Von gestapelten Menschen, Chaos und schließlich dem Kollaps

Vier Bürgerinitiativen informierten gemeinsam in Trudering

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Halten ab jetzt zusammen: Thomas Richter von der Aktion Lebenswertes Berg am Laim, Horst Münzinger von der BI Fausstraße 90, Daniela Vogt vom Daglfinger Bündnis Nord-Ost und das Geschwisterpaar Susanne und Michael M. aus dem Stadtteil Fasangarten (nicht im Bild).

„Alles zubauen und verdichten? Nicht mit uns?“ Unter diesem Titel stand die Veranstaltung, bei der vier Bürgerinitiativen aus Trudering, Berg am Laim, Daglfing und Fasangarten ihre ablehnende Haltung gegenüber verschiedenen Bauvorhaben vorstellten und erklärten, warum sie ihre Kräfte nun bündeln wollen.

„Sie können ohne weiteres Menschen stapeln, aber sie können nicht endlos die Infrastruktur dazu herstellen“, sagt Horst Münzinger von der Bürgerinitiative Fauststraße 90 in Trudering. Deshalb beschäftigt sich Münziger schon länger mit dem Thema Nachverdichtung. Was hat sie für Auswirkungen auf die Bürger und vor allem, wo sind ihre Grenzen?

Münzinger ist nicht der Einzige. Vier verschiedene Organisationen berichteten am vergangenen Mittwoch im Gasthof Obermaier in Trudering über umstrittene Bauvorhaben in ihren Bezirken. „München ist die am dichtesten besiedelte Stadt in ganz Deutschland, wenn man sie mit den großen Metropolen Berlin und Hamburg vergleicht“, sagte Münzinger in seiner Eröffnungsrede. Die Bürgerinitiative setzt sich gegen die Bebauung der Fauststraße in Trudering ein, da sie sich im Landschaftsschutzgebiet und Bannwald befindet. Bisher steht dort nur eine ungenutzte Sportanlage, die die Bürger gerne wieder in Betrieb nehmen würden. „Denn München braucht Sportanlagen“, erklärt Münzinger. Und Naherholungsgebiete. Die Stadt sieht hingegen vor, 80 Wohnungen auf der Fläche zu realisieren. In seiner Rede erläutert Münzinger die Widersprüche, in die die Stadt sich verstricke, wenn es darum gehe, das Bauvorhaben dennoch zu rechtfertigen. So sei die Fauststraße angeblich nicht für einen Sportbetrieb geeignet, da sie nicht an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen ist. „Für 80 Wohnungen und mehr als doppelt so viele Menschen soll das aber dann reichen?“, fragt Münzinger in die Runde. Auch die anderen Bürgerinitiativen erzählten an diesem Abend von ähnlichen Problemen in ihrem Bezirk. „Auf dem Papier wird die Luft immer besser“, sagt Thomas Richter von der Initiative „Lebenswertes Berg am Laim“. „Aber wo wird das gemessen? In Brennpunkten wie Berg am Laim jedenfalls nicht“, sagt Richter. Auch die Lärmbelästigung durch den Autoverkehr sei extrem. Die Grenzwerte für ein gesundes Wohnen werden seiner Meinung nach überschritten. Und dennoch werde weiter gebaut und nachverdichtet.

Rund 100 interessierte Bürger sind zu der Infoveranstaltung im Gasthof Obermaier erschienen und hörten den Rednern gebannt zu.

Alle Redner an diesem Abend vereinen die gleichen Themen: Die Zerstörung der Natur durch den massiven Wohnungsbau. Das zunehmende Fehlen von Frischluftschneisen, die mangelnde Infrastruktur. Es ist von Chaos die Rede, Überforderung und schließlich vom Kollaps. Darum machen die Bürger sich Sorgen, und darum sind sie an diesem Abend gekommen. „Warum muss München immer dichter besiedelt werden?“, fragt eine Zuhörerin. Es gebe ihrer Meinung nach auch andere Lösungen. Man könne weiter in die Fläche gehen und umliegende Dörfer wieder mehr besiedeln. „Es gibt Orte, an denen werden Stadtsparkassen geschlossen, die würden sich freuen, wenn es wieder mehr Arbeitsplätze und Leben bei ihnen gäbe“, sagt eine andere Dame. München hingegen sei längst übersättigt. „Warum wirbt die Metropole immer weiter um Gewerbe aus dem Ausland?“, fragen sich die Bürger an dem Abend. Das schaffe zwar Arbeitsplätze, aber dann brauche es eben auch mehr Wohnungen, Kindergartenplätze, Straßen und Autos.

Es sind keine Wutbürger, die an diesem Abend in Trudering zusammen kommen. Aber sie machen sich Sorgen — auch um die Zukunft ihrer Kinder. „Wir wollen, dass unser München so bleibt wie wir es kennen“, sagt Daniela Vogt vom Bündnis Nord-Ost in Daglfing. „Mit Biergärten und Luft zu Atmen. Mit der wunderschönen Natur, die es gerade in Zeiten von Klimawandel und globaler Erd- erwärmung zu erhalten gilt.“ Wie das gehen soll? Die vier Bürgerinitiativen hoffen, dass sie von einer Zusammenarbeit profitieren, damit sie in Zukunft von der Stadt gehört und ernst genommen werden. Immerhin drei Stadträte waren neben den etwa 100 Besuchern bei der Veranstaltung anwesend. Einer von ihnen war der OB-Kandidat für die ÖDP, Tobias Ruff, er fand die meisten Reden gelungen. Seiner Meinung nach ist es wichtig, als Stadtrat die Meinung der Bürger ernst zu nehmen und sich anzuhören, was sie zu sagen haben. „Sie leisten für uns die Vorarbeit“, sagt er. Gerade im Moment gehe seiner Meinung nach ein Ruck durch die Bevölkerung. Überall in der Stadt finden sich Bürger zusammen und werden aktiv. „Das ist eine gute Sache, denn auch Wachstum hat seine Grenzen. Leider sehen das nicht viele im Stadtrat so“, sagt er. Die meisten denken, dass man durch Wohnungsbau die Situation in den Griff bekommt.

Die Veranstaltung soll nur einen Anfang markieren. Am Mittwoch, 25. September, wird das Thema Fauststraße 90 im Planungsausschuss des Münchner Stadtrats im Rathaus behandelt. Am 10. Oktober dann haben Bürger bei der Bürgerversammlung in der Aula des Gymnasiums Trudering die Möglichkeit, ihre Anliegen vorzubringen, und noch ein drittes Datum nennt Münzinger: Am Dienstag, 15. Oktober, geht es weiter mit dem zweiten Teil der Veranstaltungsreihe der Bürgerinitiativen. Dann im Kulturzentrum Trudering an der Wasserburger Landstraße 32 um 19 Uhr. 

Lydia Wünsch

Neues zur Fauststraße

Auch in der jüngsten Versammlung des Bezirksausschusses Trudering-Riem war die Fauststraße 90 erneut ein Thema. Einstimmig lehnte der BA den Plan der Stadt ab, den Ausbau auf dem Landschaftsschutzgebiet voranzutreiben, ohne vorher die Anbindung durch zusätzliche Buslinien zu gewährleisten. „Es macht mich wütend, dass die Stadt tatsächlich sagt, hier würde kein Bedarf bestehen. Durch die Nachverdichtung ist das Gebiet alles andere als unterbewohnt“, erklärte Georg Kronawitter (CSU). Gegen die geplante Bebauung als Ganzes votierten anschließend allerdings nur drei BA-Mitglieder.

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