Nightwish besuchen München und stellen das neue Album "Human. ://: Nature." vor

"Ich bin zu holländisch, um mich als Göttin zu sehen"

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Nightwish-Sängerin Floor Jansen im Gespräch mit HALLO-Chefredakteur Marco Heinrich

Floor Jansen ist seit sieben Jahren die Sängerin der finnischen Symphonic Metal Band Nightwish. Nach fünf Jahren präsentierte die Band in München das neue Album "Human. ://: Nature." Im HALLO-Interview spricht sie über Rückschläge, Erfolge und die Menschheit an sich.

Von außen betrachtet wirkt dein Leben wie ein klassischer Filmstoff: Du musstest sehr viele Hindernisse überwinden und bist jetzt nicht nur sehr erfolgreich, sondern glücklich...

Jansen: Ja, das stimmt. Ich bin gerade tatsächlich sehr glücklich. Aber heute bin ich über jede dieser Erfahrungen sehr dankbar. Nicht nur, weil ich mein Leben, wie es jetzt ist, dadurch mehr wertschätzen kann. Sondern auch, weil es mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.

Ein Jahr vor deinem Einstieg bei Nightwish bist du an einem Burnout erkrankt. War das ein Kristallationspunkt, von dem aus sich alles änderte? 

Ja. Es hat mir gezeigt, dass ich in meinem Leben offensichtlich etwas falsch gemacht habe. Ich konnte nicht mehr singen. Hatte keine Kraft mehr, wirklich irgendetwas zu tun. Erst dachte ich, dass es mit der Arbeit an sich zusammenhängt. Dass sie mir keinen Spaß mehr macht. Aber dann wurde mir klar, dass es darum geht, wie ich diese Arbeit mache. Es gibt Dinge, in denen man gut ist. Und andere, in denen man nicht so gut ist. Ich musste lernen, diese Dinge an andere Menschen zu delegieren und ihnen dann auch zu vertrauen. Das war eine sehr wichtige Lektion für Heute. Denn ich glaube nicht, je mehr gearbeitet zu haben. Obwohl ich heute viel mehr Dinge im Leben in Balance halten muss.

Hat es dich auch als Sängerin verändert, Mutter einer Tochter geworden zu sein? 

Als Sängerin nicht. Aber es ist bei mir nicht anders als bei anderen Frauen: Es gibt einfach viel weniger Zeit. Und ich empfinde Zeit auch anders.

Nightwish schafft eine sehr emotionale Musik, die sich mit den großen Fragen des Lebens befasst. Hat sich diese Wirkung für dich durch deine Tochter verändert? 

Alles, was wir in der Welt wahrnehmen, verändert sich dadurch. Auch die eigene Selbstwahrnehmung. Und so verändert sich auch die Art, wie Kunst auf mich wirkt – oder wie ich sie zu vermitteln versuche. Ich glaube, die Verbindung zur Musik wurde noch tiefer als sie vorher schon war.

Ist das etwas, was du genießt. In die eigene Gefühlswelt eintauchen und sie wirklich tief zu ergründen? 

(überlegt) Ja. Aber es kann auch zu einer Art Selbstfolter werden. Wenn ich Texte für neue Lieder bekomme, muss ich sie zuerst wirklich verstehen. Und einige davon sind wirklich traurig. Oder sie berühren dich in deinem tiefsten Inneren, auch wenn sie nicht traurig sind. Es bewegt dich. Und das ist auf der einen Seite toll. Aber manchmal denke ich auch: „Wow! Gibt mir eine Minute. Das ist gerade einfach zu viel.“ Man macht schon eine Menge durch als Nightwish-Sängerin (lacht).

Das ist der Eindruck, den du auf der Bühne vermittelst. Du singst die Lieder nicht, du spielst sie nicht. Du bist das Lied in diesem Augenblick. 

Danke für dieses wundervolle Kompliment.

Ist das eine Gabe, die schon immer da war, oder braucht das viel Übung? 

Vielleicht nicht Übung. Mir ist vor kurzem eine komische Sache passiert: Wenn ich in mein Auto steige, verbindet sich mein Smartphone automatisch mit dem Radio und Musik fängt an zu spielen. Auf einmal hörte ich also einen Song mit meiner früheren Band "After Forever“. Ich hatte das seit Jahren nicht mehr gehört. Und ich dachte: Ja, das ist gut, aber mir fehlt etwas. Etwas, das ich heute in dieses Lied hineinlegen könnte. Ich hatte die Gefühle damals schon in mir, aber heute kann ich sie besser transportieren. Aber dafür muss ich eben die Songs verstehen. Bei Nightwish schreibt Tuomas die allermeisten Lieder. Und natürlich kann ich nie zu 100 Prozent verstehen, was er dabei fühlt. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Es geht um das Gefühl, das ich beim Hören habe. Das Lied gehört immer dem, der es hört. Nicht dem, der es schreibt. Jeder kann darin lesen, was er will.

Wie war das Gefühl, als Tuomas der Band zum ersten Mal das neue Material präsentierte? Nach fünf Jahren ohne neues Album waren bestimmt nicht nur die Fans gespannt. 

Klar. Wir wollten es auch hören. Und es war wie beim ersten Album, das ich mit Nightwish gemacht habe. Ich war sehr ungeduldig, alles sofort zu begreifen und zu verstehen. Wenn ich Musik höre, will ich alles sofort in mich aufnehmen und ein Teil davon werden. Ich will es gleich singen – aber ich muss es erst lernen. Das ist anders als bei Stücken, die aus deiner eigenen Feder stammen. Es braucht Zeit. Und ich bin sehr schlecht darin, mir diese Zeit zu geben. Ich bin zu ungeduldig.

Die Musik von dem neuen Album hat es dir vermutlich nicht leichter gemacht... 

Sie ist unglaublich komplex. Ich musste den Prozess in einzelne Stücke herunterbrechen. Erst musste ich die Melodie verstehen. Dann den Text. Dann den Rhythmus des Textes auf der Musik. Es dauerte Wochen, das erstmal physisch hinzubekommen. Und erst dann geht darum, die Emotionen hinzuzufügen. Eine Geschichte zu erzählen. Das war ein intensiver Ritt.

Was hältst du davon, dass die zweite Hälfte des Albums rein orchestral ist – mit nur sehr wenigen von dir gesungenen Melodien? 

Ich finde, es ist eine großartige Idee. Irgendwie machte es Sinn. Wenn du so etwas schreiben kannst, mach es! Das ist das Tolle an der Freiheit der Kunst. Und ich bin froh, dass es neun neue Songs mit der Band gibt, die wir dann auch live spielen werden. Und es hat großen Spaß gemacht, auch an dem langen orchestralen Stück mitzuwirken. Irgendwie toppt es sogar noch „The Greatest Show on Earth“, denke ich. Ich mag es sehr.

War einer der neun neuen Songs von Anfang an dein Favorit? 

Nicht wirklich. Mich hat sofort die unglaubliche Komplexität in den Bann gezogen. Sehr schnelle, sehr komplexe Melodien. „Ufff!“, dachte ich mir: „Wie? Wie soll ich das machen?“ Die Strophen aus „Shoemaker“. „Music“ – das ganze Lied, ich dachte nur: „Waaas?“. Oder „Pan“ – wow!

Wolltest du Tuomas irgendwann einfach nur die Noten um die Ohren hauen? 

Genau. (lacht) „Tuomas, was tust du mir an?“ Nein, ich mag eine echte Herausforderung. Mann muss es halt studieren, bis es im Körper sitzt.

Wird es auch für die Fans eine Herausforderung, mit dem Album warm zu werden? 

Ja, das kann sein. Es war unmöglich, eine Single auszuwählen, die das ganze Album repräsentiert. Denn es ist so divers. Ich hoffe, dass die Fans beim ersten Hören ein gutes Gefühl bekommen. Dass sie es öfter hören wollen. Denn es braucht eine Zeit, um die ganze Tiefe des Albums zu begreifen. Ich hoffe, es klingt nicht zu kompliziert für all jene, die mitsingen wollen. Denn wenn etwas Kompliziertes gut gemacht ist, klingt es gar nicht mehr super-kompliziert.

Es ist kein Album zum Mitsingen. 

Naja, es gibt auf jeden Fall Passagen zum Mitsingen. Der Refrain von „Music“ ist dafür super. Oder das ganze Lied „Harvest“. Eigentlich alle Refrains auf dem Album. Aber viel Spaß mit den Strophen in „Shoemaker“ und „Music“ (lacht). „Pan“ ist einfach wow! Und „Tribal“ ist einfach verrückt. Ein toller Live-Song, sehr stark.

Wie verliefen die Aufnahmen im Studio? 

Es ging sehr schnell. Schneller als wir dachten. Nur meinen operartigen Teil in "Shoemaker" haben wir dreimal aufgenommen. Und ganz zufrieden war ich dann immer noch nicht. Der richtige Flow fehlte irgendwie. Also habe ich mir ein supertolles Mikro für Zuhause gekauft und es dort aufgenommen. Und da funktionierte es auf Anhieb. Plötzlich war es da. Ich bin sehr stolz darauf, wie es jetzt klingt. Der gesprochene Teil davor kommt übrigens von Johanna, der Ehefrau von Tuomas.

Wagen wir einen kurzen Sprung zurück. Du hast oft darüber gesprochen, dass du als Kind keine leichte Zeit hattest. Du warst immer die Größte, sprachst einen anderen Dialekt als die anderen. Jetzt stehst du auf den großen Bühnen und bist für viele Frauen ein Vorbild. Wie passt das zusammen? 

Das war ein langer Prozess mit vielen kleinen Schritten. Ich hatte eine wirklich schöne Kindheit. Es gab da nur ein paar wirklich hartnäckige Menschen, die es mir über eine lange Zeit sehr schwer gemacht haben. Und ich habe wirklich nicht hineingepasst. Von heute aus betrachtet sehe ich das allerdings als etwas Positives. Ich bin froh darüber, mich nicht an etwas angepasst zu haben, das mir nicht entspricht. Heute kann ich das sagen, als Frau, die viel mehr in sich ruht und eine gewisse Selbstsicherheit besitzt. Das hat aber eine lange Zeit gedauert. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind immer Sorgen hatte, dass ein anderes Mädchen mit mir auf der Bühne steht, das viel kleiner ist. Ich habe mich sowieso immer als Riesin gefühlt. Heute habe ich mich daran gewöhnt, dass die Leute mir auf die Füße schauen, um zu sehen, ob ich Highheels trage.

Es gibt Begriffe, die dich immer wieder beschreiben: Die Kriegerin. Die Walküre. Die Göttin. Sind solche Labels schmeichelhaft oder nervig? 

(lacht) Ach, das ist doch schmeichelhaft! Ich kann darüber wirklich schmunzeln. Wahrscheinlich bin ein einfach zu holländisch, um mich selbst als Göttin wahrzunehmen. Oder als Walküre. So lange das alles positiv gemeint ist, finde ich solche Beschreibungen witzig. Im Zentrum steht für mich aber immer die Musik. Wie ich aussehe, ist auch wichtig.. Aber es ist nicht das, worauf es wirklich ankommt.

Sie sind eine Holländerin, die in Schweden lebt und in einer finnischen Band ist. Europäischer geht es ja kaum. Das neue Album befasst sich mit der Menschheit und ihren Umgang mit der Natur. Wie wir es nicht schaffen, unser Potenzial auszuschöpfen. Wie siehst du die Welt und Europa heute?

Ich glaube, Europa geht es besser als je zuvor. Es gibt insgesamt mehr Frieden auf der Welt. Mehr Mädchen dürfen in die Schule gehen. Es gibt weniger Verstümmelungen von Mädchen. Die Sterblichkeitsrate von Kindern sinkt. Die Welt wird insgesamt sicherer. Aber es ist vielleicht typisch für uns Menschen, dass wir uns in unserer Zeit verlieren. Vor allem, wenn es in den Nachrichten nur um Klimakrisen und Horrorgeschichten geht. Dabei zeigen viele Statistiken, dass wir vieles wirklich gut machen. Es ist wichtig, dass wir das nicht vergessen und stattdessen in eine Klimadepression verfallen. Es gibt den Planeten schon seit 4,6 Milliarden Jahren – und wir Menschen sind gerade erst aufgetaucht. Ja, wir haben einen Effekt und dem müssen wir uns auch stellen. Aber wir dürfen das große Ganze nicht aus dem Auge verlieren. Wir machen das insgesamt gut. Allerdings halte ich die Europäische Union für einen Fehler – so, wie sie sich entwickelt hat. Denn wir sind überhaupt keine europäische Union. Die Idee dahinter ist allerdings weiter großartig. Und wir haben Frieden. Das größte Problem der Menschheit ist wahrscheinlich, dass es einfach zu viele von uns gibt. Wir müssen einfach schlauer darin werden, uns wie ein Teil der Natur zu verhalten. Denn das sind wir. Mann muss nur schauen, wie ähnlich unsere DNA der einer Banane ist.

Auch als Mutter macht es dir keine Sorgen, wenn es wieder mal einen Winter fast ohne Schnee gibt? 

Nein. Der Wandel ist unausweichlich. Die Geschwindigkeit ist besorgniserregend. Ich habe allerdings echte Probleme, den Dingen zu trauen, die ich lese. Denn jeder verfolgt irgendeine Agenda. Die echte Wahrheit kennt vermutlich niemand. Und das ist das Schlimmste an dem Ganzen. Mein Gott, ich recycle. Ich habe für meine Tochter sogar waschbare Windeln benutzt. Ich kaufe Second Hand. Ich versuche wirklich, meinen Teil beizutragen. Aber es ist Zeit, dass sich auf einen höheren Ebene Dinge grundlegend verändern. Macht und Geld hat uns lange genug gebremst.

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