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Warum Politik mit Spaß manchmal nichts zu tun hat – wo sich Konflikt und Kooperation treffen

Zwei Männer, zwei Stützpfeiler der Kommunalpolitik im Münchner Osten

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Herbert Danner (l.) und Georg Kronawitter spielen einander in Gesprächen die Stichworte zu wie Fußball-Nationalspieler. Ein politisches Duo, das beweist, dass die Kluft zwischen den Grünen und der CSU nicht immer tief sein muss.

Georg Kronawitter (CSU) und Herbert Danner (GRÜNE) prägen das politische Geschehen in Trudering-Riem schon seit Jahrzehnten. Die Grenze zwischen Streit und so etwas wie Freundschaft ist fließend. Auch beim Doppel-Interview mit HALLO- Chefredakteur Marco Heinrich.

HALLO: Beginnen wir mit einer einfachen – oder vielleicht schwierigen – Frage: Mögen Sie einander eigentlich? 

KRONAWITTER: Mehr denn je, würde ich sagen. 

DANNER: Auf jeden Fall respektieren wir uns. Und ein gewisses Maß an Sympathie ist bestimmt auch vorhanden.

KRONAWITTER: Den ersten Kontakt hatten wir wohl 1991. Damals ging es um den „Erhalt des Gartenstadtcharakters“ von Trudering. Danner war da schon voll auf der grünen Linie. Wir waren damals nicht richtig erfolgreich, was daran liegt, dass die Marktmacht einfach über Trudering hereingebrochen ist. 

DANNER: Das war damals ein ganz bunter Haufen. Die Schlager-Stars Marianne und Michael waren auch dabei. Und auch wenn wir damals nicht wirklich erfolgreich waren: Immerhin ist Ökologie mittlerweile ein Thema im Planungsreferat. 

DANNER:Wirtschaft gibt es den Begriff der Coopetition. Zwischen Kooperation und Wettbewerb – das trifft wohl auch auf Danner und mich zu.

Verstehen Sie sich auch deshalb, weil Sie beide in Ihrer Partei nicht immer unumstritten sind? 

KRONAWITTER: Mein Beliebtheitsgrad in der CSU war zeitweise überschaubar, zum Beispiel im Zuge der Transrapid-Diskussion 2007/8. Oder beim Projekt zweiter S-Bahntunnel. 

DANNER: Bei mir ist das ein regelmäßiges Auf und Ab. 1994 wollten mich die Grünen unbedingt im Stadtrat haben. Die Fraktion war vielen damals zu angepasst für die Partei. Vielen war ich dann aber doch zu grün. Nur wenige Wochen nach der Wahl ging es um die Messeverlegung nach Riem. Wir hatten mit dem Thema Wahlkampf gemacht – und ich war nicht bereit, von dieser Position abzurücken. 

KRONAWITTER: Das war eine Jahrhundert-Entscheidung! Und aus heutiger Sicht wirklich gut so. Ich erinnere mich daran: Danner war groß auf den Titelseiten der Zeitungen. Rot-Grün hatte nur eine Stimme Mehrheit im Stadtrat. Die Messeverlagerung drohte die frische Koalition zu sprengen.

Macht Ihnen so etwas Spaß – wenn politische Entscheidungen so auf die Spitze getrieben werden? 

DANNER: Mit Spaß hatte das nichts zu tun. Der Druck kam damals von allen Seiten auf mich zu. Letztendlich gab es eine Abstimmung unter den Grünen – und dem Mehrheitsvotum habe ich mich dann gebeugt. Trotzdem musste ich mich noch einmal sehr ärgern – als die neue Messe nicht in Holz gebaut wurde, obwohl das nicht teurer gewesen wäre. 

KRONAWITTER: Aber dafür mit Solardach!

Was macht Ihren Kollegen als Politiker aus? 

KRONAWITTER: Danner ist schon einer, der sich sehr in ein Thema einarbeitet und dann auch zu seiner Meinung steht. Das verbindet uns. Manchmal muss man dann auch scheitern auf hohem Niveau. Man muss nur alt genug werden, dann dreht die Geschichte ihre Pirouetten und alte Vorschläge werden nach zehn oder 20 Jahren wieder aktuell. Da bin ich dann froh über das Internet, wo jede Äußerung so schön archiviert wird.

Was muss ein Politiker ganz allgemein für einen Charakter mitbringen? 

KRONAWITTER: Er muss ein Interesse am Gemeinwohl haben. Sonst sollte er sich lieber einen Posten bei der Sparkasse suchen. Außerdem braucht man eine Art Gschaftlhuber-Gen und das Gefühl, dass sonst keiner da ist, der diese Arbeit macht. 

DANNER: Das sehe ich in weiten Teilen auch so. Und diese Einstellung haben meiner Einschätzung nach auch 90 Prozent der Leute im Bezirksausschuss oder im Stadtrat. Der Aufwand an Zeit und Energie für die Politik ist tatsächlich enorm. 

KRONAWITTER: Ein Mitläufer wollte ich nie sein. Dafür war mir die Zeit zu schade. 

DANNER: Ich bin ja damals 1989 als grüner Einzelkämpfer in den BA eingezogen. Das waren noch ganz andere Zeiten. Die CSU war damals noch richtig Strauß-Hardcore. Gleich am Anfang musste ich drei Beschwerden ans Direktorium schicken, weil ich ungerecht behandelt wurde. Ich kriegte die BA-Unterlagen am Tag der Sitzung in den Briefkasten – alle anderen hatten sie schon eine Woche vorher. Einer meiner ersten Anträge bezog sich auf rauchfreie Sitzungen – ich wurde im BA ausgelacht! Vom Direktorium bekam ich in allen 3 Punkten recht, seitdem gibt es rauchfreie BA-Sitzungen. 

KRONAWITTER: Ich widerspreche da nicht. Das war allerdings vor meiner Zeit. 

DANNER: Ich habe wirklich bei jeder Sitzung zwei Tage gebraucht, um wieder meine Balance zu finden. Ich fühlte mich unwohl am Tag vor der Sitzung und auch am Tag danach.

Sind Sie eigentlich dafür, dass der Stadtrat künftig aus Berufspolitikern bestehen sollte? 

DANNER: Ich bin seit 2014 ausschließlich Stadtrat – und ich bin damit voll ausgelastet. Ich empfinde es als sehr gut bezahltes Ehrenamt. Als Aufwandsentschädigung und Sitzungsgelder erhalte ich jeden Monat ungefähr 4000 Euro brutto. Damit komme ich gut klar. 

KRONAWITTER: Allerdings musst du davon auch selbst für Krankheit und Rente vorsorgen. Ich empfinde es als Lebenslüge, dass man nebenberuflich Stadtrat sein kann.

Und wie steht es um die Arbeit der Bezirksausschüsse? 

DANNER: Der Einfluss der BAs auf die Entscheidungen im Stadtrat hat deutlich zugenommen. Und es hat große Kompetenzsteigerungen gegeben. 

KRONAWITTER: Die Direktwahl hat die BAs belebt. Wir müssen uns aber noch trauen, unser Budget auch tatsächlich auszugeben. Wir müssen lernen damit umzugehen. Der Haarer Haushalt bewegt 80 Millionen Euro. Und auch dort wird im Ehrenamt gearbeitet.

München wächst. Das gilt auch für Trudering-Riem. Fluch oder Segen? 

KRONAWITTER: Fluch. Segen. Das ist mir beides zu extrem. Wir müssen unseren Beitrag dazu leisten, um das Wohnungsangebot darzustellen. Aber Trudering-Riem soll ein Stadtrandgebiet bleiben – mit dem entsprechenden Grünanteil. 

DANNER: Ich glaube auch, ein Flächen-Stadtbezirk muss das leisten. Der Druck ist zu großen Teilen hausgemacht, aber er ist da. Wir hatten bis 2007 über 35 Jahre lang kein Bevölkerungswachstum in München. Trotzdem sind in dieser Zeit 200.000 neue Wohnungen gebaut worden. Die Stadt verträgt meiner Meinung nach noch mehr Menschen. Aber sie verträgt nicht noch mehr Autos! Das müssen wir endlich entkoppeln. Und ich habe den Eindruck, wir sind so nah dran wie noch nie. 

KRONAWITTER: In der Mobilitätspolitik sind wir uns weitgehend einig. Der ÖPNV muss viel attraktiver werden. 19 Minuten Warten auf den nächsten Bus in Trudering ist kein attraktives Angebot. Wenn mir meine Kinder am Handy zeigen, dass sie mit den Öffis 47 Minuten brauchen und mit dem Auto nur 13, dann ist doch klar, dass sie lieber unser Auto nutzen wollen. Da muss richtig Geld in die Hand genommen werden, um das zu ändern. 

DANNER: Wenn wir den S-Bahn-Ring im Norden und Süden hätten, für den wir seit Ewigkeiten kämpfen, hätten wir den Verkehr im Zentrum deutlich entlastet. Aber das dauert alles viel zu lange. Die Planungsvorläufe sind irre! Und noch ein Gedanke: Wenn wir den Verkehr unter fünf Kilometern aufs Rad bekommen würden, wäre auch ein großer Schritt getan.

In einem Jahr wird in München wieder gewählt. Wird das die Stadt verändern? 

DANNER: Ich glaube daran, dass wir Grünen die stärkste Kraft im Rathaus werden. Und wenn Katrin Habenschaden in die Stichwahl kommt, glaube ich auch, dass sie Oberbürgermeisterin werden kann. Die Zeit ist reif für eine Frau und für eine Grüne an der Spitze der Stadt.

Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema: Sie beide verzichten auf Dinge, die für viele Menschen heute unverzichtbar sind: ein Handy beziehungsweise einen Fernseher. Warum? 

DANNER: Ich bin ja Baubiologe von Beruf. Und ich kann mich doch nicht die ganze Zeit kritisch mit Strahlungen befassen und dann als Erster ein Handy haben! Außerdem genieße ich es, nicht ständig auf Abruf zu sein. 

KRONAWITTER: Ein Handy hab ich schon, so einen alten Knochen. Auf einen Fernseher verzichten wir zu Hause, weil wir dem Verführer nicht zu viel Lebenszeit schenken wollen. Es ist schon ein Störenfried für die Familie. Außerdem: Wir Erwachsenen haben ja eine emotionale Fettschicht – sonst könnten wir die Bilder aus den Nachrichten ja auch gar nicht ertragen. Kinder haben so etwas nicht. Eine Szene werde ich nie vergessen: Wir schauten einmal eines dieser schönen tschechischen Märchen. Ein prächtiger Schimmel trabte darin zu einem See und trank daraus. Dann fiel er tot um. Ich werde nie das angstverzerrte Gesicht meines kleinen Sohnes vergessen, der zum Gerät ging und es ausmachte. Aber trotzdem: Den totalen Verzicht leben wir nicht. Meine Frau streamt sehr gerne Filme und Dokumentationen über ihr Notebook. Dann sitze ich gerne neben ihr.

Interview: Marco Heinrich

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