Justitia ist nicht nur blind, sondern auch sehr langsam

Mehr als drei Jahre nach dem Unfall auf der Wasserburger Landstraße

Im September 2017 verursachte Nestor P. einen tödlichen Unfall an der Wasserburger Landstraße in Waldtrudering.
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Im September 2017 verursachte Nestor P. einen tödlichen Unfall an der Wasserburger Landstraße in Waldtrudering.

Und wieder Warten. Auch das Berufungsverfahren gegen Nestor P. musste nun verschoben werden. Für die Angehörigen der Opfer findet die Suche nach Gerechtigkeit und Frieden einfach kein Ende. 

Trudering - Normalität ist zerbrechlich. Kleinigkeiten reichen, um den Horror zurück in das Leben von Katharina Roudil zu bringen. Ein Auto mit einem Ebersberger Kennzeichen zum Beispiel. Dann sind die schrecklichen Bilder sofort wieder da. „Ich denke dann immer: Hoffentlich ist er es nicht“, sagt sie. Er, das ist Nestor P. Der Fahrer des Autos, das am 16. September 2017 an der Wasserburger Landstraße einen tödlichen Unfall verursachte. Mehr als drei Jahre ist das nun her. Ein rechtskräftiges Urteil gibt es bis heute nicht. Wie sollen sich da die Wunden der Angehörigen der Opfer schließen?

Nestor P. (l.) während des Prozesses im Dezember.

Für die vergangene Woche war eigentlich die Berufung des Verfahrens angesetzt, nachdem Nestor P. vor knapp einem Jahr wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Der Vater der zwei bei dem Unfall verstorbenen Geschwister war auch diesmal wieder aus Frankreich angereist. Aber der Prozess wurde kurzfristig verschoben. Der Angeklagte hat ein neurologisches Gutachten beantragt. Das wird nun erstellt, was wieder Monate dauern wird. Im ersten Verfahren hatte der Angeklagte solch ein Gutachten noch abgelehnt. Die Zeiten ändern dich. Und die Zeit in Freiheit spielt für Nestor P.

Für Katharina Roudil, die um ihren Schwager, ihre Schwägerin und deren Lebensgefährten trauert, ist das kaum zu ertragen. „Das alles lässt einen daran zweifeln, wer eigentlich uns Opfer in dem System vertritt. Die Staatsanwaltschaft tut jedenfalls gar nichts. Wenn ich sehe, wie sich die Staatsanwältin in dem Fall verhält, dann hätte sie auch zuhause bleiben können“, richtet sich ihr Zorn längst nicht mehr ausschließlich in Richtung des Angeklagten. „Es bleibt alles offen! Der Typ läuft immer noch frei herum. Er will verzögern und seine Haftstrafe umgehen. Und was ist mit uns? Wir sind nur Zuschauer. Wir müssen irgendwie damit leben. Im schlimmsten Fall kommt er in der Berufung sogar wieder auf Bewährung raus.“

Wenn Menschen sterben, gibt es so etwas wie Gerechtigkeit nicht. Die Opfer des Unfalls kommen nicht zurück – egal, wann und wie das Urteil fällt. Und doch. „Wenn der endlich im Gefängnis wäre, hätte ich vielleicht nicht mehr dieses Gefühl“, sagt Katharina Roudil. Ihrer Meinung nach sind selbst vier Jahre Haft nicht genug für die Tat. Obwohl die Richterin damit sogar über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinausging.

Ob es in Raser-Prozessen um Mord-Anklagen oder um fahrlässige Tötung geht, hängt davon ab, ob den Tätern ein Vorsatz nachzuweisen ist oder ob sie zumindest davon ausgehen mussten, dass die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Tötung unbeteiligter Dritter sehr hoch war. Nestor P. fuhr mit 128 km/h in ein Auto, das innerorts vor einer roten Ampel stand. Mehr als drei Jahre nach der Tat hat er sich persönlich nicht zu der Tat geäußert oder entschuldigt. Der Führerscheinentzug ist die bislang härteste Strafe, der er sich stellen muss. Wann die Berufung des Prozesses vor dem Oberlandesgericht stattfindet, steht in den Sternen.

Marco Heinrich

So passierte der Unfall

Der 16. Septembe­r 2017 war ein sonniger Samstagabend. Es war 19.30 Uhr, die Straße war trocken, die Sicht klar. Der rasende BWM-Fahrer hätte den Opel Corsa, der an der roten Ampel stand, eigentlich sehen müssen. Doch er tat es nicht. In voller Fahrt erwischte der SUV den Kleinwagen frontal von hinten, als der gerade bei Grün wieder anfuhr. Der Opel Corsa mit seinen vier Insassen wurde etwa 100 Meter weit geschleudert, er fing sofort Feuer. Die Geschwister Julien L. und Anne-Sophie L. mit ihrem Verlobtem Baptiste waren aus Frankreich angereist, sie wollten auf den Geburtstag ihrer Schwägerin, Katharina Roudil, in ein Haarer Gasthaus. Alle drei mussten an diesem sonnigen Samstag ihr Leben lassen. Nur die Mutter der Geschwister, Danielle L., überlebte – schwer verletzt und bis heute traumatisiert. Sie konnte als Erste aus dem brennenden Autowrack geborgen werden. Im Dezember 2019 wurde Nestor P. wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Brandstiftung und fahrlässiger Körperverletzung zu vier Jahren Haft verurteilt. Er legte Berufung ein. lw

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