Truderinger Dreiklang verlief gewollt unharmonisch

Die OB-Kandidaten beim Fischessen in Trudering

Wer macht das Rennen? Katrin Habenschaden, Dieter Reiter oder Kristina Frank (v.l.)?
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Wer macht das Rennen? Katrin Habenschaden, Dieter Reiter oder Kristina Frank (v.l.)?

An drei aufeinanderfolgenden Abenden kamen die drei Top-Kandidaten für die Münchner Oberbürgermeister-Wahl in den Truderinger Feststadl. Sie fassten einander nicht gerade mit Samthandschuhen an.

Trudering  – Geht es nach der jüngsten Wahlumfrage zur Oberbürgermeister-Wahl in München, dann wird das Rennen nicht im ersten Wahlgang am 15. März entschieden, sondern erst in einer Stichwahl zwei Wochen später. Laut der Umfrage des Hamburger Instituts GMS im Auftrag von „17:30 Sat.1 Bayern“ kommt Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) auf 39 Prozent der Stimmen. Katrin Habenschaden (Grüne) folgt mit einigem Abstand mit 23 Prozent der Stimmen. Kristina Frank (CSU) käme demnach auf 16 Prozent. Insgesamt gibt es gleich zehn Kandidaten, die sich zum Oberbürgermeister wählen lassen wollen. Echte Chancen haben aber nur die drei, die sich auch den Truderingern im Rahmen der Steckerlfisch-Trilogie von Donnerstag bis Samstag stellten. Dabei wurde verbal nicht nur die feine Klinge ausgepackt. Während Dieter Reiter und Katrin Habenschaden dabei auf Humor setzten, blies Kristina Frank zu einer echten Attacke.

Dieter Reiter und sein kleingeistiger Kommunalpolitiker

Dieter Reiter geht selbstbewusst in den Wahlkampf-End­spurt – und das strahlte er auch aus. Der kumpelhafte Smalltalk im Bierzelt vor seiner Rede wirkte natürlich. Als er das Podium betrat und gerade seine ersten Worte sagen wollte, fing ein kleines Kind an zu weinen. „Ich hab ja noch gar nicht angefangen“, reagierte Reiter prompt – und hatte die ersten Lacher schon auf seiner Seite. Die größten Knalleffekte seiner Rede kamen dann allerdings vor allem, als immer wieder Luftballons lautstark platzten. Sonst arbeitete sich Reiter vor allem an seinen politischen Konkurrenten ab. Er kritisierte die Bundespolitik und das ewige Warten auf Renten-, Gesundheits- und Steuerreform. Er nahm sich Ministerpräsident Markus Söder zur Brust („Vom Krawallpolitiker zum Staatsmann mutiert“) und beschwerte sich, dass „Vorzeige-Smartie Robert Habeck“ nie harte Fragen in Interviews beantworten müsse. Das würde er nicht verstehen, „aber ich bin ja auch nur ein kleingeistiger Kommunalpolitiker“. Stolz war Reiter stattdessen auf sein München, vor allem auf die jetzt kostenfreien Kitas und die MVV-Reform. Seine beiden Konkurrentinnen ums OB-Amt kamen in der Rede nur kurz vor. So verhält sich jemand, der sich sicher ist.

mh

Katrin Habenschaden hat noch lange nicht genug vom Wahlkampf

Das Steckerlfischessen in Trudering gibt es schon fast ein halbes Jahrhundert. Zum ersten Mal waren nun auch die Grünen mit von der Partie. Und sie hatten ihren Spaß daran. Schon vor ihrer Rede war Katrin Habenschaden bestens gelaunt. „Viele fragen mich mit einem seltsamen Blick, ob mit mir alle okay ist. Ob es noch geht. Es geht super! Ich habe mir den Wahlkampf emotional zehrender vorgestellt“, erzählte sie und strahlte über das ganze Gesicht. Mit Musikkabarettist Andre Hartmann hatten sich die Grünen Verstärkung auf die Bühne geholt. Die Stimmung im vollen Zelt war dann auch prächtig.

Habenschade lieferte eine kämpferische, pointierte Rede. Dass Markus Söder den Grünen Robert Habeck als Käpt‘n Iglo bezeichnete, konterte sie: „Außen knusprig, innen zart – da will ich gar nicht widersprechen.“ Und in Richtung der SPD sagte sie: „In Zeiten der abkippenden Sechs und der falschen Neun ist die SPD ein Vorstopper!“ Überhaupt amüsiert sie der Versuch sämtlicher Parteien, „zu ergrünen, ohne rot zu werden.“

Das Wort Mut fällt bei den Grünen immer wieder. An diesem Abend lösten sie das Versprechen ein. Und Spaß gab es obendrauf.

mh

Ex-Richterin Kristina Frank bittet zur Urteilsverkündung

Die Vergangenheit als Richterin war Kristina Frank anzumerken. „Meine sehr verehrten Damen und Herren“, so sprach Frank ihr Publikum in der Rede immer wieder an. Mit tiefer Stimme und ernster Miene holte sie vor allem zu Seitenhieben gegen rechts und links aus. „Wir müssen uns von den Rändern abgrenzen“, war ihre Meinung. Und offenbar sah sie vor allem ihre Konkurrenten, die SPD und die Grünen, als solchen Rand. „Die SPD ist mittlerweile grüner als die Grünen“, schimpfte sie. Und diese wiederum würden mit ihrer radikalen Fahrradpolitik die Autofahrer gängeln. Überhaupt machte Frank an diesem Abend deutlich, dass ihr — obwohl selbst erklärte Fahrradfahrerin — das Fahrrad ein Dorn im Auge ist. Dies führte sie am Beispiel der Fraunhoferstraße aus. Dort fielen Parkplätze zugunsten von Fahrradwegen weg und zwangen laut Frank insgesamt fünf Läden innerhalb kurzer Zeit zu schließen. Der Grund seien unter anderem Lieferschwierigkeiten gewesen. Eines ist für Frank klar: So kann München definitiv nicht wieder München werden. Mit diesen Aussichten sorgte Frank nicht gerade für gehobene Stimmung im Zelt. Ob es daran lag, dass nur wenige Truderinger über die Vorgänge in der Fraunhoferstraße informiert sind oder ob sie sich etwas mehr Witz in der Rede gewünscht hätten, Lacher blieben an diesem Abend aus.

lw

Kommentar

So geht Politik zum Anfassen – Die Lehren aus dem launigen Steckerlfisch­essen in Trudering

Wer behauptet, dass der Wahlkampf in München bislang eine spannende Angelegenheit war, muss schon ein sehr begeisterungsfähiger Zeitgenosse sein. Dass die Stadt mit den Gesichtern der Kandidaten zugepflastert ist, nimmt das Volk stoisch hin. Die vielen Diskussionsrunden der Oberbürgermeister-Kandidaten und deren unzähligen Reden nimmt nur ein sehr kleiner Kreis überhaupt war. Die politische Blase der Stadt ist derzeit relativ klein.

Das ist größtenteils unverdient. Das dreitägige Steckerl­fischessen war nicht nur interessant, sondern auch äußerst kurzweilig. Und wer behauptet, dass Politiker unnahbar wären und den Kontakt zu den Normalbürger verloren hätten, sah sich hier alles andere als bestätigt. Bei allen Kandidaten gab es die Möglichkeit zu einem kurzen Gespräch. Keiner von ihnen machte den Eindruck, einen Pflichttermin absolvieren zu müssen.

Politik ist keine Einbahnstraße. Bei der Kommunalwahl werden vor allem Menschen gewählt, die sich ehrenamtlich um die Geschicke ihres Bezirks oder ihrer Gemeinde kümmern wollen. Das befreit uns aber nicht davon, auch ein bisschen Interesse zu zeigen.

Marco Heinrich

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