„Wir leben von der Substanz“

In Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um den Milchpreis sprach HALLO am Rande der Veranstaltung in Vaterstetten mit Walter Unkelbach aus Hergolding, dem Ebersberger Kreisvorsitzenden des Bundes Deutschen Milchbauer.

HALLO: Herr Unkelbach, im Landkreis Ebersberg gibt es 457 Milchbauern, wie viel davon sind Mitglied beim Bundesverband Deutscher Milchbauern (BDM)? Unkelbach: 275 Milchbauern (60 Prozent) sind beim BDM. HALLO: Und wie viele davon leben noch ausschließlich von der Landwirtschaft? Unkelbach: Das weiß ich nicht, wahrscheinlich sind es nicht mehr viele, denn etliche haben ein zweites Standbein bzw. einen Zuverdienst anfangen müssen, um über die Runden zu kommen. HALLO: Wie viele Milchkühe stehen in diesen 457 Ställen im Landkreis Ebersberg? Unkelbach: Unseren Zahlen nach ca. 17.000 Milchkühe. HALLO: Der Milchpreis liegt derzeit zwischen 20 und 25 Cent pro Liter. Das ist eine Zahl, mit der der normale Verbraucher wenig anfangen kann, außer dass das derzeit rund ein Drittel bis die Hälfte dessen ist, was er für den Liter verpackte H-Milch im Supermarkt oder beim Discounter zahlt. Ich glaube, dass es für viele Leser recht interessant wäre, diese Summe einmal zu hinterfragen. Wie viel Milch gibt eigentlich eine Kuh pro Tag bzw. pro Jahr? Unkelbach: Im Durchschnitt gab eine Kuh im Landkreis im Jahr 2008 ca. 6500 kg Milch. HALLO: Das Geld bekommt der Milchbauer monatlich von der Molkerei aufs Konto? Oder wie läuft die Bezahlung in der Praxis ab? Unkelbach: 10 Tage nach dem Liefermonat wird das Milchgeld von der Molkerei ausbezahlt, und zwar für jeden Betrieb individuell, je nach Milchinhaltstoffen (Fett, Eiweis) und Qualität (Zellzahlen und Keimgehalt der Milch). Der Grundpreis bezieht sich auf 4,2 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß. Die Preise variieren nach oben oder unten. Je Prozent Fett gibt es einen Zu- oder Abschlag von 2,7 Cent, je Prozent Eiweißgehalt von 4,1 Cent. Abzüge gibt es auch, wenn der Zellgehalt und Keimgehalt zu hoch sind, dass ist aber bei über 98 Prozent der Milchbauern nicht der Fall. HALLO: Stehen einem Milchbauer eigentlich sonst noch Zuschüsse oder Subventionen von der EU oder vom Staat zu? Unkelbach: Die Betriebe erhalten die EU-Ausgleichszahlungen, die sich nach der Betriebsfläche richten, und die als Ausgleich für die Absenkung der Lebensmittelpreise im Jahr 1991 eingeführt wurden. HALLO: Wenn ich die Zahlen hochrechne hat ein Milchbauer im Landkreis bei 6500 Liter Milch pro Kuh und Jahr (da nehme ich dann Ihre Zahlen) also einen Bruttoerlös von ca. 1300 Euro pro Miclhkuh. Was stehen diesen Einnahmen an Kosten für Futter, Tierarzt etc. gegenüber? Unkelbach: Das ist recht unterschiedlich. Denn die Festkosten schwanken von Betrieb zu Betrieb sehr stark. Ich will aber eine Beispielrechnung aufmachen, die der Realität vieler Betriebe entspricht: Der größte Posten sind die Futterkosten, die liegen bei 15 bis 20 Cent pro Liter Milch, dazu kommen Tierarztkosten, die kann man mit ca. 1 Cent ansetzen. Besamungskosten, Strom, Wasser, Beiträge zum Zuchtverband und für Leistungsprüfung liegen bei 1,5 bis 2 Cent. So, da bin ich schon bei 20 Cent variable Kosten. Hinzu kommen nun noch die Festkosten für Abschreibung bzw. Kosten des Stalls, der Güllegrube, des Silolagerraums sowie die Kosten für die Technik und die Maschinen. Und unterm Strich sollte dann meine eigene Arbeitszeit auch entlohnt werden. Die Festkosten belaufen sich je nach Betriebsgröße und Alter der Gebäude und Technik auf 15 bis 25 Cent je kg Milch. Wenn ich also nur mit 15 Cent rechne, komme ich auf Produktionskosten von mindestens 35 Cent je kg Milch. HALLO: Und wovon lebt der Bauer dann? Unkelbach: Wir zehren momentan von der Substanz. Das heißt, dass die Bauern entweder Geld in den Betrieb stecken müssen, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können, oder notwendige Investitionen nicht getätigt werden können – z. B. der Bau einer neuen Stallung, um eine Arbeitserleichterung und artgerechtere Haltung zu ermöglichen. Für viele Betriebe ist diese Situation nicht mehr lange durchzustehen. Wenn in solch einer Situation der Hof aufgegeben wird, dann sind das Betriebe, die schlicht und ergreifend zahlungsunfähig. HALLO: Wenn ich die Forderung des Bundes Deutscher Milchhalter richtig interpretiere, geht es in der aktuellen Milchdiskussion im Kern darum, insgesamt weniger Milch zu produzieren, damit langfristig die Preise wieder steigen. Das bedeutet aber doch, dass der einzelne Bauer weniger Milch abliefert, für die er dann zwar mehr bekommt. Unterm Strich dürfte sich das doch für die meist kleinen Landwirte in Oberbayern noch weniger rechnen als in der aktuellen Situation? Unkelbach: Doch, denn momentan zahlen wir drauf – egal wie groß der Betrieb ist. Ich will es mit folgender Rechnung verdeutlichen: Der durchschnittliche Betrieb mit ca. 30 Kühen und 200.000 kg Milch, erwirtschaftet momentan in der Milchproduktion ein Minus von mindestens 11 Cent je kg, pro Jahr also 22.000 Euro. Bei einer Reduktion der Milchmenge um 10 Prozent, produziert er zwar nur mehr 180.000 kg, bei einem Auszahlungspreis von 40 Cent und Kosten von 35 Cent ergibt das unter dem Strich aber 5 Cent Gewinn je kg. Insgesamt also 9000 Euro. Also es ist vollkommen egal wie groß der Betrieb ist, das Entscheidende ist, dass wir kostendeckende Preise erzielen. HALLO: Auch in der Schweiz und in Bayern gehen die Milchbauern inzwischen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße und starten spektakuläre Aktionen. Im Landkreis ist es bislang noch relativ ruhig. Wann, glauben Sie, geht es hier los? Unkelbach: Vergangene Woche gab es bereits Mahnfeuer Weitere Aktionen sind nicht ausgeschlossen. HALLO: Herr Unkelbach, danke für das Gespräch.

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