wir müssen uns auf weitere Anschläge einstellen.

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