Studenten erzählen von ihrem Sommersemester in der Corona-Zeit

„Die Uni-Umgebung fehlt mir“

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Die Hörsäle der Universitäten bleiben in diesem Corona-Sommersemester leer.

Lernen lässt sich von überall aus. Dennoch fehlt den Studenten der gewöhnliche Universitäts-Alltag. Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, gibt es in diesem Sommersemester keine Präsenzveranstaltungen an der Uni. Drei Studenten aus Haar und Höhenkirchen-Siegertsbrunn erzählen vom aktuellen Sommersemester.

In die Vorlesung um 8 Uhr? Oder einfach im Schlafanzug bleiben, den Tag langsam angehen lassen und erst gegen Mittag mit dem Studieren loslegen? In diesem Sommersemester 2020, das so ganz anders ist als alle anderen zuvor, wäre das fast möglich. Zumindest den Schlafanzug kann der Student anlassen, denn die Vorlesung besucht er ohnehin zuhause. Die Vorlesungssäle und Seminarräume bleiben derzeit leer. Das Sommersemester läuft digital ab. Ähnlich wie die Schüler klappen also auch die Studenten den Laptop daheim auf, um ihre Dozenten und Kommilitonen zu sehen. „Alle meine Kurse finden per Zoom-Videokonferenz statt“, erzählt Roland Friedl aus Haar. Seit Ende April ist er im zweiten Mastersemester seines Romanistikstudiums an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Technisch funktioniert das ganz okay“, so der 25-Jährige und schiebt hinter: „Wenn man die nötige Ausstattung hat.“ Bei den Studierenden ist es wie bei den Schülern: Wer vor der Corona-Krise keinen Laptop oder Computer daheim hatte, der war plötzlich nicht nur von der Welt abgeschnitten, sondern auch nicht mehr in der Lage, zu studieren. Die LMU habe ein paar Notstipendien im Umfang von 500 Euro vergeben, für Studierende, die nachweislich Geld brauchen, um sich zum Beispiel einen Laptop anzuschaffen, weiß Friedl. Doch im Grunde genommen war es so, dass ähnlich wie die Schulen auch die Universitäten davon ausgehen, dass jeder zuhause alles zur Verfügung hat, um während der Corona-Pandemie online weiterzulernen.

Präsentationen hält der Student über Zoom

Auch Jens Verhey, der an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg Management und Medien studiert, besucht derzeit seine vier Wahlplichtmodule online. „Unsere Dozenten sind fit, es klappt eigentlich alles sehr gut“, sagt der 28-Jährige. Auch Präsentationen, die er halten muss, finden über Zoom statt. Doch Verhey hat in den vergangenen Wochen die Erfahrung gemacht, dass die Online-Lehre durchaus anstrengender ist als dem Dozenten in einem Raum zuzuhören. „Auch wenn bei unseren Kursen nur zwischen zehn bis 20 Studenten zugeschaltet sind“, so Verhey. Für gewöhnlich müssten sie sich als Soldaten in der Nähe ihres militärischen Standortes, in seinem Fall also Neubiberg, aufhalten. „Aktuell haben wir allerdings eine Präsenzbefreiung. Viele von uns sind also nach Hause gefahren.“ Verhey, der in Höhenkirchen-Siegertsbrunn wohnt, geht aber davon aus, dass sie für die Prüfungen im Juni alle nach Neubiberg zurückkehren werden, denn diese sollen unter Auflagen vor Ort abgehalten werden.

Studieren fernab der Wirkungsstätte

Nur eine Woche wollte Michael Theil, der in Frankfurt am Main seinen Master in Politischer Theorie macht, seine Familie in Haar besuchen. Doch aus dem kurzen „Heimurlaub“ wurden viele, viele Wochen. Anstatt zu seiner Wirkungsstätte, der Goethe-Universität, und in seine kleine Wohnung in Frankfurt zurückzukehren, um Hausarbeiten zu schreiben, steckt der 26-Jährige sozusagen in der alten Münchner Heimat fest.

Mit den Ausgangsbeschränkungen Mitte März fuhren auch keine Züge mehr. Die Bibliotheken wurden geschlossen und bald erfuhren die Studenten ohnehin, dass die Abgabe der Arbeiten vorerst ausgesetzt sei. Ohne Zugang zu Büchern lassen sich wissenschaftliche Arbeiten nun mal schwer verfassen. Die Kurse des Sommersemesters belegt Theil nun also von München aus. Der 26-Jährige wohnt bei seinem Bruder, schläft auf der Couch und studiert per Laptop. „Jeder Dozent hat bei uns ein anderes System. So gibt es bei uns viele Online-Foren, in denen wir schriftlich, zum Beispiel jetzt gerade über die Notstandgesetze, diskutieren“, sagt Theil. „Diese Diskussion moderiert mal der Dozent, mal übernimmt einer von uns die Moderation.“

Härter verdiente Creditpoints

Doch so gut das digitale Studium auch klappe, Theil würde viel lieber „normal“ in Frankfurt weiterstudieren: „Dieses Semester ist nichts Halbes und nichts Ganzes.“ Wenn er nach Vorteilen der derzeitigen Situation sucht, dann wäre da vielleicht die Tatsache, dass sie sich derzeit viel selbst erarbeiten müssen und sich auch methodisch verbessern. „Die Creditpoints, die ich in diesem Semester sammle, sind auf alle Fälle härter verdient als die im Semester zuvor.“ Das bestätigt auch der Münchner Romanistik- Student Roland Friedl: „Man ist sehr auf sich gestellt und muss mehr schriftliche Arbeiten abgeben.“

Die Studenten gehen derzeit davon aus, dass sich in diesem Sommersemester an der Situation nichts mehr ändern wird. Doch sie hoffen sehr, ab Oktober ihre jeweiligen Universitäts- Gebäude wieder betreten zu dürfen. „Die Uni-Umgebung fehlt mir“, so Friedl. In die Bibliothek zu gehen, mittags in die Mensa oder auch in Uni-Nähe in ein Café, all das fällt in diesem Sommersemester aus. „So schnell wie man in diesen Videokonferenzen drin ist, ist man auch wieder draußen und sitzt allein im Zimmer rum“, klagt der Student. Klar, die Cafés wären unter Auflagen wieder geöffnet, doch die meisten Studenten, die meisten Freunde sind eben ganz woanders — so wie Theil, der wie viele andere seiner Kommilitonen in diesem Semester von einem anderen Bundesland aus studiert. „Es wird aber kein verlorenes Semester“, sagt Friedl und fügt hinzu: „Ich bin schon froh, dass das Semester zumindest auf diese Weise stattfindet.“ Und zumindest öffnen nun auch die Bibliotheken wieder. Dennoch gibt es viele offene Fragen, die die Studenten umtreiben: „Was ist mit geplanten Auslandssemestern“, fragt sich Theil. „Da ist derzeit alles in der Schwebe. Anstatt demnächst ins Ausland zu gehen, plane ich wohl lieber, mich für ein Praktikum in Deutschland zu bewerben.“

Verena Rudolf

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