„Wir müssen gründlich abwägen“

Die Geothermie-Nutzung für Vaterstetten und Grasbrunn ist wirtschaftlich nur sinnvoll und machbar mit einem leistungsstarken Partner. Zorneding, vor allem aber Haar, gehören zu den Wunschkandidaten. Ein schnelles Ja ist aus Haar aber nicht zu bekommen, das wurde bei einer gemeinsamen Sitzung klar (HALL0 berichtete). Wir sprachen mit Haars Bürgermeister Helmut Dworzak über das Thema Geothermie.

HALLO: Die geologischen Voraussetzungen für das geplante Geothermie-Projekt sind günstig. Warum ziert sich Haar mit der Entscheidung? Dworzak: Zieren ist sicher der falsche Ausdruck. Wir müssen gründlich abwägen. Fakt ist, dass Vaterstetten und Grasbrunn allein das Projekt nicht verwirklichen können. Erst mit Haar oder Zorneding könnte es interessant werden. HALLO: Die finanzielle Größe des Projekts ist also ausschlaggebend? Dworzak: Natürlich. Die Pioniergemeinde Unterhaching ist mittlerweile auch bei rund 100 Millionen Euro angelangt und produziert – anders als beim Vaterstettener Projekt geplant – auch Strom. Die meisten anderen Projekte im Münchner Umland liegen deutlich unter 100 Mio. Euro. Die Erdwärmeversorgung für Haar, Vaterstetten, Grasbrunn liegt deutlich höher, sie ist mit 240 Millionen Euro veranschlagt. Das können locker auch 300 Mio. Euro werden. Das wäre das teuerste Geothermie-Projekt, das je in unserer Region angegangen wurde. HALLO: Die Pro-Kopf-Verschuldung in Haar liegt ja bisher deutlich unter dem Landesdurchschnitt, zudem verfügt Haar über ordentliche Rücklagen. Dworzak: Die reichen aber bei Weitem nicht aus. Alle drei Gemeinden können die Geothermie nicht selbst finanzieren. Selbst wenn private Kapitalgeber mitwirken, wäre die Belastung über zwei Jahrzehnte so hoch, dass die Finanzierung sozialer Projekte (z. B. von Kindertagesstätten) oder anderer Umwelttechnologien gefährdet wäre. HALLO: Die Gemeinden also als Risikoabfederung für private Investoren? Dworzak: Die Wirtschaftlichkeitsberechnung sieht eine Rendite von ca. 6 Prozent vor, was für private Anleger nicht besonders lukrativ ist. Bei solchen Risikoinvestitionen werden in der Regel Margen um die 10 Prozent angesetzt. Wenn der Ölpreis kräftig steigt, wird es auch für Private interessanter. Generell gilt: Zeit ist Geld. Je schneller Kunden angeschlossen werden, desto ren-tabler ist das Ganze. Es müsste also das Ziel sein, das Netz zügig aufzubauen und es nicht auf 10 bis 15 Jahre hinzuziehen, wie es der Projektplan vorsieht. Die Frage ist auch, wie lange Vaterstetten die Claimrechte wird halten können. Meiner persönlichen Meinung nach könnte Vaterstetten sogar auf die Rechte verzichten. Denn private Energieerzeuger müssten in jedem Fall mit der Gemeinde zusammenarbeiten. Dann muss ein privater Profi entscheiden, ob es in einem Gebiet mit vielen Einzel- und Reihenhäusern Sinn macht, Fernwärme durch ein teures Leitungsnetz im Kreis zu schicken. HALLO: Sehen Sie denn Alternativen? Dworzak: Wirklich regenerativ sind nur Wind, Wasser und Sonne. Warum also nicht überlegen, ob man in Offshore-Stromproduktion, also Windkraft vor Meeresküsten, oder in Solarkraftwerke in südlichen Ländern effektiver investiert. Auch die heimische Biogasproduktion ist eine Alternative, die geprüft werden muss. Um so mehr, als man davon ausgehen kann, dass der Energieverbrauch pro Haus im nächsten Jahrzehnt sinken wird. Der Gesetzgeber wird sicher künftig auch die Isolierung von Altbauten fordern. HALLO: Das heißt, die Kunden brauchen weniger Energie? Dworzak: Davon können wir ausgehen. Das bedeutet für ein Geothermieprojekt aber, dass für den Abnehmer bei geringem Wärmebedarf trotzdem die hohen Fixkosten für das Fernwärmenetz anfallen. HALLO: Der Kunde müsste die umweltfreundliche Erdwärme also teuer bezahlen. Dworzak: Möglicherweise. Deshalb ist es meines Erachtens so wichtig, sorgfältig zu prüfen, ob andere Wege sinnvoller sind. HALLO: Wenn in Haar II neu gebaut wird, wäre Geothermie dann die richtige Energieform? Dworzak: Das ist die Entscheidung des Investors. Wir planen deshalb im Januar einen Workshop mit Vertretern der Immobilienwirtschaft, um deren Vorstellungen kennen zu lernen. Das Gespräch ist Teil der Strategieanalyse „Energieversorgung und Klimaschutz“, die der Gemeinderat beauftragt hat, um Aspekte besser gewichten, neue Technologien besser beurteilen und dann darüber entscheiden zu können. HALLO: Die Entscheidung pro oder contra Geothermie ist also nur aufgeschoben, nicht aufgehoben? Dworzak: Definitiv. Ende Februar werden die Fachleute im Gemeinderat einen Zwischenbericht vorgelegen. So viel Zeit muss sein. Die Erdwärme läuft uns ja nicht davon .

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