Trudering: Zentrum für Heilpädagogik & Therapie – ZHT-Kinderklub e.V.

Das ZHT – „Zuhause für Viele“

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Auch wenn sie schon viele Leid gesehen hat, ist Christine Lerach, geschäftsführender Vorstand und Leitung des Waldtruderinger ZHT-Kinderklubs, sehr positiv gestimmt.

Äußerlich wirkt das Gebäude des Zentrums für Heilpädagogik & Therapie – ZHT-Kinderklub e.V. in Waldtrudering wie ein fast normales Wohnhaus. HALLO-Redakteur Bodo-Klaus Eidmann sprach mit Christine Lerach, geschäftsführender Vorstand und Leitung des Waldtruderinger ZHT-Kinderklubs.

HALLO: Frau Lerach, was für Kinder kommen zu Ihnen?

Christine Lerach: Die Kinder sind „seelisch behindert“ oder „von seelischer Behinderung bedroht“ – das sind Begriffe, die das Sozialgesetzbuch vorgibt. Grundlage für eine Aufnahme bei uns ist ein Kinder- und Jugendpsychiatrisches Gutachten. Das Stadtjugendamt, der Bezirk Oberbayern, Eltern und Ärzte fragen bei uns an, ob wir aktuell einen Platz für ein bestimmtes Kind haben. Ziel ist die Wiedereingliederung in die Familie, Schule, Lebenswelt. 

HALLO: Das hört sich recht abstrakt an! Was können sich unsere Leser darunter vorstellen?

Christine Lerach: Ganz konkret – die Kinder sind in ihrer Entwicklung verzögert, leiden unter Lern- und Leistungsstörungen, AD(H)S, Depression, Autismus, Mobbing oder auch (sexuellen) Übergriffen. Sie sind traumatisiert und haben ganz erhebliche Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl. Sie haben Schwierigkeiten sich anzupassen und zu integrieren. In den vergangenen Jahren bekamen wir immer schwierigere Kinder und Jugendliche.

HALLO: Woher kommen denn die Kinder und Jugendlichen?

Christine Lerach: Die Kinder kommen vorwiegend aus dem Münchner Osten – aus Trudering, Ramersdorf-Perlach, Haar, Riem, Berg-am-Laim usw. Kurze Wege sind uns ganz wichtig – nicht nur in unserem Haus, sondern auch wenn es darum geht, die Eltern erreichen zu können. Nur zu Ergänzung: Die seelische Behinderung und Traumatisierung von Kindern kommt in allen Schichten und Nationalitäten vor – selbst in dem so grünen und ruhigen Waldtrudering gibt es schwere Fälle. Wir nehmen auch Kinder und Familien mit Flucht und Vertreibungsbiografien, u. a. aus Afghanistan, Afrika auf. Gewalterfahrungen, Depression, fehlende Lebensfreude und Lebensmut kommen hier zusammen. Wir bemühen uns aus vollem Herzen und mit unserer fachlichen Kompetenz sowie mit unserem Netzwerk, diesen jungen Menschen und ihren Eltern zu helfen. 

HALLO: Apropos Eltern – welche Rolle spielen die Eltern?

Christine Lerach: Natürlich eine ganz entscheidende! An dieser Stelle möchte ich ein Beispiel anführen. Ein Junge kam in die Therapeutische Ambulanz mit einer Sprachstörung. Das ist zuerst einmal ein Fall für die Logopädie. Nach und nach stellt sich heraus, dass der Junge traumatisiert ist – dass er also von starken Ängsten geplagt wird, die er nicht kontrollieren kann. Jetzt ist es wichtig, die Familien einzubeziehen. Eltern müssen bei uns verpflichtend an sogenannten Elterngesprächen teilnehmen. Auch Familientherapie bieten wir an. Nur so können die TherapeutInnen erfahren, woher das Trauma rührt – steckt zum Beispiel sexueller Missbrauch, Gewalt, Sucht oder die Trennung der Eltern dahinter.

HALLO: Sie sprechen das Thema „Trennung“ an – wie wirkt das auf die Kinder?

Christine Lerach: Kinder nehmen oftmals die Schuld für die Trennung der Eltern auf sich. Oftmals ist das Kind der Zankapfel zwischen Eltern, die sich zum Beispiel über die Art und Weise der Erziehung streiten. Daraus können Ängste, Aggressionen oder auch psychosomatische Störungen entstehen.

Ein Beispiel: Ein Kind verweigert das Essen (Essstörungen) oder die Sprache („Mutismus“). Wir betreuten ein Kind, welches nach einem halben Jahr Selbstwertaufbau und gezielter Förderung und Traumatherapie wieder zu sprechen begann. Durch unser Baustein-System können wir den jungen Menschen helfen.

HALLO: Was muss man sich unter diesem Baustein-System vorstellen?

Christine Lerach: Durch das flexible Bausteinsystem von Therapeutischer Ambulanz und Heilpädagogisch/therapeutischer Tagesstätte mit unterschiedlichen Kostenträgern und Selbstzahlern ergeben sich besonders qualitative und kostengünstige Synergieeffekte. Alle Angebote befinden sich unter einem Dach mit kurzen Wegen. Wir sind eine gemeinnützige, überkonfessionelle und interdisziplinäre Einrichtung in freier Trägerschaft mit flexiblen teilstationären und ambulanten Angeboten (zertifiziert nach DIN EN ISO 9001:2008/ TQM). Die wichtigsten Begriffe unseres Leitbildes sind das „Zusammenspiel von Menschlichkeit und Fachlichkeit“ und ein „Dennoch“ – Hoffnung, auch wenn es noch so schwierige Hürden gibt. Wir sind eine anerkannte Schwerpunkteinrichtung für Familientherapie und Traumatherapie. Der gesetzliche Auftrag für die Betreuung und Förderung der jungen Menschen ist ihre Wiedereingliederung in die Lebenswelten.

HALLO: Wie nähern Sie sich den Kindern?

Christine Lerach: Die betreuten Kinder und Jugendlichen zeigen überwiegend sozial-emotionale Probleme und Ängste in Verbindung mit Gehemmtheit oder Aggressivität, mit Bindungsunsicherheit, Kommunikations-, Spiel- und Sprachstörungen, Entwicklungs-rückständen einhergehend mit Störungen der Wahrnehmungs- verarbeitung und Konzentration auf. Unsere ca. 20 Fachkräfte decken ein breites Spektrum pädagogischer/therapeutischer Konzepte angepasst auf die Zielgruppen ab – das reicht von systemisch-integrativen Paar- und Familientherapie, familienorientierten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, über Diagnostik, Krisenintervention, Traumatherapie sowie Maßnahmen der Kassenleistungen wie Logopädie, Ergotherapie bis zur intensiven Lernförderung, Legasthenie- und Dyskalkulietherapie, Psychomotorik, heilpädagogischem Reiten und heilpädagogischer Übungsbehandlung. „Last but not least“ arbeiten wir intensiv mit Kinder- und Jugendpsychiatern, Kinderärzten und Kliniken zusammen. 

HALLO: Wie fing mit dem ZHT eigentlich alles an?

Christine Lerach: Es fing alles in einem Parteibüro in der Stadt mit einer kleinen Kindergruppe an. Aus einem Freundeskreis von Heilpädagogen und Erziehern heraus wurde der Verein 1978 gegründet. 1979 konnten wir ein kleines Haus an der Waldschulstraße anmieten. 1990 kündigten die Vermieter aufgrund von Eigenbedarf und wir mussten raus. Das war keine einfache Phase, zogen wir doch vorübergehend in das Münchner-Kindl-Heim bis 1995. Durch die intensive Unterstützung des Lions Club München-Keferloh und anderer Sponsoren gelang zwischen 1993 bis 1995 die Planung und Errichtung des Neubaus an der Solalindenstraße 120. Die Lions-Mitglieder sind nach wie vor bei uns sehr engagiert; wir sind ihnen sehr verbunden. Das Grundstück stellte die Stadt auf Erbaubasis zur Verfügung. 

HALLO: Was gibt Ihnen Kraft?

Christine Lerach: Es gibt viele Familien, bei denen einem das Herz blutet! Alle Mitarbeiter engagieren sich in hohem Maß – unser Ansatz ist, dass es der gesamten Familie besser gehen soll – den Kindern und den Eltern. Oftmals muss den Eltern geholfen werden, damit es den Kindern besser geht. Letztlich ist das kein leichtes Metier: Über die Jahre gesehen werden die Fälle immer schwerer. Und als Therapeut muss man sich stetig weiterbilden, um den Menschen immer besser begleiten und unterstützen zu können. Um auf ihre Frage zurückzukommen. Wir geben den Kindern und Eltern nicht nur etwas, wir bekommen auch sehr viel zurück. Kinder, die sagen „Das hier ist meine Heimat“, „Hier ist gewaltfreie Zone“ oder „Wenn ich einmal groß bin, schlage ich meine Kinder nicht“, geben uns Hoffnung, Kraft und Sinnhaftigkeit. Zudem ist im Laufe der Jahrzehnte ein Netzwerk gewachsen, das uns stützt und vieles möglich macht. Wenn wir zu unserem Sommerfest laden, sind natürlich auch die „Ehemaligen“ eingeladen. Und sie kommen zu uns und engagieren sich weiterhin oder leisten ihr Praktikum im ZHT ab. Wenn wir sehen, wie sich die Menschen entwickelt haben, dass sie ihr Leben meistern, sind wir dankbar und freuen uns mit ihnen.

HALLO: Was macht Ihnen zudem Freude an Ihrer Arbeit?

Christine Lerach: Ich bin seit über 30 Jahren dabei und es ist nie langweilig geworden. Unsere Arbeit ist abwechslungsreich, spannend und es bewegt sich immer etwas zur Erleichterung für die Kinder, Jugendlichen und Familien.

Helfen Sie dem ZHT

in Trudering

Wer das  Zentrum für Heilpädagogik & Therapie – ZHT-Kinderklub e.V. an der Solalindenstraße 120 kontaktieren und unterstützen möchte, kann dies bei Christine Lerach unter Tel. 089/437778-41 bzw. christine.lerach@zht-kinderklub.de de tun.

Weiterführende Informationen gibt es auch unter www.zht-kinderklub.de

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