Psychoterror nach der Kündigung

Truderinger Familie will in ihrer Wohnung bleiben

Es könnte alles so schön und harmonisch sein. Seit 20 Jahren bewohnt Solkan Akal zur Miete die obere Hälfte eine Zweifamilienhauses in Trudering. Seit neun Jahren mit Ehefrau Sandra und Sohn Moritz (9). Ärger gab es nie. Und eigentlich würde sich die Familie gerade gerne auf die anstehende Kommunion des Sohnes freuen – doch seit einigen Wochen prägt nicht mehr Leichtigkeit das Leben im Haus, sondern Angst und Psychoterror.

Eine Abrisskündigung schwebt wie ein Damoklesschwert über der Familie. Bis Oktober sollen sie ausziehen. Und weil sie das nicht klaglos hinnehmen wollten und einen Anwalt einschalteten, ziehen die Vermieter nun andere Saiten auf.

Die Auswirkungen sind sofort ersichtlich. Das Stück vom Garten, das zur unteren Wohnung gehört (die ehemalige Mieterin ist bereits ausgezogen), ist von einem Bauzaun eingerahmt. Wo früher eine Schaukel und ein aufblasbarer Pool standen, sieht es jetzt aus wie auf einer Müllhalde. „Im Herbst haben sie die Bäume abgeholzt und einfach liegen gelassen“, schüttelt Solkan Akal den Kopf. Doch das war nur der Anfang. Seit Beginn vergangener Woche sind Handwerker in der unteren Wohnung am Werk. Stundenlang laufen die Werkzeuge unter großem Lärm. Ein bemerkenswerter Vorgang, denn das Haus soll ja – so die Begründung aus der Kündigung – abgerissen werden, weil sich eine Renovierung nicht lohnt. Warum also die teuren Arbeiten? Sandra Akal wollte es genauer wissen und bot den Arbeitern einfach einen Kaffee an. „Beim Blick in die Wohnung konnte ich sehen, dass dort gar nichts getan wird. Sie lassen einfach die Maschinen laufen“, berichtet sie. Und zum Abschied wird dann noch der Staub von Verputzmasse im Gang verstreut, damit alles schön schmutzig ist.

Der letzte Trick der Vermieter sind nächtliche Besuche. „Der Sohn der Vermieterin kam in Begleitung ins Haus und stapfte lautstark die Treppen auf und ab. Ich saß dann bei meinem Sohn am Bett, weil er natürlich Angst hatte“, erzählt die Mutter. Bei diesen Worten steht Moritz auf, geht laut stampfend durchs Zimmer und sagt: „So hat das geklungen. Die wollen uns ärgern!“ Das Problem ist: Es gelingt ihnen auch.

„Ich spüre eine totale Machtlosigkeit. Es fühlt sich einfach nicht richtig an, wie mit uns umgegangen wird. Je mehr sich durch solche Aktionen verjagen lassen, desto schlimmer wird die Situation doch“, sagt Sandra Akal. Im Sommer 2016 wurde die Familie noch gefragt, ob sie das Haus nicht kaufen wollen. Jetzt wurden ihnen 10.000 Euro geboten, um die Kündigung zu akzeptieren. „Dabei habe ich selbst 35.000 Euro in die Wohnung gesteckt, habe selbst das Dach ausgebaut, das Bad renoviert“, ist Solkan Akal sauer. Einen Kompromiss kann er sich gut vorstellen. „Wenn die Vermieter uns 60.000 Euro geben und ein Jahr Zeit, um eine neue Wohnung zu finden, kann man darüber sicherlich reden.“

Vermieterin Inge Eck war leider nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Seit dem Wochenende ist auch wieder Ruhe eingekehrt im Haus. Die Hoffnung auf eine gütliche Einigung lebt also.

M. Heinrich

Kommentar

Eigentum verpflichtet - Wenn (die Aussicht auf) Geld den Charakter verdirbt

Zur absoluten Grundausstattung der Kindererziehung gehört das Teilen und die Gerechtigkeit. Es ist ein Wert, anderen zu helfen oder eine Freude zu machen, wenn man dazu in der Lage ist. Wenn man mehr hat oder mehr kann als die anderen. Wann und warum löst sich dieser gute Ansatz, sein eigenes Leben zu führen, eigentlich in Nichts auf? Schon in der Schule durch Leistungsdruck und Vergleiche zwischen den Kindern? Im Berufsleben? Durch die überall präsente Werbung, die zumindest unterschwellig meist Ängste verbreitet?

Es würde sich lohnen, darüber nachzudenken und gegenzusteuern. Denn die Zeiten, in denen Eigentum verpflichtet, sind lange vorbei, Obwohl genau das sogar im Grundgesetz verankert ist. „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, steht da. In diesem Zusammenhang ist es zynisch, wenn große Konzerne trotz Milliarden-Gewinnen Arbeitsplätze streichen. Oder wenn Hausbesitzer ihre langjährigen Mieter mit schmierigen Tricks aus der Wohnung ekeln wollen.

Nicht jeder muss sich wie Jesus verhalten und die andere Wange hinhalten, wenn er geschlagen wird. Es würde schon ausreichen, wenn einige Menschen aufhören würden, selbst zu schlagen.

Marco Heinrich

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