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Polizeikurs für Frauen in der Messestadt

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„Stopp! Das ist meine persönliche Komfortzone!“: HALLO- Volontärin Lydia Wünsch lernt im Kurs, wie sie sich selbstbewusst gegen einen Angreifer zur Wehr setzt.
„Stopp! Das ist meine persönliche Komfortzone!“: HALLO- Volontärin Lydia Wünsch lernt im Kurs, wie sie sich selbstbewusst gegen einen Angreifer zur Wehr setzt. © oh

Die Angst, etwas Falsches in einer unangenehmen Situation zu tun, ist laut Polizei groß. Daher bietet das Polizeipräsidium München Kurse an, um zur Selbstbehauptung zu ermutigen und ihre Selbstsicherheit zu stärken. Denn: Falsch wäre nur, nichts zu tun und sich zu spät zu wehren. HALLO-Volontärin Lydia Wünsch hat solch einen Selbstbehauptungskurs in der Messestadt besucht und in drei Stunden erfahren, wie sie sich künftig in einer Gefahrensituation besser und selbstsicherer verhalten könnte.

Es ist stockfinster, als ich mit der S-Bahn nach Hause fahre. Ich bin fast alleine im Abteil. Nur eine Frau sitzt ein paar Sitzreihen von mir entfernt. An der nächsten Haltestelle steigt ein Mann zu und setzt sich neben mich. Im Augenwinkel bemerke ich, dass er ziemlich groß ist. „Sag mal, kennen wir uns von irgendwoher?“, fragt er mich. Ich wende meinen Kopf in seine Richtung. Zwei leere Augenpaare fixieren mich. „Wir haben uns doch letztens schon mal gesehen.“ Ich versuche zu lächeln. „Ich glaube nicht“, sage ich mit leiser Stimme. „Klar, du bist doch die Sabine.“ Eine Bierfahne schwappt zu mir herüber. Ich schüttle den Kopf und sage ihm, dass ich nicht die Sabine bin. „Jetzt erzähl keinen Scheiß!“, sagt er plötzlich sehr laut. Ich starre ihn nur an. Da höre ich eine weitere Stimme: „Möchten Sie sich vielleicht zu mir setzten?“ Jetzt erst bemerke ich, dass die Frau plötzlich bei uns steht. Sie streckt mir die Hand entgegen. Ein wenig später sitze ich neben ihr am anderen Ende des Abteils und versuche, wieder ruhig zu atmen.

So könnte die Situation ablaufen. Im wahren Leben. Heute war es nur eine Geschichte im Rahmen einer Übung der Polizei im SOS-Kinder- und Familientreff Ost in der Messestadt. Ich war das „Opfer“, der Polizeibeamte Udo Jehnes der „Täter“ und die Frau, die mich rettete, Sandra Nowak. Sie ist Mitarbeiterin im SOS-Kinderdorf und ebenfalls Teilnehmerin an dem Kurs für Zivilcourage und Selbstverteidigung. „Genauso wie Frau Nowak sollte man reagieren“, erklärt Polizist Michael Panasiuk, der zusammen mit seinem Kollegen Jehnes den Kurs leitet. „Wir kümmern uns um das Opfer und schauen, dass wir es aus der Gefahrenzone bringen. Den Täter lassen wir links liegen.“ Ich habe immer gedacht, dass ich ein ziemlich gutes Selbstbewusstsein habe. Dass ich gerade eben wie erstarrt war, erschreckt mich. „Viele Leute wissen nicht, wie sie in so einem Moment reagieren sollen“, sagt Jehnes. „Darum ist es wichtig, sich auf solche Situationen vorzubereiten.“

Angreifer lassen meist ab, wenn eine Frau sich wehrt

 „Läuft man nicht Gefahr, einen Täter noch mehr zu provozieren, wenn man sich wehrt?“, will Sandra Nowak wissen. Die Antwort ist überraschend: Rund 85 Prozent der Täter lassen Studien zufolge von einer versuchten Vergewaltigung ab, wenn die Frau sich wehrt. Sind Frauen also oft einfach nur zu schüchtern?

Gut, denke ich mir. Am Anfang war ich zu überrascht, um zu reagieren, aber gerade dafür

Kursteilnehmerin Sandra Nowak übt mit Polizist Michael Panasiuk, in einer kritischen Situation richtig zu reagieren.
Kursteilnehmerin Sandra Nowak übt mit Polizist Michael Panasiuk, in einer kritischen Situation richtig zu reagieren. © lw

ist so ein Training da. Dabei lernen wir auch, laut zu schreien. Gar nicht so einfach, wenn man nicht negativ auffallen will. Aber anderseits: Kein Mann hat das Recht, in meine persönliche Komfortzone einzutreten. Also: Rücken gerade, Beine fest auf den Boden. Schon alleine die Haltung bestimmt, ob man sich selbstbewusster fühlt. Trotzdem ist die nächste Aufgabe nicht leicht. Ich muss einem der Polizisten den Arm entgegenstrecken und „Stopp“ rufen, während er auf mich zukommt. Die ersten Male enden mit Lachen. Beim dritten Anlauf schaffe ich es. Laut rufe ich „Stopp“, stampfe mit dem Fuß auf und schaue den Polizisten auch Sekunden danach noch böse ins Gesicht. Und es fühlt sich richtig gut an. Irgendwie befreiend. Daneben lernen wir 15 Teilnehmerinnen an diesem Tag auch noch, wie man sich mit Tritten ins Schienbein oder auf den Fuß wehren kann. Außerdem bekommen wir Tipps, wie man sich in Gefahrensituationen am besten verhält: „Auf keinen Fall sollte man den Angreifer duzen“, warnt Jehnes. „Bleibt immer beim informellen ‚Sie‘. Das schafft Distanz und die umstehenden Leute merken, dass ihr nicht zusammengehört und sind dann eher bereit einzuschreiten.“

Auch viele Meinungen werden in den drei Stunden ausgetauscht. „Ich habe Angst um meine Tochter“, sagt eine der Teilnehmerinnen. „Sie ist jetzt 13, genau das Alter, in dem man ihnen mehr Freiheiten lassen sollte. Aber die Zeiten haben sich im Vergleich zu meiner Jugend geändert“, findet sie. Ist es tatsächlich so, dass man früher unbesorgter auf die Straße gehen konnte oder fühlt sich das nur so an? Glaubt man dem Sicherheitsreport der Polizei München, sind die Straftaten in einem Vergleichszeitraum von zehn Jahren um 8,8 Prozent zurückgegangen, so dass sich das Kriminalitätsaufkommen derzeit in etwa auf dem Niveau des Jahres 2010 bewegt. Und noch eine Zahl, die überrascht: Über 60 Prozent der Gewalttaten passieren zu Hause, gerade mal fünf Prozent in Parkanlagen und nur 0,7 Prozent in öffentlichen Verkehrsmitteln. München zählt nach wie vor zu einer der sichersten Städte der Welt. Das ist schon mal beruhigend, aber dass das Risiko in etwa gleichbleibend hoch ist, heißt nicht, dass man nicht trotzdem zu denen gehören kann, die Opfer einer Gewalttat werden.

Von Pfefferspray bis Schrillalarm 

Doch immerhin gibt es Mittel, die man zur Gegenwehr einsetzen kann. Neben dem bekannten Pfefferspray, das als Tierabwehrspray in Drogeriemärkten verkauft wird, stellen die Beamten auch den sogenannten „Schrillalarm“ vor. Eine Möglichkeit, sich Zeit zum Weglaufen zu verschaffen. „Wichtig ist, dass ihr solche Mittel frühzeitig herausholt“, empfiehlt Michael Panasiuk. Am besten schon, wenn man alleine die Straße entlanggeht und merkt, dass man von jemandem verfolgt wird. Wenn man erst anfängt in der Tasche zu kramen, wenn der Mann bereits vor einem steht, ist es meist zu spät. „Ich zumindest kenne keine Frau, die auf Anhieb etwas in ihrer Tasche findet“, fügt er schmunzelnd hinzu.

„Aber wie kann ich mir sicher sein, dass alle diese Mittel etwas helfen?“, frage ich am Ende des Workshops und denke wieder an die erste Übung und wie gelähmt ich war. „Ein Restrisiko bleibt immer“, antwortet Jehnes. „Aber je besser du dich vorbereitest, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du in so einem Moment richtig reagierst. Und dass du auch anderen Menschen helfen kannst.“

Sandra Nowak findet es gut, dass solche Kurse kostenlos angeboten werden und wird ihre Tochter zum nächsten Kurs schicken. Auch ich fühle mich jetzt besser auf so eine Situation vorbereitet. Und sei es nur, dass ich meine Schüchternheit überwinde und überhaupt reagiere. 

Lydia Wünsch

Prävention & Opferschutz

Wer Interesse an einem Polizeikurs zum Thema Selbstbehauptung und Zivilcourage hat, kann sich beim Kommissariat 105 unter der Telefonnummer 2910-4444 oder per E-Mail an pp-mue.muenchen.k105@polizei.bayern.de anmelden. Dort werden einem weitere Kurstermine genannt. Der Kurs wird auch für Kinder und Jugendliche angeboten. Informationen gibt es unter www.polizei.bayern.de/ppmuc/schutz.

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