Eine Höchststrafe ist keine Erklärung für das Unfassbare

Prozess zum Unfall an der Wasserburger Landstraße vor zwei Jahren lässt viele Fragen offen

Der Angeklagte Nestor P. (links) sagte während der Verhandlung kein Wort. Sein Anwalt Thomas H. Kaufmann (rechts) übernahmen das für ihn.
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Der Angeklagte Nestor P. (links) sagte während der Verhandlung kein Wort. Sein Anwalt Thomas H. Kaufmann (rechts) übernahmen das für ihn.

Das Urteil für den Unfallfahrer, der in Trudering drei Menschen tötete, ist gefallen. Vier Jahre Freiheitsstrafe. Das Höchstmaß, das die Anklage auf fahrlässige Tötung zugelassen hat. Sowohl Verteidigung als auch Nebenkläger sind mit dem Urteil nicht zufrieden.

München – Jeder in diesem Raum will verstehen. Wer ist dieser Mann? Ist ihm alles egal? Fuhr er gar absichtlich in das andere Auto? Aber aus was für einem Grund sollte er so etwas tun? „Er hatte beide Hände am Steuer, der Blick war geradeaus, die Augen offen.“ Alle Zeugen, die am Prozesstag um den Unfall an der Wasserburger Landstraße, Ecke Jagdhornstraße vor zwei Jahren aussagen, berichten Ähnliches. Man habe den Fahrer des BMW X5 schon von Weitem gehört. „Etwa 100 Stundenkilometer“, schätzen die einen, „mehr als 100“, die anderen. Wie später herauskommt, waren es etwa 122 bis 127 Stundenkilometer — mehr als doppelt so viel wie auf der Straße zulässig ist. 

Der erste Zeuge am Prozesstag ist jener Mann, der Danielle L., die auf dem Beifahrersitz saß, und aus dem Auto holte. Alvin M. muss während seiner Aussage immer wieder um Fassung ringen. Der Unfallfahrer, Nestor P. sagte zu seinem Anwalt, dass er sich nur noch daran erinnern kann, dass die Ampel auf Grün schaltete. Den Kleinwagen davor habe er nicht gesehen, auch dass er mit einer Geschwindigkeit von fast 130 Kilometer pro Stunde unterwegs gewesen sein soll, will er nicht bemerkt haben. Seiner Meinung nach waren es etwa 65 Stundenkilometer. Das alles sagt sein Anwalt für ihn. Nestor P. selbst spricht am gesamten Prozesstag nur ein einziges Mal. Als er gegen Ende von der Richterin zu seinen Personalien befragt wird, macht er kurze leise Angaben.

Die große Frage, die im Raum steht: War es Vorsatz oder nicht? Wäre es Vorsatz gewesen, müsste der Fall vor dem Landgericht verhandelt werden, die Strafe könnte weit höher ausfallen. Auf Vorsatz plädiert auch die Anwältin der Angehörigen. „Aber genau das habe man ihm einfach nicht nachweisen können“, erklärte Oberstaatsanwältin Anne Leiding. Die bloße Tatsache, dass er viel zu schnell fuhr und dass er nicht einmal einen Bremsversuch unternahm, reichte dafür nicht aus. Das sehen die Nebenkläger am Prozesstag nicht so. In einem bewegenden Plädoyer betont Rechtsanwältin Barbara Biller, dass der Fall beim Amtsgericht verkehrt sei.

Die medizinischen Gutachten sind verwirrend. Offenbar habe Nestor P. medizinisch zum Zeitpunkt des Unfalls nichts gefehlt, er habe allerdings Medikamente gegen Epilepsie genommen. Einen Arztbrief mit einer Diagnose hingegen gebe es nicht, und gegen tiefer gehende Untersuchungen habe er sich gewehrt. „Da gehe ich lieber ins Gefängnis, als hier das Versuchs­kaninchen zu sein“, habe er zu Psychiater Kornelius Stadtland gesagt. Zum Zeitpunkt des Unfalls jedenfalls konnte man keine Anzeichen auf einen epileptischen Anfall oder einen Blackout finden. Aber: Damals wurde es versäumt, genauere medizinische Untersuchungen vorzunehmen. „Eigentlich hätte er bei der Schwere des Unfalls auch in ein Krankenhaus gemusst“, stellt der Verteidiger von Nestor P. fest. Dies habe man aufgrund der Tragik mit den drei Todesopfern versäumt. Aber nur das hätte die wahre Ursache klären können, glaubt Verteidiger Thomas Hubert Kaufmann. Fragen wirft auch der psychische Zustand des 62-jährigen Rentners auf. Während der Verhandlung ist kaum eine Regung in seinem Gesicht zu entdecken. Er wirkt ruhig, starr, fast unbeteiligt, als hätte er sich gänzlich von seinen Gefühlen abgespalten. Vielleicht die einzige Möglichkeit, so einen Prozess durchzustehen? Er ist der Geächtete im Raum. Ob er sich wirklich nicht erinnern kann oder ob er es nicht will, erfährt man an diesem Tag nicht.

Als das technische Gutachten vorgetragen wird, macht er sich Notizen und setzt dafür seine Brille auf, dabei zittern seine Hände. Manchmal nickt er fast unmerklich, wenn etwa über technische Details an seinem BMW X5 gesprochen wird. Vielleicht war es doch ein Softwarefehler des Autos? Aber auch ein technisches Versagen wird letztlich ausgeschlossen. Der Blick von Nestor P. liegt immer auf der Person, die gerade spricht. Konzentriert. Als wolle er selbst verstehen, wie das passieren konnte. Seine Augen sind rot unterlaufen. Die Anstrengung der langen Verhandlung, die sich den ganzen Tag über hinzieht? Oder doch mehr?

Lediglich über seinen Anwalt lässt er mitteilen, dass es ihm leidtue. Das lässt die Angehörigen fassungslos zurück. Sie stehen mit ihrem Schmerz vor einer Wand. Am Ende liest eine Angehörige eine Rede vor, die der Vater von Julien L. und Anne-­Sophie L. schrieb. Sie weint dabei die ganze Zeit. Macht Nestor P. schwere Vorwürfe. Auch dabei blickt Nestor P. unverwandt zu ihr herüber. Er sieht dem Schmerz der Angehörigen ins Gesicht. Immerhin. Vielleicht die einzige Form des Respekts, zu der er in diesem Moment fähig ist. Das muss genügen.

„Für diesen Fall gibt es nur zwei Möglichkeiten“, sagt Richterin Bettina Dettenhofer bei der Urteilsverkündung. „Entweder Herr P. ist absichtlich in das Auto gefahren. Dafür gibt es aber keine objektiven Anhaltspunkte.“ Es habe keinen Streit mit den Insassen gegeben, er kannte sie ja gar nicht. Die zweite Möglichkeit: Er habe die Geschwindigkeit maßlos unterschätzt, wollte vielleicht sehen, ob sein BMW richtig zieht. Kurz zuvor war der gelernte Elektromeister noch in einer Hobby­werkstatt, wo er dem BMW eine Ölspritze verpasste. Dann kam der Tunnelblick, er haben nur noch freie Bahn gesehen, die Ampel, die auf Grün schaltete... So könnte es gewesen sein. Vielleicht. Näher kommt an diesem Tag niemand an die Wahrheit heran.

Am Ende wird der Angeklagte zu vier Jahren Freiheitsstrafe wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Brandstiftung und fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Der Führerschein wird ihm lebenslang entzogen. Das ist mehr als die Staatsanwaltschaft forderte, die auf drei Jahre Haft plädierte. Es ist aber viel weniger als die Nebenkläger erwarteten, die derzeit noch prüfen, Rechtsmittel einzulegen. Und es ist zu viel, wenn es nach Meinung des Verteidigers geht. Dieser hält eine Bewährungsstrafe für angemessen und prüft den Sachverhalt ebenfalls. Auch für ihn bleibt die Ursache weiter unklar, einen medizinischen Grund schließt er nach wie vor nicht aus. Lücken bleiben. „Selbst mir hat Herr P. bis heute nicht erklärt, wie das passieren konnte“, sagt der Rechtsanwalt des Angeklagten. „Über diesen Fall muss noch geredet werden.“ 

Lydia Wünsch

Rückblick zum Unfallhergang: 

Der 16. Septembe­r 2017 war ein sonniger Samstagabend. Es war 19.30 Uhr, die Straße war trocken, die Sicht klar. Der rasende BWM-Fahrer hätte den Opel Corsa, der an der roten Ampel stand, eigentlich sehen müssen. Doch er tat es nicht. In voller Fahrt erwischte der SUV den Kleinwagen frontal von hinten, als der gerade bei Grün wieder anfuhr. Der Opel Corsa mit seinen vier Insassen wurde etwa 100 Kilometer weit geschleudert, er fing sofort Feuer. Die Geschwister Julien L. und Anne-Sophie L.

mit ihrem Verlobtem Baptiste waren aus Frankreich angereist, sie wollten auf den Geburtstag ihrer Schwägerin in einem Haarer Gasthaus. Alle drei mussten an diesem sonnigen Samstag aus dem Leben scheiden. Nur die Mutter der Geschwister, Danielle L., überlebte – schwer verletzt und bis heute traumatisiert. Sie konnte als Erste aus dem brennenden Autowrack geborgen werden. Dank der Zivilcourage eines der vielen Ersthelfer, die sofort aus den umliegenden Läden rannten.

Kommentar zum Prozess:

Von der Freiheit des schnellen Fahrens

Amerika hat Waffen, Deutschland hat Autos. Nach der Verhandlung um den Verkehrsunfall in Trudering ist diese Parallele vielleicht zugespitzt, aber doch treffend. Denn auch ein Auto kann zu einer Waffe werden. Das ist den meisten nur nicht bewusst, wenn sie das Gaspedal durchdrücken.

Aus diesem Grund ist 2017 in Deutschland ein schärferes Gesetz in Kraft getreten. Nach Paragraf 315d des Strafgesetzbuches kann jetzt jemand, der deutlich zu schnell fährt und dadurch Menschen tötet, auch wegen Mordes verurteilt werden und bis zu zehn Jahren Haft bekommen. Dieser Paragraf trat aber erst einen Monat nach dem Unfall auf der Wasserburger Landstraße in Kraft. Er konnte also nicht auf den Fall in Trudering angewendet werden.

Die Frage ist aber, ob härtere Strafen wirklich das Problem lösen. „Nestor P. ist eine Geschwindigkeit gefahren, die selbst auf vielen Autobahnen die Höchstgeschwindigkeit darstellt. Eine Geschwindigkeit, die in den meisten Ländern gar nicht erlaubt ist“, betonte die Anwältin der Nebenkläger. Die Vorliebe für schnelles Fahren ist in Deutschland ein Problem, gefördert durch die Autoindustrie und gestärkt durch eine große Lobby. Braucht der normale Bürger wirklich ein Auto, das weit über 200 Stundenkilometer fahren kann? „Freie Fahrt für freie Bürger“ – doch wie frei fühlt sich Nestor P. heute...

Lydia Wünsch

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