Stürmisch war es hinter den Kulissen

Nach dem 19. Truderinger Ventil

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Viel Applaus gab es nach dem großen Finale des 19. Ventils. Winfried Frey hatte zuvor nicht nur die Lieblingsgeste von Oberbürgermeister Dieter Reiter aufs Korn genommen. Wolfgang Stefinger hatte sich zuvor Streicheleinheiten von „Franz Josef Strauß“ abgeholt.

Ein mittelalterliches Singspiel um zwei auferstandene Politiker und das Derblecken durch Winfried Frey standen im Mittelpunkt des 19. Truderinger Ventils. Ein gelungener Abend – auch wenn der große Druck auf dem Ventil fehlte.

Draußen, vor dem Truderinger Kulturzentrum, tobte Eberhard – ein ordentlicher Sturm, der Bäume und Ampeln bedrohlich schwanken ließ. Drinnen war wehte unterdessen ein bedeutend sanfteres Lüftchen. Beim 19. Truderinger Ventil wurde Dampf nur in sehr verträglich ênDosen abgelassen – auch die anwesenden Politiker konnten den Abend genießen, ohne bleibende Schäden zu fürchten. „Ich war letztes Jahr mit meiner Tochter hier. Ihr hat es so gut gefallen, dass diesmal auch der Sohn mitwollte“, erzählte CSU-Generalsekretär Markus Blume grinsend. Das Lachen sollte ihm nicht vergehen. Der größte Witz auf seine Kosten war, dass der nächste bayerische Ministerpräsident zwar Blume heißen würde, aber halt nicht Markus, sondern Janet – seine Ehefrau.

Überhaupt war es ein Abend der Frauenpower. Zwei politische Granden ließ Ventil-Macher Winfried Frey auferstehen. „Franz, der Josef aus dem Straußenei“ und „Kurt mit dem Eisnerhut“ fanden sich im Mittelalter wieder. Doch die eigentlichen Stars waren dann doch das allwissende Orakel (das optische Highlight des Abends), das den weiblichen Siegeszug im 21. Jahrhundert ebenso vorhersagte wie das Aussterben des roten Stammes. Und weil die Zeiten nach „Diversity“ und Integration rufen, durfte auch noch eine indische Bayerin kräftig mitmischen. Fazit des Orkales: „Männer braucht man nur noch zum Besamen, alles andere erledigen selbst die Damen.“

Das Geschehen ließ genügend Raum für zahlreiche Gesangsnummern und mittelalterliches Handgeklapper aus den vollbesetzten Reihen. Wirklich böse wurde der Humor nie, auch wenn der Text vom „Schwarzen Ritter“ nur aus Original-Zitaten aus Reden von Franz Josef Strauß bestand.

Im zweiten Teil des Abends folgte dann der große Auftritt von Winfried Frey selbst, der den anwesenden Politikern als Druide mit sechsfachem Durchblick den Spiegel vorhielt. Oder besser: die Kristallkugel. Denn wie sagte Frey so treffend: „Ich schaue jetzt in meine Kugel – im Mittelalter ist das lei wie google.“ Doch auch hier musste niemand richtige Nehmerqualitäten beweisen. Markus Rinderspacher, den es vor einem Jahr noch mit voller Breitseite getroffen hatte, kam diesmal relativ glimpflich davon („Nur noch repräsentieren – und dabei die ganze Macht verlieren“). Oberbürgermeister Dieter Reiter wurde vorgeworfen, dass sein eigentliches Ziel wäre, München in einen Freizeitpark mit Gondeln, Riesenrädern und Bier-Kanalisation verwandeln zu wollen. Und Wolfgang Stefinger hatte seinen peinlichsten Moment schon im ersten Teil des Abends überstanden, als er ein Steckenpferd des großen Franz Josef halten musste. Tätschel- einlage inklusive.

Es war ein unterhaltsamer Abend beim 19. Ventil. Aber man merkte ihm auch an, was Winfried Frey schon zuvor im HALLO-Interview moniert hatte: Die Ecken und Kanten fehlen in der Politik momentan. Und dass sich neue Hauptakteure in die politische Szene des Münchner Ostens drängen würden, ist ebenfalls nicht unbedingt festzustellen. „Selbst dann, wenn man eine rosarote Brille aufsetzt, werden Eisbären nicht zu Himbeeren“, wurde Franz Josef Strauß im Laufe des Abends zitiert. Es war so etwas wie das Motto des Abends. Denn das 19. Ventil entfachte keinen Sturm. Der blies nur draußen.

Marco Heinrich

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