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„Dürfen diese Kinder nicht vergessen“

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Martina Krüger ist Kopf und Herz der Truderinger Tschernobyl-Hilfe. Noch heute, weiß die 67-Jährige, leiden Tausende an den Folgen der Reaktor-Katastrophe. © kn

Vor 25 Jahren rief die Waldtruderingerin Martina Krüger ihre „Hilfe für die Kinder von Tschernobyl“ ins Leben. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist es, den meist krebskranken Kindern zu Weihnachten Geschenkpäckchen zu schicken. HALLO hat mit der 67-Jährigen über das Sterben der Kinder, aber auch Momente der Hoffnung gesprochen. Denn Krüger sagt: „Man kann auch mit kleinen Schritten Großes bewirken!“

Martina Krügers bis dahin sehr beschauliches Leben änderte sich am 26. April 1986 um exakt 1 Uhr 23 Minuten und 40 Sekunden. Dann nämlich explodierte im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein Reaktorblock. 180 Tonnen hochradioaktives Material wurden dabei in die Atmosphäre geschleudert. Tagelang taten die Behörden alles, um die Katastrophe kleinzureden. Doch spätestens Anfang Mai war allen klar: Die strahlende Wolke verseuchte längst nicht nur die Region um Tschernobyl, sondern auch das benachbarte Weißrussland, den Westen Russlands, Skandinavien und schließlich Westeuropa.

Gerade Oberbayern traf der Schatten der Wolke hart, nirgendwo sonst in Deutschland wurden derart hohe Strahlenwerte gemessen wie hier. Die Bürger horteten H-Milch, Kinder durften im Regen nicht mehr draußen spielen, Sandkästen wurden abgedeckt.

„Wir hatten ja alle keine Ahnung von dem Thema“, gibt Martina Krüger zu. Doch als Mutter von drei kleinen Kindern habe sie sofort angefangen, sich zu informieren – und zu protestieren: Gemeinsam mit anderen Frauen aus ihrer Nachbarschaft marschierte sie durch Waldtrudering und forderte dabei Lebensmittelgeschäfte lautstark auf, Angaben zur Herkunft ihrer Milch zu machen. „Geht‘s in‘d Arbeit“, riefen einige Passanten den Damen zu.

Doch bei Martina Krüger war die Saat gelegt. „Ich wurde nicht zur Anti-Atom-Aktivistin“, betont sie. Aber sie habe auch nie vergessen, welches Schicksal die Menschen in der verstrahlten Region erleiden mussten. Da traf es sich 1991 gut, dass das Schwabinger Krankenhaus, das da bereits regelmäßig krebskranke Kinder aus Tschernobyl behandelte, Betreuerinnen für die mitgereisten Familien der Kinder suchte. Martina Krüger hatte als Dreifach-Mami dafür zwar keine Zeit, kam so aber in Kontakt mit Olha Tkaczenko.

Die Vorsitzende des ukrainischen Pfadfinderbunds in Deutschland e. V. organisierte regelmäßig Hilfstransporte nach Tschernobyl. In Martina Krüger fand sie eine gut vernetzte Unterstützerin für München – wo die Tschernobyl-Hilfe prompt Fahrt aufnahm.

Krüger führte fortan Sammlungen durch, veranstaltete Benefiz-Konzerte und berichtete in Schulen über die Zustände in ukrainischen Krankenhäusern. Tausende Euro kamen im Lauf der Jahre zusammen, mit denen die Kinderkrebsstation des ukrainischen wissenschaftlichen Forschungsinstituts in Kiew – wo bis heute die meisten der an Leukämie- und Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder behandelt werden – ausgebaut und modernen medizinischen Standards angepasst werden konnte.

Doch neben den Erfolgen ihrer Arbeit erlebte sie auch traurige Momente. Etwa ihr erster Besuch in Kiew, der „heftig“ war, wie sie berichtet. Auch den Satz „Wieso soll ich spenden, die Kinder sterben doch sowieso“ habe sie auf der Suche nach Spenden oft gehört. „Damit musste ich lernen umzugehen“, sagt sie im Rückblick.

Mittlerweile ist Martina Krüger 67 und Großmutter. Wie lange sie ihre Arbeit für die Kinder von Tschernobyl noch machen will, weiß sie nicht. Gebraucht wird sie nach wie vor: 1998 hat die ukrainische Regierung ihre Unterstützung für Krebspatienten vollständig eingestellt. Die Familien müssen ihre Medikamente also selber finanzieren. Hinzu kommt: In der Region um Tschernobyl sind in den vergangenen Jahren viele junge Mütter an Krebs gestorben, nun müssen Großeltern sich um die oft ebenfalls kranken oder behinderten Enkel kümmern.

„Es ist ein Fass ohne Boden“, seufzt Krüger. Und betont gleichzeitig: „Wir dürfen diese Kinder nicht vergessen, sie haben keine Lobby. Sie können doch nichts dafür, dass sie krank sind.“ Gerade im wohlstandsverwöhnten München sollten sich Krüger zufolge auch einige eine Scheibe vom Lebensmut der kleinen Patienten abschneiden: „Diese Kinder haben trotz ihres Schicksals so viel Lebensfreude, das ist beeindruckend!“

Ihre Weihnachtspackerl-Aktion will Martina Krüger daher auch – dank der Unterstützung der Pfarrei und ihres Mannes – so schnell nicht beenden. Damit schenke man den Kindern noch einmal ein Lächeln, sagt die Waldtruderingerin – denn es dürfte das letzte Weihnachtsfest sein, das sie erleben.

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