Der Imker, der selbst die Stiche seiner unzähligen Bienen liebt

Hans Formann zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“

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Hans Formann kümmert sich nun schon seit über 30 Jahren um seine Bienenvölker.

Das Volksbegehren „Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern — Rettet die Bienen“ gibt den Bayern die Chance, etwas für die Insekten zu tun. Es ist auch eine Herzensangelegenheit für den Truderinger Hans Formann.

Vor seinem Haus hängt das Plakat zum Volksbegehren, auf seinem Lieferwagen prangt der Aufkleber „Ackergifte? Nein Danke“. Hans Formanns Engagement für Bienen ist nicht zu übersehen. Sein Einsatz für die Insekten beruht auf einer ganz besonderen Beziehung. Formann beschreibt sich allgemein als tierlieben Menschen, doch die Bienen haben eine ganz besondere Wirkung auf ihn. „Arbeitet man einmal mit ihnen, kann man es nie mehr lassen. Es gibt mir eine unvergleichliche Ruhe, auch das Summen mag ich sehr“, schwärmt der Truderinger. Sogar bei seinen Gelenkschmerzen haben sie ihm geholfen. Vor der Imkerei begann er, rheumatische Beschwerden zu bekommen. „Die Stiche haben mir geholfen. Das Bienengift hat eine heilende Wirkung“, erzählt Formann, der bei seiner Arbeit keinen Schutzanzug trägt. Wovor heute viele Angst haben, akzeptiert er als Teil der Natur. Weil er die Bienen immer um sich haben möchte, bereitet er die Häuser jetzt schon so vor, dass er sich auch noch um sie kümmern kann, wenn er einmal nicht mehr so fit sein sollte – was man sich bei ihm nur schwerlich vorstellen kann. Sowohl körperlich als auch geistig scheint Formann um Jahre jünger, sein Lachen ist kräftig und herzlich.

Formanns Anstrengungen für seine Insekten stoßen allerdings nicht selten auf Widerstand. Die Blumenwiese, die er vor dem Bienenhaus gesät hat, war ebenso schwierig durchzusetzen wie die Überzeugungsversuche, die er an ansässige Bauern herantrug, doch auch etwas für die Insekten zu tun. Denn insektenfreundliche Umgebungen gibt es nur noch wenige. Und wer welche schaffen will, hat viele Stimmen gegen sich. Bienen und auch alle anderen Insekten brauchen jedoch frei stehende Flächen und Blumenwiesen, um Pollen und Nektar zu sammeln, wobei sie — ganz nebenbei — noch die angeflogenen Pflanzen bestäuben. Um so einen Raum für seine Bienen zu schaffen, musste Formann das zunächst vor den zuständigen Behörden rechtfertigen. Denn die Wiese ist eine Fläche, auf der man auch Weizen oder Mais anpflanzen könnte. Kaum blühte die Wiese, kam der nächste Ärger: Die dort sehr hoch wachsenden Sonnenblumen wurden oft von Spaziergängern entwendet. Der Mensch sehnt sich eben nach Natur. Nach fünf Jahren dann der Schock: Die Wiese musste umgegraben werden, „obwohl sie gerade in voller Blüte stand“, berichtet Formann. Der Grund war ein EU-Gesetz, dass die landwirtschaftliche Nutzung nach dem fünfjährigen Brachliegen verboten hätte — zum Pflanzenschutz! Der Imker wandte sich an die Behörden und wollte das Umgraben verhindern. Vergeblich.

Der Umgang mit der Natur und die Rücksichtslosigkeit machen ihm Sorgen. „Da bekommt man bei den Vorträgen über das, was da gerade passiert, schon mal einen Kropf im Hals“, erzählt Formann. Die Aussage mancher, man brauche doch gar keine Bienen, findet er mehr als leichtfertig. Denn natürlich braucht man für den Kartoffelanbau keine bestäubenden Insekten, für sämtliche Obstsorten aber beispielsweise schon. Insgesamt etwa 80 Prozent der heimischen Wild- und Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung von Insekten angewiesen. Wissenschaftler haben schon zahlreiche Ergebnisse von Studien veröffentlicht, die zeigen, dass es ohne Insekten keine ertragreiche Ernte geben kann.

Die Dystopie, die etwa in einigen Regionen Chinas bereits Realität geworden ist, zeigt deutlich, was nach dem massiven Artensterben passiert, inmitten dessen wir uns auch hier Deutschland gerade befinden. Manche Bauern sind dazu übergegangen, nach der Ernte im Herbst blühende Pflanzen auf den Feldern wachsen zu lassen und versuchen so, die fehlenden Flächen auszugleichen. Leider nützt das Formanns Bienen nicht viel, es kann ihnen sogar schaden. „Wenn die Bienen sich eigentlich schon auf den Winter vorbereiten und in die Ruhephase gehen, schwärmen sie aufgrund der späten Blüte noch einmal aus. Das versetzt sie in Stress“, erklärt Hans Formann. Er zeigt Fotos auf seinem Handy, sie sind im vergangenen Jahr entstanden. Auf einem davon ist ein Bienenkasten abgebildet – und sehr viele tote Bienen, die davor liegen. Grund dafür kann etwa die Überanstrengung durch das nachträgliche und zusätzliche Ausschwärmen sein. Die Bienen könnten auch durch den Befall der Varroamilbe gestorben sein. Aber es gibt auch andere Ursachen, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen haben: Glyphosat gegen unerwünschte Pflanzen und Neonicotinoide gegen Schädlinge setzen allen Insekten stark zu. Letztere befinden sich bereits als Ummantelung auf Saatgut, wodurch sie sich auf der gesamten Pflanze verteilen. Sie greifen das zentrale Nervensystem von Insekten an. Beim Trinken des Nektars der Pflanzen oder auch beim Sammeln der Pollen nehmen die Insekten das Gift auf. Schon ein Teelöffel, etwa 5 Gramm des Neonicotinoids Imidalcloprid reichen aus, um 1,25 Milliarden Bienen zu töten. Sterben die Insekten nach dem Kontakt nicht sofort, so ist ihre Gehirnfunktionen nachhaltig gestört, sodass sie nicht mehr zum Stock zurückfinden und auf diese Weise den Tod finden.

Glyphosat tötet alle Pflanzen auf einem Feld außer jene, die entsprechend gentechnisch verändert sind. Die Wildpflanzen, die dabei vernichtet werden, sind jedoch der Lebensraum für Insekten. Das Fehlen der Pflanzen, dann der Insekten und schließlich der Vögel zeigt die Zusammenhänge unseres Ökosystems. „Da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran“, erklärt Formann. Nicht nur die Insekten verschwinden, sondern auch andere Tiere und Pflanzen, die den Lebensraum teilen. Das Volksbegehren (Artikel unten) sieht der Imker als eine Chance, die nicht verpasst werden darf. „Ich wünsche mir, dass sich endlich etwas ändert“, erklärt Formann. Schon lange kämpft er für die Biene und für mehr Beachtung der Insekten und des Ökosystems. „Als erstes Bundesland haben wir jetzt die Möglichkeit, etwas gegen das Artensterben zu tun“, verdeutlicht Formann, der hofft, dass sich möglichst viele seinem Kampf für die Natur und die Tiere anschließen werden. 

Pia Getzin

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