80 Wohnungen für die „hinterste Wallachei“

Infoveranstaltung zum geplanten Wohnbauprojekt an der Fauststraße 90 in Trudering

Viele Truderinger kamen ins Kulturzentrum, um zu erfahren, was an der Fauststraße 90 geplant ist.
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Viele Truderinger kamen ins Kulturzentrum, um zu erfahren, was an der Fauststraße 90 geplant ist.

Die Stimmung während der Infoveranstaltung zur künftigen Bebauung der früheren Sportanlage an der Fauststraße 90 in Trudering war aufgeheizt. Während die Vertreter der Stadt und die zuständigen Architekten sich mühten, vor allem die Vorteile der geplanten Wohnanlage aufzuzeigen und BA-Vorsitzender Otto Steinberger verzweifelt versuchte, die erregten Gemüter zu beruhigen, gaben sich die meisten Besucher unversöhnlich: Sie lehnen das Projekt rundheraus aus.

Das Truderinger Kulturzentrum war am vergangenen Mittwoch voll. Über 300 Anwohner aus der Grenzkolonie und dem Schanderlweg kamen – weniger, um sich über die konkreten Pläne der Stadt für die seit langem brach liegende Fläche zu informieren; sondern vor allem, um den anwesenden Vertretern der Stadt zu zeigen: Wir wollen die Bebauung nicht! Otto Steinberger, Vorsitzender des örtlichen Bezirksausschusses, bemühte sich zwar nach Kräften, die Veranstaltung in geordneten Bahnen zu halten. Zwischenrufe oder höhnisches Gelächter konnte er dennoch nicht verhindern.

Eva Regensburger, Leiterin des Planungsteams im städtischen Planungsreferat, stellte zunächst die Eckdaten des Projekts vor. Demnach wurde das 24.325 Quadratmeter große Planungsgebiet vor 46 Jahren als private Sport- und Freizeitfläche angelegt. Über 5000 Quadratmeter der Gesamtfläche sind bereits versiegelt; das heißt, der Bereich ist bereits mit Gebäuden oder Tennisplätzen bebaut. Aus diesem Grund sei es auch möglich, auf dem Areal, das in einem Landschaftsschutzgebiet liegt, ein Wohngebiet entstehen zu lassen.

Die Wohnanlage selbst sieht 80 Wohneinheiten auf 10.000 Quadratmeter Wohnbaufläche vor; 14.000 Quadratmeter sind für einen Grünzug reserviert, von dem 750 Quadratmeter als öffentlicher Spielplatz angelegt werden sollen. In der Tiefgarage unter den drei- bis viergeschossigen Wohnhäusern soll es 116 Stellplätze geben, davon 29 für Besucher. Sechs E-Autos sollen dort spezielle Ladestationen erhalten. Eva Regensburger nannte das Konzept am Ende ihrer Ausführungen „in sich stimmig“ und einen „Cluster, der für sich steht“.

Landschaftsarchitektin Andrea Gebhart lehnte sich noch weiter aus dem Fenster: Sie versprach einen „Mehrwert für die Natur und die Landschaft, aber auch für die Bürger“. Denn: Bislang sei die Fläche für die Öffentlichkeit nicht zugänglich gewesen, nun schaffe man einen offenen Nord-Süd-Korridor. Durch Baumpflanzungen entstehe ein lichter Laubmischwald, über den sich auch Wildbienen freuen würden. Die Radständer der neuen Bewohner würden mit Pergolen überspannt. Insgesamt, so Gebhart, „wird der Natur dort keine Fläche genommen, sondern zurückgegeben“! Während Gebharts Ausführungen noch hingenommen beziehungsweise mit Hohn und Spott quittiert wurden, schaffte es Harald Schnell, im Planungsreferat zuständig für den Verkehr im Münchner Osten, die ohnehin schon erhitzte Stimmung dann zum Kochen zu bringen. Klar, die Gegend unterliege „hohem Parkdruck“, und ja, die Straßen seien überlastet. Durch das neue Wohngebiet seien geschätzt 300 weitere Autos pro Tag unterwegs. Allerdings stellte er, an die Anwesenden im Saal gerichtet, klar: „Die Straßen sind nicht voll durch Fremdverkehr, sondern durch Sie!“

Die Anwohner fanden diese Ausführungen „empörend“! Zumal die Anbindung der Gegend durch öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nicht optimal sei. „Die meisten fahren mit dem Auto zum Parkplatz Michaelibad, um von dort mit der U-Bahn in die Innenstadt zu fahren“, erklärte ein Herr. Ein anderer Hausbesitzer aus dem Viertel klagte, dass er „in der hintersten Wallachei“ lebe, ohne Geschäfte oder ÖPNV. Dies habe er aber bislang in Kauf genommen, weil er in seiner ruhigen Wohngegend dafür wenigstens Parkplätze gefunden habe. Die geplante Wohnanlage, darin waren sich die Anwesenden am Ende einig, würden diesen Frieden auf jeden Fall gefährden – und sei es nur durch die jahrelangen lauten Bauarbeiten.

Während nicht alle Argumente immer sachlich blieben – etwa die Vorschläge, einfach den Zuzug nach München einzudämmen oder statt der Wohnungen doch lieber eine (wesentlich ruhigere) Behindertensportanlage zu bauen – konnten die Stadtplaner zumindest die eine Botschaft unters Volk bringen: „Noch sind die Planungen im Anfangsstadium“, so Regensburger. Die Bürger könnten weiterhin Anregungen abgegeben, die dann bei der weiteren Planung berücksichtigt würden. Erst dann werde es zu einer Entscheidung kommen. Die Antwort aus dem Publikum auf dieses Versprechen fiel aber kühl aus: „Wir werden alle dagegen angehen!“ 

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Bürgerbegehren

Im Zuge des Protests gegen die geplante (und mittlerweile abgeblasene) Bebauung der Truderinger Unnützwiese entstand auch das Bürgerbegehren „Grünflächen erhalten“. Nachdem die Stadt das „Wohnen für alle“-Projekt auf der Unnützwiese gestoppt hatte, wurde es eine Zeitlang ruhig um das Begehren. Jetzt melden sich die Verantwortlichen zurück: Mit mittlerweile 20.000 gesammelten Unterschriften habe man schon mehr als die Hälfte der für einen Bürgerentscheid notwendigen 35.000 Unterschriften gesammelt, so Sprecher Stefan Hofmeir. Das Bürgerbegehren „Grünflächen erhalten“ setzt sich laut Hofmeir für einen nachhaltigen Wohnungsbau in München ein.

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