„Hier ist es okay, sich auch mal zu verlesen“

Projekt „Kinder lesen Katzen vor“ im Tierheim München-Riem

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Nino mit Kater Leonardo, der sich in den Lesepausen seine Streichelheinheiten holt.

Bei dem Projekt „Kinder lesen Katzen vor“ können Sechs- bis 14-Jährige einmal in der Woche ins Katzendorf des Tierheims Riem kommen, um den vierbeinigen Bewohnern etwas vorzulesen.

Die gelbe Tasche hat es Kater Leonardo besonders angetan. Während der 13-jährige Nino Bartoli seine Geschichte vorliest, beschnüffelt der rothaarige Haustiger neugierig den Inhalt der Tasche – und versucht dann, selbst hineinzukriechen. Der schwarzhaarige König räkelt sich derweil gemütlich auf dem Boden und lauscht Ninos Worten andächtig. Zur gleichen Zeit sitzt Ninos 10-jähriger Bruder Matteo in einem anderen Gehege bei Kater Hope und liest ihm die Geschichte vom grünen Elefanten vor. Hope hatte es sehr schwer. Er war in einem schlechten Zustand, als er ins Katzendorf des Tierschutzvereins München in Riem kam. Noch hat er sich nicht vollständig von seinen Krankheiten erholt. Da kommt ihm netter Besuch gerade recht. Eine sanfte Stimme und ein paar Streicheleinheiten sind die beste Medizin, um schnell wieder gesund zu werden.

Kinderstimmen wirken beruhigend auf Katzen

Bei dem Projekt „Kinder lesen Katzen vor“ können Sechs- bis 14-Jährige einmal in der Woche ins Katzendorf des Tierheims Riem kommen, um den vierbeinigen Bewohnern etwas vorzulesen. Vor zirka drei Monaten startete Laura Henning das Projekt. „Das ist so eine tolle Sache! Nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Katzen“, findet sie. Katzen entspannen sich nämlich, wenn sie Kinderstimmen hören. Das wurde sogar in einer amerikanischen Studie nachgewiesen. Sie hören dann besonders gut zu und beruhigen sich. „Außerdem hat es den positiven Nebeneffekt, dass wir unsere Katzen beobachten und dabei sehen, welche man besonders gut in eine Familie mit Kindern vermitteln kann“, sagt Henning.

Dass gerade Katzen für so ein Projekt ausgesucht wurden (und nicht zum Beispiel Hunde), hat seinen Grund. „Bei einem Hund kämen die Kinder wohl nicht wirklich zum Lesen“, glaubt Henning. Die seien einfach zu menschenbezogen und würden die ganze Zeit spielen wollen. Katzen hingegen machen ihr eigenes Ding und beschäftigen sich meist still und leise, während die Kinder lesen. So können sich die Kinder auch wirklich aufs Lesen konzentrieren – und das ist ein wichtiger Aspekt bei dem Projekt. „Viele der Kinder haben eine Leseschwäche und trauen sich zum Beispiel nicht, in der Klasse laut vorzulesen“, sagt Henning. Hier können sie den Katzen etwas vorlesen und werden außer von den ruhigen Vierbeinern von niemandem beobachtet. Eine Katze stört es nicht, wenn ein Kind sich mal verliest.

Eine Leseschwäche haben Nino und Matteo zwar nicht, dennoch freut es ihre Mutter Andrea, dass sie einmal in der Woche zum Katzenvorlesen kommen. „Bei Jungs ist es nicht immer leicht, sie zum Lesen zu animieren“, sagt sie. Auf diese Weise lernen sie, dass Lesen nicht nur ein Muss ist, sondern auch mit viel Freude verbunden sein kann! Die beiden Jungs lieben Katzen über alles, und da die Familie keine eigene Katze hat, ist es umso schöner, im Tierheim Zeit mit ihnen zu verbringen. Es sei auch interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Katzen auf die Jungs reagieren. „Bei dem einen klettern sie sofort auf den Schoß, während sie beim anderen erst mal zurückhaltend sind“, sagt Andrea Bartoli.

Neben diesem Projekt leitet Laura Hennig auch gemeinsam mit ihrer Kollegin Jennifer Hansen die Kinder-Gruppe „Mini Pigs“. Einmal im Monat treffen sich die Kinder, um bei lustigen Spielen etwas über Tiere zu lernen. Dabei werden Fragen beantwortet wie: „Essen Katzen wirklich so gerne Fisch? Und warum ist Milch eigentlich gar nicht gesund für sie? Davon bekommen sie nämlich laut Henning Verdauungsprobleme. Außerdem erfahren Kinder, dass die Ursache für Allergien gar nicht das Haar der Katzen ist, sondern ihr Speichel. Da sich Katzen häufig putzen und damit ihren Speichel auf ihre Haare übertragen, bekommen Allergiker beim Streicheln einer Katze rote Augen und müssen niesen. Ein untrügliches Zeichen für eine Allergie. Neben dem Wissen ist es Hennig zufolge für Kinder ungemein wichtig, den Umgang mit Tieren möglichst früh zu lernen. „Ich muss wissen, wie ich mit einem Geschöpf umgehe, das nicht mit mir sprechen kann“, sagt sie.

„Viele Leute sind Tieren gegenüber abgestumpft“

Ein Tier zeigt durch Körpersprache, was es will. Viele Menschen, die nie mit Tieren zu tun hatten, seien aber abgestumpft. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass ein Tier leiden könnte. Oft holen sich Menschen ein Tier ins Haus, ohne sich Gedanken über seine Haltung zu machen — aus einer Laune heraus oder weil es gerade in Mode ist. Wenn sie dann genug davon haben, weil es ihnen zu viel Arbeit macht, landen die Tiere im Riemer Tierheim. Um frühzeitig gegen solche Modekäufe gegenzusteuern, bemüht sich Henning, ihren „Mini Pigs“ viel über Tierhaltung zu erklären. Dabei kommt jeden Monat ein anderes Tier dran. Zum Beispiel Schweine. „Einige unserer Kinder sind dadurch sogar Vegetarier geworden“, sagt sie. Wobei sie die Kinder gar nicht in diese Richtung beeinflussen möchte. „Vielen wird einfach durch das Wissen bewusst, dass das, was sie essen, einmal gelebt hat."

Wer bei einem der Projekte teilnehmen möchte, kann sich unter der Nummer 921 00 07 82 bei Laura Henning anmelden. „Kinder lesen Katzen vor“ ist kostenlos. Es sind allerdings nur noch wenige Plätze frei. Für die „Mini Pigs“ gibt es eine Warteliste. 

Lydia Wünsch

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