Heuer mussten die Politiker kräftig Nehmerqualität beweisen

Truderinger Ventil war ein voller Erfolg

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Mit spitzen Pointen, bösen Karikaturen und überraschend treffenden Doppelgängern wurde den Politikern im Kulturzentrum Trudering zugesetzt.

Las Vegas in Trudering, Koalitionspoker auf offener Bühne und Politiker-Double im Profilierungs-Rausch – beim 18. Truderinger Ventil am Sonntag bekam die Politprominenz so richtig ihr Fett weg. Fastenprediger, Autor und Regisseur Winfried Frey und sein Singspiel-Ensemble brachten den vollbesetzten Saal zum Kochen.

Vorlagen für Polit-Satire hat das Jahr 2017 nicht nur aus Deutschland und Bayern geliefert, sondern auch aus Donald Trumps Amerika. Winfried Frey hat eifrig gesammelt, als mafioser Fastenprediger „Wiki-Lügs“ den Politikern den Spiegel vorgehalten und ihnen Tipps gegeben, wie sie sich am besten vermarkten können. Die Alter-Egos der Politprominenz, die sich in der Kasinobar ein Stelldichein gaben, kamen mit schmissigen, bekannten Melodien zu Wort. Bayerns SPD-Chefin Natascha Kohnen (Kerstin Egerer), ganz in Rot gehüllt, sah in „Rouge“ Bayerns einzig wahre Zukunft und sang: „SPD mit 14 Plus, wir haben keinen Verdruss!“ Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (Yvonne Steiner) meinte: „Sie, Herr Rinderspacher, haben sich als Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag festgesaugt wie ein Zeck!“ Worauf Markus Rinderspacher (Thomas Wittmann) im großkarierten Dandy-Outfit über die Bühne tanzte und sang: „Ja, du bist mein Lebenswerk, Landtagsfraktion. Neues Spiel, neues Glück, Hauptsache ich komm zurück.“ Und weil ein Markus selten alleine kommt, erschien auch gleich der stellvertretende CSU-Generalsekretär Markus Blume (Julian Wittmann), dessen Leitkultur-Thesen Natascha Kohnen als „verstaubt“ verspottete. Konservativ sei das neue Sexy, konterte Blume und untermalte das mit einem gekonnt lasziven Tanz: „Wir haben eine Leitkultur, immer schon, da bleiben wir stur! Die CSU ist das neue Sexy. Als Konservativer ist man Sexy-Hexi.“ Der Saal tobte. Im Landtagskasino vorbei schauten auch Münchens zweiter Bürgermeister Seppi Schmid (Georg Thaller), der heuer im Bayernparlament einziehen und „das Land auf Vordermann bringen“ will, Münchens SPD-Chefin Claudia Tausend (Simone Menz), FDP-Landtagskandidatin Gabriele Neff (Ulrike Dostal), Kanzlerin Angela Merkel (Petra Auer) und Grünen-Stadtrat Herbert Danner (Sepp Egerer). Der meinte, wenn die SPD aus dem Bayernparlament fliege, bleibe nur noch Schwarz-Grün. Markus Rinderspacher reagierte prompt: „Ich bin für Radtouren und Ausflugsfahrten bekannt, so jemanden wie mich kann ihre Partei dann doch sicher brauchen!“ Und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (Uwe Seling), für den beim Koalitionspoker kein Pöstchen abgefallen ist, meldete sich musikalisch zu Wort: „Ich wandere aus nach Amerika“, worauf der Chor protestierte: „Wir wollen nicht nach Amerika, wir bleiben hier in Bavaria.“

So einige Geschichten hatte Fastenprediger „Wiki-Lügs“ noch auf Lager, wie die vom Fettnäpfchen, in das Wolfgang Stefinger (CSU, MdB) immer wieder zielsicher trete. Mit seinem Wahlplakat „Stefinger wünscht schöne Ferien“ beispielsweise, das viel kritisiert worden sei. Oder mit dem Narrhalla-Ehrenorden im Fluggepäck, der beim Scannen erst mal als verbotener Wurfstern identifiziert worden sei. Und da sei ja noch der Versprecher beim Neujahrsempfang von Markus Blume: „Den haben Sie fast als künftigen bayerischen Ministerpräsi... angekündigt“, erinnerte sich Frey. Den Bezirksausschuss fand er so „lebensnotwendig wie den Blinddarm“. Das Gremium müsse sich mit Protesten gegen Bauvorhaben herumschlagen wie Fauststraße oder Unnützwiese, die früher kaum mehr als ein Hundeklo, dann plötzlich aber wichtige Themen geworden seien. „Nichts für ungut“, hatte Wiki-Lügs zu Beginn der Veranstaltung bei den Derbleckten geworben – und die machten fröhliche Miene zu Predigt und bösem Singspiel.

Gabriele Mühlthaler

Der wahre Spion in der BA-Sitzung

Spione bei der Bezirksausschuss-Sitzung im Januar, das hatte Herbert Danner (Grüne) vermutet. Wie berichtet, war damals die Aufregung groß, weil Danner auf der Empore Zuschauer ausgemacht hatte, „die uns fotografieren“. Der Grüne vermutete gleich einen Zusammenhang mit dem parallel im Gasthof Obermaier stattfindenden Neujahrsempfang der AfD.

Die Angst ging um, dass rechte Schläger Bilder von ungeliebten Feierabend-Politikern in Umlauf bringen würden, um ihnen irgendwann aufzulauern und Gewalt anzutun.

Winfried Frey (M.) sammelte Informationen.

Die anwesenden Polizeibeamten nahmen die Sache in die Hand und gaben Entwarnung. Wie Fastenprediger Wiki-Lügs, der Autor und Regisseur des Truderinger Ventils 2018, Winfried Frey, beim Starkbierfest erklärte, wurde wirklich spioniert. „Der Darsteller von Herbert Danner musste sich ja informieren, wie er ihn spielen soll“. Weil von Herbert Danner keinerlei passendes Material im Internet zu finden sei, habe man die Gelegenheit genutzt, Danner während der Bezirksausschuss-Sitzung zu beobachten. Doch der machte dem Künstlerduo mit seinem Protest gegen die Fotografierer einen Strich durch die Rechnung. „Die Polizei hat uns des Gebäudes verwiesen“, berichtete Winfried Frey. Wie Sepp Egerer doch noch genügend Input für seine Danner-Darstellung sammeln konnte, verriet Wiki-Lügs allerdings nicht. 

gm

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