Bombardements, viel Geschichte und endlich auch eine Zukunft

Geschichtliche Führung durch den Kopfbau des ehemaligen Flughafens in Riem

Michael Lapper vor einem Bild des Riemer Flughafens aus der Nachkriegszeit.
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Michael Lapper vor einem Bild des Riemer Flughafens aus der Nachkriegszeit.

Trudering-Riem – Die Ferienausschusssitzung des Truderinger Bezirksausschusses (BA) fand zum ersten mal im Kopfbau in der Messestadt statt. Zu diesem Anlass gab Michael Lapper, Initiator der Initiative „KopfbauT“, eine geschichtliche Führung, die von dem Bau des Riemer Flughafens in den 30er Jahren bis heute reicht — sie zeigt, warum es so wichtig ist, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

„Als ich dieses Bild zum ersten mal sah, dachte ich, das war zur NS-Zeit — eine der typischen Propagandaveranstaltungen“, sagt der Künstler Michael Lapper zu Beginn der Führung im Kopfbau in der Messestadt. Er bezieht sich auf ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto, auf dem eine Menschenmenge abgebildet ist. Tatsächlich sei das Bild aber in der Nachkriegszeit entstanden, erklärt Lapper.

Vor zwei Jahren hat der Künstler den Auftrag bekommen, ein Kunstprojekt in der Messestadt durchzuführen. Die Idee von Lapper: Ein Bürgercafé beim Kopfbau des alten Flughafens, damals eine ungelöste Baustelle. Der Bau war verschimmelt. Seit Jahren hatte das Haus niemand betreten. Lapper fing an, sich mit dessen Geschichte zu befassen. Durch Kontakt zu einem Historiker erfuhr er viel aus der NS-Zeit des Flughafens. So etwa, dass die 400 Meter lange Tribüne, die an den Kopfbau anschließt, ein klassisches Propagandainstrument des Regimes war. 

Der Flughafen galt als einer der modernsten seiner Zeit. Und das sollten bis zu 100.000 Menschen von der Tribüne aus sehen. Entsprechend pompös sollte die Eröffnung des Flughafens 1939 gefeiert werden. 7500 Liter Bier und 1500 Grillhendl wurden dafür bestellt. Für damalige Verhältnisse enorme Mengen. Sogar ein Show-Bombardement sei vorgesehen gewesen. Doch der Kriegsbeginn durchkreuzte die Pläne. Die Eröffnungsfeier wurde verschoben, Militärflugzeuge rollten von da an über die Landebahn. „Am 8. und 9. April 1945 veranstalteten die Amerikaner dann ein echtes Bombardement auf dem Flughafen“, sagt Lapper. An diesem Tag starben unter anderem viele auf der Rollbahn eingesetzte KZ-Häftlinge. „Das hat mich verwundert“, sagt Lapper, der weiter recherchierte und herausfand, dass sich auf dem Gelände der heutigen Polizeireitschule in Riem (frühere SS-Reitschule) das zweitgrößte KZ-Außenlager von Dachau befand. 

„Das ist zwar kein Geheimnis, aber es wundert mich, dass heute nichts mehr daran erinnert“, sagt Lapper. So könne man seiner Meinung nach nicht mit der Vergangenheit umgehen. „An diese Tragödien muss erinnert werden“, betont er. Auch dies habe sich die Initiative „KopfbauT“ auf die Fahne geschrieben. „Wir sollten sorgfältiger mit unserer Vergangenheit umgehen, ansonsten kann uns die AfD wirklich solche Geschichten erzählen wie, dass diese Zeit nur ein Vogelschiss war“, glaubt er.

In der Nachkriegszeit war der Flughafen auch eine Sportarena für Motorrad- und Autorennen. Übrigens bei laufendem Flugbetrieb. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, so Lapper. Damals konnte man noch einfach unter dem Zaun durchkrabbeln und kam direkt auf die Flugbahn. Da konnten sich Anwohner von der Lockheed Super Constellation, einem viermotorigen Verkehrsflugzeug, föhnen lassen, wie der Zeitzeuge und Mitglied von „KopfbauT“, Christian Augustin, aus seiner Kindheit berichtete.

1958 passierte dann die Flugzeugtragödie, bei der 23 Menschen starben, unter ihnen acht Mitglieder der Fußballmannschaft Manchester United, den sogenannten „Busby Babes“. Noch heute erinnert ein Denkmal am Unfallort, dem heutigen Manchesterplatz, daran. 1992 zog der Flughafen dann ins Erdinger Moos um. „In einer logistischen Meisterleistung in einer Nacht und an einem Tag und das während des laufenden Flugbetriebs. Es wurden keine Flüge storniert“, erzählt Lapper. Das Team habe zehn Jahre für diesen Umzug trainiert. Heute erinnert nur noch der Schriftzug „Abflug“ im Riemer Park daran, dass hier einmal ein Flughafen war. Und eben der Kopfbau, der dort als Kassenhalle fungierte.

„Zu Buga-Zeiten im Jahr 2005 war nochmal richtig was los hier“, so Lapper. Ein großer Biergarten sorgte für Stimmung. Nach der Bundesgartenschau diente der Kopfau noch eine Zeitlang als Event-Location für ein ausgewähltes Klientel. So hat Sony dort eine Veranstaltung zur Vorstellung der Playstation PS 4 abgehalten. Dann wurde es allerdings bald still um den Kopfbau.

So lange, bis Lapper kam: Mittels einer Lichtinstallation ließ er einen Schimmel auf der Fassade des Gebäudes entlang galoppieren, um symbolisch auf den Schimmel im Haus aufmerksam zu machen. Die Symbolik zeigte Wirkung. „Viele haben erst mal gelacht – bis auf das Kommunalreferat.“ Und dann kam Bewegung in die Sache. Das Ergebnis nach jahrelangem Kampf: Das Haus wird wieder belüftet. Der Schimmel ist beseitigt und eine Grundsanierung in Planung. Auch ein Konzept für die Nutzung des Hauses wird vom Kultur- und Sozialreferat in einer Experimentierphase ausgearbeitet. Für die Zukunft wird ein Träger gesucht. Für Lapper ist es aber jetzt erst mal wichtig, dass wieder Leute ins Haus kommen. Derzeit betreibt er dort mit seinen Team von „KopfbauT“ Ausstellungen sowie ein Café, das samstags und sonntags von 15 bis 18 geöffnet ist.

Eine Frage bleibt allerdings noch: Was wird aus der einsturzgefährdeten Tribüne mit den Abfertigungshallen darunter? „Damit wird man sich auf jeden Fall noch befassen müssen“, sagt der Denkmalbeauftragte der BAs, Harmut Schließer.

Lydia Wünsch

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