Den großen Stars ganz nah – und dem Problem des Kulturbetriebs auch

Freud und Leid des Truderinger Filmemachers Thomas Schwendemann

Ein Jahr lang begleitete Thomas Schwendemann die Fantastischen Vier, die auch seine eigene Kindheit prägten. Daraus entstand die Doku „Wer 4 sind“, für die er auch den Romy gewann (gr. Bild), so etwas wie der österreichische Oscar.
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Ein Jahr lang begleitete Thomas Schwendemann die Fantastischen Vier, die auch seine eigene Kindheit prägten. Daraus entstand die Doku „Wer 4 sind“, für die er auch den Romy gewann (gr. Bild), so etwas wie der österreichische Oscar.

Thomas Schwendemann ist ein erfolgreicher Filmemacher. Wobei die Betonung mehr auf „Erfolg“ liegt – und nicht so sehr auf „reich“. Und so ist der Truderinger wahrscheinlich sogar interessanter als so manche Hauptfigur in seinen Filmen.

Trudering – „Wenn mir früher jemand gesagt hätte: ‚Ein Film von dir läuft am Samstag um 20.15 Uhr im Fernsehen und ein anderer gleichzeitig im Kino‘, ich hätte gedacht: Mann, ich hab‘s geschafft!“, erzählt Thomas Schwendemann. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Hab ich aber nicht.“

Die Bandbreite des Filmemachers, der in Trudering aufwuchs und noch immer hier lebt, ist tatsächlich gerade innerhalb weniger Tage zu erleben. Am Samstag, 27. Juni, läuft seine Fanta-4-Dokumentation „Wer 4 sind“ ab 20.15 Uhr auf ProSieben. Beste Sendezeit. Und am Dienstag, 14. Juli, wird sein Film „Schmucklos“ beim Kino Open Air am Olympiasee gezeigt.

Beide Filme sind absolut sehenswert. Für „Wer 4 sind“ begleitete Schwendemann ein Jahr lang die Fantastischen Vier, immerhin eines der größten deutschen Pop-Phänomene der vergangenen 30 Jahre. Für „Schmucklos“ gaben sich Größen wie Marianne Sägebrecht, Joseph Hannesschläger, Michaela May oder Uschi Glas die Ehre – weitgehend ohne Gehalt. Es ist dieser Tage manchmal leichter, an Stars heranzukommen als ans Geld.

„In Zeiten von Corona würde ich meine finanziellen Rücklagen eigentlich brauchen – aber die stecken in ‚Schmucklos‘. Und nein, ein finanzieller Erfolg war das nicht – auch wenn er 17 Wochen im Rio Filmpalast lief“, sagt Schwendemann. Und so drücken sie eben, die finanziellen Sorgen. Das Schicksal eines Kulturschaffenden – nicht nur wegen Corona. Es geht vieles verloren, wenn die bayerische Filmförderung immer weniger Filme mit immer mehr Geld fördert.

Die momentane Krise verstärkt die Schwierigkeiten noch. Ein geplanter Film über ein Musikfestival – gestrichen, denn das Festival fiel aus. Ein kleiner PR-Film über eine Securityfirma – gestrichen, denn die ganze Branche hat momentan kaum Aufträge.

Und so ist es mehr als ein kleiner Wermutstropfen, dass Thomas Schwendemann zwar eine Romy gewann für „Wer 4 sind“ (die größte Film­auszeichnung in Österreich), die Gala aber wegen Corona ausfallen musste. „Ich bin 1,94 Meter groß und habe eine große Klappe. Das wäre ein Abend gewesen, um Kontakte zu knüpfen für die nächsten Filme. Das fiel nun leider aus“, sagt Schwendemann.

Dass er auch mit großen Namen keine Berührungsängste kennt, ist seinen Filmen anzumerken. „Die kochen doch auch nur mit Wasser und stinken beim Scheißen“, sagt er lachend. Mit genau dem Humor, der das Eis rasch brechen lässt. Sein Film über die Fanta 4 ist von Sympathie geprägt, ohne eine Lobhudelei zu werden. „Die sind ja nun schon alle über 50. Warum sind die nicht satt? Der Frage wollte er nachgehen“, erklärt Schwendemann.

Es lohnt sich, die Fantastischen Vier genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie sind auch nach 30 Jahren im Geschäft immer noch da, tauchen als Juroren oder Gäste in vielen Sendungen auf, produzieren Musik und geben Konzerte (außer jetzt während Corona). Das ist eine große Leistung. Und doch stellen sich ein paar Fragen: Sind sie noch relevant? Haben sie etwas zu sagen, das in irgendeiner Form wichtig ist? Gibt es so etwas in der deutschen Musik- und Kulturszene überhaupt noch?

Es ist noch nicht so lange her, als Herbert Grönemeyer mit seinen Texten am Puls der Zeit war. Später dann vielleicht ein Xavier Naidoo. Beide haben ihren Status (aus sehr unterschiedlichen Gründen) eingebüßt. Aber wo sind die Nachfolger? Die musikalische Stimme von Fridays-for-future? Der prägende Text zu Corona?

„Du darfst ja heute nichts mehr sagen!“, versucht Thomas Schwendemann eine Erklärung. „Ich finde es ganz schlimm, dass wir keinen Diskurs mehr führen können.“ Die heutigen Stars hätten neben Facebook, Instagram, Twitter, Tik-tok und Youtube auch schlichtweg viel weniger Zeit.

In seinem Film „Schmucklos“ hingegen darf der Zuschauer zwar herzlich lachen, aber es geht auch um gesellschaftlich wichtige Themen, wie die Gentrifizierung ganzer Stadtteile. „Warum läuft solch ein Film nicht in mehr Kinos – und stattdessen ‚Eisprinzessin 2‘ auch um 22 Uhr?“, fragt Schwendemann.

Das müssen freilich andere beantworten. Sie sollten sich damit nicht zu viel Zeit lassen. 

Marco Heinrich

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