Atlantik verbindet – statt zu trennen

Zwei Amerikanerinnen nach einem Jahr in München

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Eileen Calub (l.) und Lily Goodspeed (r.) vertraten ihre Farben in Deutschland.

Feuerwerk, die allgegenwärtige Fahne und viel Pathos in den Reden – das ist Amerikas Independence Day, der am 4. Juli zelebriert wird. Für Eileen Calub (18) ist es dieses Jahr ein besonderer Tag. Gerade erst ist sie nach einem Jahr in Deutschland wieder nach Hause zurückgekehrt. Im Rahmen des Parlamentarischen Partnerschafts-Programms (PPP, Kasten rechts unten) lebte sie in einer Truderinger Familie. Der Abschied fiel schwer.

"Ein Jahr ist eine lange Zeit, aber es gibt noch so viel, was ich hätte sehen wollen. Ich habe mich in München verliebt und will unbedingt zurückkommen. Ich kann mir sogar vorstellen, hier zu leben“, erzählt die junge Frau aus Florida. Neben ihr sitzt Lily Goodspeed aus Boston. Auch sie schwärmt von den Städten, die sie während der zwölf Monate gesehen hat. München. Berlin. Hamburg. London. Doch am meisten haben sie die Menschen beeindruckt. „In Amerika ist die Gesellschaft so aufgebaut, dass man Beziehungen zu Menschen vor allem eingeht, um daraus einen Vorteil für sich selbst zu ziehen. Hier in Europa werden Freundschaften als Wert an sich angesehen – ohne Hintergedanken“, erzählt sie bemerkenswert reflektiert mit ihren 17 Jahren. „In den USA will jeder irgendwas, wenn er mit dir redet – und wenn es nur ein Lächeln ist. Ich war total überrascht, dass ich hier in Deutschland in der Schule von Gleichaltrigen einfach so angesprochen wurde. Nur, weil sie sich für mich als Menschen interessierten.“

Wer jungen Menschen wie Eileen Calub oder Lily Goodspeed zuhört, glaubt, dass das Geld gut investiert ist, das der Deutsche Bundestag und der Kongress der Vereinigten Staaten für PPP in die Hand nehmen. Gerade in Zeiten unter US-Präsident Donald Trump, da Amerika und Europa mit enormer Geschwindigkeit auseinanderzudriften drohen, bringt es jedes Jahr auf beiden Seiten des Atlantiks rund 250 Mini-Botschafter hervor, die das Leben auf der anderen Seite des Atlantiks eben nicht nur aus den Medien kennen, sondern am eigenen Leib erfahren durften.

„Wir brauchen ein echtes Verständnis für die Kultur und die Lebensweisen.

Am 4. Juli feiert Amerika Jahr für Jahr seinen Unabhängigkeitstag.

Vor zwei bis drei Jahren stand das Programm auf der Kippe, als der amerikanische Kongress das Geld strich. Kurzzeitig haben wir daher die Finanzierung komplett übernommen, bis sich Angela Merkel und Barack Obama auf eine Fortsetzung einigen konnten“, erinnert sich Wolfgang Stefinger, der für den Wahlkreis München-Ost im Bundestag sitzt. Er fungierte während des Austausches als Pate für die in seinem Wahlkreis in Familien untergebrachten Amerikanerinnen. Lily Goodspeed nimmt nicht nur Erfahrungen mit nach Hause, sie hat sich verändert. „Ich war extrem perfektionistisch, ein ‚Overachiever‘. Ich war auch sehr introvertiert. Jetzt sehe ich die Dinge etwas gelassener, bin offener und gehe mehr mit dem Flow“, erzählt sie. Eine Lektion, die sie aus dem Land des Fleißes und der Pünktlichkeit nicht erwartet hätte. Doch Eileen Calub stimmt zu: „Die Deutschen sind bekannt dafür, tolle Dinge herzustellen. Aber wenn sie sich vornehmen, einfach nur Spaß zu haben und abzuschalten, dann können sie auch das ganz hervorragend!“

Doch ganz kamen beide an der Politik nicht vorbei. Wenn Donald Trump auf Twitter unterwegs ist, schlägt das auch in Deutschland hohe Wellen. Amerikaner, die hier leben, geraten dann in Erklärungsnot. „Vor allem nach Schießereien an Schulen war es schwierig. Es fühlt sich verrückt an, so etwas erklären zu müssen. Denn auch ich kann nicht verstehen, warum die amerikanische Politik nichts gegen das große Problem mit Schusswaffen unternimmt“, erzählt Eileen Calub traurig. Sonst sind es vor allem viele Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen: „Überall stehen Windräder. Und am Bahnhof gibt es drei verschiedene Mülleimer zur Mülltrennung. Da hat Amerika noch viel aufzuholen“, glaubt Eileen Calub, die sich vor ihrer Heimreise ein klein wenig Sorgen macht: „Die Hälfte meines Gehirns funktioniert jetzt deutsch. Wenn ich durch einen Supermarkt gehe, denke ich ‚Brot‘ statt ‚bread‘. Hoffentlich kann ich mich zu Hause überhaupt noch verständigen.“

Marco Heinrich

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