„Wenn der Baum einmal befallen ist, dann ist er dem Tod geweiht“

Die Klimaerwärmung sorgt für eine dramatische Verbreitung des Borkenkäfers — auch in Trudering

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Vor etwa 50 Jahren hat sein Großvater eine Fichte gepflanzt. Heute erinnert nur noch ein Baumstumpf daran.

Als der Truderinger Ralf Hentschel bemerkte, dass eine seiner Fichten im Garten abgestorben war, stellte er einen Antrag auf Baumfällung bei der Unteren Naturschutzbehörde. Die Antwort, die er erhielt, war mehr als überraschend. Offensichtlich war sein Baum von Borkenkäfern befallen. In dem Antwortschreiben wurde Hentschel mitgeteilt, dass sein Grundstück sich in der Quarantänezone zur Bekämpfung des Borkenkäfers befindet. Wenn er ihn nicht innerhalb von zwei Wochen fällen würde, drohe ihm eine Strafzahlung von 25.000 Euro.

So majestätisch ragten Hentschels 20 Meter hohen Fichten früher in den Himmel.

„Nicht nur, dass ich den Baum ja eh fällen wollte. Ich fand das ziemlich drastisch. Immerhin wusste ich nicht einmal, dass der Baum überhaupt befallen war, geschweige denn, dass wir hier in einer Quarantänezone sind“, sagt Hentschel. Woher denn auch? Wenn man sich nicht mit dem Thema beschäftigt. Darum stellte Ralf Hentschel, der für die Freien Wähler im Bezirksausschuss Trudering-Riem sitzt, einen Antrag, dass Bürger in den vom Borkenkäfer befallenen Zonen über Hinweistafeln und Postwurfsendungen informiert werden, um das Bewusstsein für das Problem zu stärken. Hierbei sollte vor allem auch auf die Verordnung der Stadt München hingewiesen werden, die eine intensive Überwachung der Fichtenbestände in Trudering-Riem von den Bewohnern fordert.

Hentschels Baum ist mittlerweile für 2000 Euro gefällt und abtransportiert worden. Bei einer Inspektion kam heraus, dass auch noch zwei weitere Fichten in unmittelbarer Nähe befallen waren. Diese wurden ebenfalls sofort gefällt. Denn sobald der Borkenkäfer sich in einem Baum eingenistet hat, gibt es für diesen keine Chance mehr. HALLO hat ein Interview mit der Borkenkäferexpertin Karin Bork geführt und sich darüber aufklären lassen, warum in Sachen Borkenkäfer derart drastische Maßnahmen erforderlich sind.

HALLO: Wie erkennen Gartenbesitzer den Borkenkäfer möglichst früh? 

Karin Bork ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Waldschutz der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF).

Karin Bork: Wenn wir vom Borkenkäfer sprechen, dann ist damit hauptsächlich von Buchdrucker und Kupferstecher die Rede. Diese findet man am häufigsten an der Fichte. Den Buchdrucker sieht man auch, wenn man die Rinde des Baums ablöst. Das ist ein kleiner, schwarzer Käfer, etwa vier bis sechs Millimeter breit. Außerdem sieht man zwischen Rinde und Baum die Brutgänge. Ein anderes Merkmal sind die Bohrmehlhäufchen am Stamm oder Spinnweben.

Wenn man den Käfer bemerkt, kann man noch irgendwas tun, um den Baum zu retten? 

Nein, Prävention ist das Einzige, was hilft. Zum Beispiel ausreichend Wasser. Sobald aber die Käfer den Baum befallen, ist er dem Tod geweiht. Man kann dann keine Pestizide mehr anwenden. Der Käfer frisst sich zu den Leitungsbahnen des Baums und schneidet die Nährstoffversorgung ab. Man kann dann nur noch die Verbreitung verhindern, indem man den Baum fällt.

Online unter borkenkäfer.org gibt es eine Karte mit den Befallszonen. Dort sieht man das München sowie der Münchner Landkreis in der roten Zone liegen. Sind wir im Katastrophengebiet? 

Ich würde jetzt nicht das Wort Katastrophe verwenden, aber es ist sehr dramatisch. Der Borkenkäfer vermehrt sich, wenn es trocken und warm ist. Wir hatten schon seit 2015 zunehmend wärmere Jahre. Dadurch hat sich die Population des Käfers ausgeweitet. 2019 hatten wir so eine hohe Population wie schon lange nicht mehr. Zudem gerät gerade die Fichte bei zu viel Wärme unter Trockenstress. Diese ist ja eigentlich in Ländern wie Skandinavien, Russland und in Gebirgen heimisch — Orte an denen es normalerweise kühler und feuchter ist. Wenn die Fichte die richtigen Bedingungen hat, kann sie sich eigentlich gut gegen den Borkenkäfer wehren, indem sie so viel Harz entwickelt, dass der Käfer kleben bleibt und sich nicht in die Rinde bohren kann.

In der Stadt verschärfen sich die klimatischen Bedingungen noch mehr. Dadurch sind die Bäume geschwächter und können leichter befallen werden. Auch an Orten, an denen vermehrt Fichtenwälder vorkommen, steigt das Risiko. Ostbayern und Mittel- wie Oberfranken sind daher extrem stark betroffen. Im Gebirge regnet es noch ausreichend, es ist tendenziell kühler, diese Gebiete haben nur gelbe oder grüne Färbungen. In Niederbayern hingegen ist es sogar noch akuter als in und um München.

Was für Auswirkungen hat das zunehmende Sterben der Bäume? 

Das Thema ist ja mittlerweile schon bis auf Bundesebene durchgeschlagen. Landwirtschaftsministerin Julia Glöckner hat das Waldsterben bereits als nationale Katastrophe erkannt. Das massive Absterben der Bäume zieht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich. Beginnend mit dem Arbeitsaufwand. Die Unternehmen kommen nicht mehr mit dem Abholzen hinterher, die Sägewerke sind überfüllt, es entsteht ein Abfuhrproblem sowie Lagerschwierigkeiten. Vergangenes Jahr hatten wir 4,5 Millionen Festmeter Schadholz in Bayern und wir erwarten heuer noch mehr. In Mähren/Tschechien sind bereits hunderte von Hektar an Wald abgestorben. Daran sieht man: Der Borkenkäfer führt zur Entwaldung ganzer Landstriche. In Hessen und Sachsen ist es auch dramatisch. Das ist ein europaweites Problem. Der Klimawandel schlägt eindeutig zu.

Was kann man tun? 

Wir von der LWF forschen am Einsatz neuer Baumarten, die die Fichte ersetzen. Viele Waldbesitzer setzten bereits auf Douglasien. Dieser Nadelbaum verträgt die Wärme besser. Wir setzen auch auf Laubhölzer und auf eine gute Durchmischung.

Und wie kann der Gartenbesitzer aktiv werden? 

Städte und Gemeinden haben in der Regel eine Baumschutzverordnung. Die regelt, wie in so einem Fall vorgegangen wird. Ansonsten gilt: Ausreichend wässern, sich beim Nachpflanzen informieren, was der Garten- und Landschaftsbau empfiehlt. Auch die Landesanstalt für Wein- und Gartenbau gibt hier Informationen. 

Interview: Lydia Wünsch

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