„Ich hab‘ sie alle in Unterhosen gesehen“

Zum 75. Geburtstag von Kostümbildnerin Renate Steindl

Sport, Film, Schickeria – alle kamen zu Renate Steindl. Unter ihnen Gert Fröbe, der sich für den Goldfinger in James Bond von ihr einkleiden ließ. 

Wenn Kleider Leute machen, hat Steindl das Leben von unzähligen Menschen tatkräftig beeinflusst. Unter anderem das von Michael Jackson. Als Kostüm- und Bühnenbildnerin stattete sie unzählige Theateraufführungen, Fernseh- und Filmproduktionen sowie historische Umzüge aus. Als Dank erhielt sie Auszeichnungen wie die bayerische Medaille Pro Meritas, den Kulturpreis des Landkreises Neustadt und sogar das Bundesverdienstkreuz am Band.

Über dem Bett von Renate Steindl hängt eines ihrer vielen Bilder: Im Hintergrund geht die Sonne unter, über einem See an einem ruhigen Abend im Spätherbst. Im Vordergrund steht ein windschiefer Baum mit unendlich vielen Verästelungen – stabil und trotzdem hauchzart. Genau so erzählt Renate Steindl die vielen Geschichten aus ihrem Leben.

Es beginnt immer mit einem Namen, einem Foto oder einem Zitat – und schon sprudeln die Erinnerungen aus ihr heraus. Begebenheiten, Anekdoten und Begegnungen. Alle stehen miteinander in Kontakt, gleichzeitig logisch und chaotisch miteinander verbunden. „Ich kann mich an alles erinnern. Aber ich fange jetzt erst an, das alles zu verarbeiten und für mich zu ordnen“, sagt sie Am 10. Januar feiert Renate Steindl ihren 75. Geburtstag.

Wenn Kleider Leute machen, hat Steindl das Leben von unzähligen Menschen tatkräftig beeinflusst. Als Kostüm- und Bühnenbildnerin stattete sie unzählige Theateraufführungen, Fernseh- und Filmproduktionen und historische Umzüge aus. Sie hauchte der Kultur gewissermaßen Leben ein, teilweise für 40 Theater gleichzeitig! Als Dank erhielt sie Auszeichnungen wie die bayerische Medaille Pro Meritas, den Kulturpreis des Landkreises Neustadt und 2010 sogar das Bundesverdienstkreuz am Band durch Bundespräsident Horst Köhler. „Das waren immer stolze Minuten, eine große Freude“, sagt sie beim Blättern durch die Bilder von den Zeremonien. Und doch wird schnell klar, dass der wahre Lohn ihrer Arbeit die vielen Erinnerungen sind, die sie sammeln durfte.

Sport, Film, Schickeria – alle kamen zu Renate Steindl. „Ich habe sie alle in Unterhosen gesehen“, erinnert sie sich lachend. An Gert Fröbe, der sich in die Verträge schreiben ließ, nur von ihr eingekleidet zu werden – auch für den Goldfinger in James Bond. Noch kurz vor seinem Tod führte Steindl ein langes Gespräch mit ihm. Oder an Inge Meysel, die Mutter der Nation, die hinter den Kulissen so ganz anders war. „Die ist ja fast überall rausgeschmissen wurden“, erinnert sich Steindl. Oder an Michael Jackson, der in München unbedingt den großen Kostümfundus sehen wollte, den einst Steindls Vater Georg Heiler begonnen hatte aufzubauen.

Renate Steindl war immer mit dabei, erlebte alles mit – und hatte doch genügend Abstand, um nicht in der glitzernden Scheinwelt der großen Bühnen und Shows die eigene Perspektive zu verlieren. „Es waren immer große Emotionen. Es wurde viel gelacht, aber auch viel geweint. Viele kamen damit nicht zurecht. Einige verloren sich im Alkohol oder sprangen aus dem Fenster.“ Für sie dagegen blieb das Leben wie bei ihrer ersten großen Reise, als sie mit gerade einmal 18 Jahren mitten in der Kuba-Krise die Asien-Reise der Auswärtigen Amtes begleiten durfte, um sich um die Kleidung des Staatsoper-Balletts und des Trachtenballetts zu kümmern. „Burma, Sri Lanka, Südkorea – 1962 war das eine andere Welt für mich. Wir flogen mit einer eigenen Lufthansa-Maschine. Es war eine Reise wie mit Freunden“, erinnert sie sich und schaut verträumt auf ein altes Schwarz-Weiß-Bild, das sie am Steuer des Flugzeuges zeigt. „Ich war schwer beschäftigt, aber es war ein großes Vergnügen.“ Auch das Leben abseits des Berufs verlangte von ihr einiges ab. Um gleich drei Demenzfälle in der eigenen Familie kümmerte sich Steindl über Jahrzehnte. Und kurz vor dem 50. Hochzeitstag starb auch noch ihr geliebter Ehemann ganz plötzlich an einem Aneurysma. „Auf meinen Humor konnte ich mich immer verlassen, aber das hat mich aus der Bahn geworfen“, erzählt sie. Rund fünf Jahre ist das nun her. Und nachdem das eigene Herz zwei Mal deutliche Zeichen von sich gab, dass die Belastung zu groß wurde, trennte sie sich von dem Beruf, der ihr Leben so lange geprägt hatte. „Von einem Tag auf den anderen“, sagt sie. Froh, dass ihre Kinder nicht in die Fußstapfen von Mutter und Großvater traten. „Ich wollte meinen Kindern diesen Beruf nicht antun. Und die Zeit hat sich verändert – ein Kostümverleih passt da nicht mehr hinein.“

An Zielen für die Zukunft mangelt es dennoch nicht. Das Haus in Trudering, das einst von der Großmutter gebaut wurde, hat gerade eine große Renovierung hinter sich. Die Leidenschaft fürs Malen soll endlich wieder ausgelebt werden. Und vielleicht schafft es Renate Steindl ja wirklich einmal, alles Erlebte zu sortieren und aufzuschreiben. Das passende Titelbild hängt ja bereits über dem Bett.

Marco Heinrich

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