Alte Briefe mit sehr aktuellen Botschaften

Postkarten und Briefe von Oma und Opa aus der Zeit der Spanischen Grippe

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Gina Schwarz zieht Hoffnung aus dem Briefwechsel ihrer Großeltern.

Trudering-Riem – „Ich schicke dir einen kleinen Soldatenjungen; aber ich fürchte: Nicht den, den du am liebsten bei dir hättest. Ich bin jetzt erst seit einer Woche hier unten, aber es fühlt sich schon an wie Monate.“ So beginnt der Briefwechsel zwischen Frank Forry und Grace Elizabeth Potteiger. Es ist Januar 1918. Sie lebt auf einen Bauernhof im US-Bundestaat Pennsylvania, er ist seit Neuestem in England stationiert, als Koch in der amerikanischen Armee während des Ersten Weltkriegs. Er kann gar nicht kochen, aber das interessierte damals niemanden. Heute hält Gina Schwarz die Postkarten und Briefe in ihren Händen. Frank und Grace sind ihre Großeltern.

„Meine Familie hat 90 Jahre lang in einem Haus gelebt und so gut wie nie etwas weggeschmissen“, erzählt sie lachend. Zum Glück, denn dadurch wurden auch kleine Schätze wie die Briefe erhalten. Gedanken und Berichte, die gerade heute eine neue Aktualität bekommen. Denn die Zeit des Ersten Weltkriegs war auch die Zeit der Spanischen Grippe. Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie sind schnell gefunden. „Ich kenne die Briefe, seit ich ein Teenager bin. 

Heute lese ich sie mit großer Empathie. Denn das sind die Menschen, die ich im hohen Alter erlebt habe. Und in den Briefen sind sie noch so jung! Aber die Briefe erzählen eben auch von ihren Sorgen und Ängsten. Sie erzählen, wie Leute gestorben sind. Der Tod war damals noch viel mehr Teil des Lebens als heute“, sagt Gina Schwarz. Auch ihre Großmutter Grace erkrankte damals an der Spanischen Grippe. Sie infizierte sich wie so viele damals: Ihre Nachbarin Mary erkrankte und war ans Bett gefesselt. Für Grace war es in dieser Situation selbstverständlich zu helfen. Wenige Tage später war sie selbst schwer krank. 

Zwölf Tage lang konnte sie sich kaum bewegen. „Heute war ich zum ersten Mal wieder draußen. Du würdest lachen, wenn du mich sehen würdest – so schwach und steif bin ich auf den Beinen“, schrieb sie anschließend an Frank. Zum ersten Mal verwendet sie den Begriff „Spanische Grippe“. Sie berichtet, wie auch Menschen starben, die ihr nahestanden: Herb und Calvin. „Hunderte sind daran gestorben. Ich bin die Glückliche, die verschont wurde“, schreibt Grace, die genau in diesen Tagen ihren Geburtstag feierte. Und wenig später: „Naja, das Leben muss weitergehen. Man muss das Beste daraus machen.“ 

Die Großmutter von Gina Schwarz überlebte die Spanische Grippe.

Auch damals wurden beispielsweise Theater wochenlang geschlossen. Einige wurden als Krankenhäuser genutzt, um der Epidemie Herr zu werden. Die Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 in drei Wellen weltweit zwischen 27 und 50 Millionen Menschenleben. Das sind mehr als im Ersten Weltkrieg starben. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass an ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen starben. Sie wird als „Mutter aller Pandemien“ bezeichnet. 

Wenn die Riemerin Gina Schwarz heute die alten Briefe ihrer Vorfahren liest, machen ihr die Gedanken ihrer Großeltern vor allem... Hoffnung. „Damals hatte man gleichzeitig zwei Katastrophen: Pandemie und Krieg. In unser jetzigen Situation haben wir ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch. Lebensmittel sind vorhanden, weil die Supermärkte aufhaben, und die Krankenhäuser hier sind besser ausgerüstet als anderswo. Dafür muss man dankbar sein. Wir werden es schaffen!“, ist sich Gina Schwarz sicher. 

Die Amerikanerin wohnt seit über 20 Jahren in München, zuerst 17 Jahre in Trudering und seitdem in Riem. Tatsächlich sind die Unterschiede zur Situation vor 100 Jahren riesig. Heute wird minütlich über neue Entwicklungen und Erkenntnisse berichtet, damals dauerte es Wochen, bis überhaupt feststand, ob der Krieg tatsächlich vorbei war. „In Philadelphia haben sie dann einen großen Umzug gefeiert, zur Feier des Kriegsendes. Dieser Umzug wurde zu einem neuen Epizentrum für das Virus, das sich wieder verbreitete“, erzählt Gina Schwarz.

Heute würde das wohl nicht mehr passieren. Doch der größte Unterschied ist für Gina Schwarz etwas anderes. „Heute nimmt man einfach an, dass man alt wird, bevor man stirbt. Damals war das anders. Mit dem Schicksal wurde anders umgegangen“, sagt sie und erzählt von dem Zwillingsbruder ihres Opas, der im Krieg einen Arm verlor und später Rechtsanwalt wurde. Beim Betrachten der alten Briefe überkommt sie auch Dankbarkeit. „Meine Oma war damals zwölf Tage im Bett und kämpfte um ihr Leben. Dann wurde sie 92 Jahre alt – und ich bin jetzt hier...“ 

Marco Heinrich

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