Bahn rechnet zwei Alternativen durch – nach langem Ringen

Ausbau von Truderinger Kurve, Truderinger Spange und Daglfinger Kurve

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Der Güterverkehr Europas trifft sich im eigenen, einst beschaulichen Garten – eine Horrorvorstellung und doch geplante Wahrheit. Doch so einfach wollen die betroffenen Truderinger das nicht hinnehmen.

„Wir sind keine Wutbürger! Und wir sind auch keine Bahngegner“, sagt Peter Grotz. Diese Feststellung ist ihm wichtig. Und tatsächlich schnellt sein Puls nicht in die Höhe, wenn er von dem Projekt erzählt, das ihn seit rund einem Jahr bewegt: Der geplante Ausbau der Truderinger Kurve und der Truderinger Spange direkt in seiner Nachbarschaft. Das Großprojekt der Deutschen Bahn läuft unter dem Kürzel ABS 38 und soll eine direkte Verbindung zwischen Trudering und dem Umschlagbahnhof München-Riem für den Güterverkehr schaffen.

So weit klingt das ganz überschaubar, aber die Dimensionen sind riesig. Denn in München sollen sich künftig gleich zwei Hauptachsen des Güterverkehrs auf Schienen treffen: die Nord-Süd-Verbindung von Skandinavien nach Sizilien und eine Ost-West-Trasse (Bratislava – Wien – Paris), die letztlich sogar in einer Verbindung zum chinesischen Mega-Projekt einer neuen Seidenstraße steht. Kombiniert man das mit der aktuellen Klimasituation und den Bestrebungen, die Bahn als grundsätzliche Alternative zum Lkw auszubauen, dann wird erst recht deutlich, was da alles durch die Stadt rollen soll – wenige Meter an den beschaulichen Gärten in Trudering vorbei. Und dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass ja auch der Personennahverkehr innerhalb der Stadt vermehrt auf die Schiene soll. Tatsächlich ist es eine merkwürdige Logik, dass auf der Straße (oft nach jahrzehntelangem Kampf) Ortsumfahrungen gebaut werden – während die Schiene nun aber wieder mitten durch die Großstadt geführt werden soll.

„Wenn die Pläne der DB-Netze in der jetzigen Form umgesetzt werden, verlieren wir unsere Wohn- und Lebensqualität“, sagt Peter Grotz. Zahlen belegen diese Vermutung: Auf der auszubauenden Truderinger Spange alleine sollen 2030 bereits 139 Güterzüge pro Tag fahren – und damit alle zehn Minuten einer.

Obwohl die Planung fundamental die Frage aufwirft, ob der Güterverkehr Europas durch Großstädte geführt werden muss, widmet sich die Bürgerinitiative von Peter Grotz und seinen Mitstreitern den konkreten Planungen vor ihrer Haustür. Sie erarbeiteten ein Alternativkonzept, das den Streckenverlauf der Gleise ein wenig nach Westen verlegt – und somit in unbebautes Gebiet. Nach diesem Vorschlag könnte die Truderinger Spange womöglich komplett stillgelegt werden. Und sogar ein Gelände für den Fußballplatz des ESV Ost wäre vorhanden. „Wir sehen diese alternative Route als Diskussionsgrundlage mit den Experten der Bahn. Wir sind jedem Argument gegenüber offen“, sagt Grotz. Aber mit der Bahn zu diskutieren, ist nicht so einfach.

Stephan Rehme, Peter Brück und Peter Grotz haben auf einem Plan eingezeichnet, wie sie sich eine neue Bahntrasse vorstellen würden. Rund ein Jahr nach der Präsentation der Pläne scheint sich die Bahn nun in Richtung der Bürger zu bewegen.

Die erste Informationsveranstaltung der Bahn im hoffnungslos überfüllten Luise-Kieselbacher-Haus im April war eine Katastrophe (HALLO berichtete), im Mai wurden dann im Kulturzentrum Trudering zumindest die wichtigsten Fragen beantwortet. Aber bis es zu vertiefenden, inhaltlichen Gesprächen mit der Bürgerinitiative kam, mussten die engagierten Bürger aus Trudering an vielen Seilen ziehen. Ob im Bezirksausschuss, bei Oberbürgermeister Dieter Reiter, bei CSU-Generalsekretär Markus Blume oder bei den Bundestagsabgeordneten Wolfgang Stefinger (CSU) und Claudia Tausend (SPD) – überall sprachen sie vor. Und von vielen Seiten erhielten sie Unterstützung. Gleich drei Bundestagsabgeordnete schrieben zum Beispiel einen Brief ans deutsche Verkehrsministerium, um direkte Gespräche zwischen der Bahn und den Bürgern einzufordern. Vergangene Woche war es nun soweit. Das Ergebnis des Gesprächs: Aus dem Vorschlag der Bürger wurden von der DB Netz AG zwei mögliche Alternativvarianten entwickelt. Hierzu wird nun eine Machbarkeitsstudie erstellt. Mit ersten Ergebnissen zur Machbarkeitsstudie rechnet die DB Netz AG Anfang nächsten Jahres. Das Gesamtprojekt „Daglfinger und Truderinger Kurve sowie der zwei- gleisige Ausbau Daglfing-Trudering“ verzögert sich dadurch um etwa ein Jahr.

„Ein supergroßer Schritt in die richtige Richtung ist das noch nicht. Aber immerhin ist die ursprüngliche Planung jetzt offiziell in Frage gestellt. Das ist schon mal ein Erfolg“, sagt Grotz. Dass auch die Bahn von den Kenntnissen der Bürger vor Ort profitiert, ist übrigens längst aktenkundig: In den ersten Planungen hatte die Bahn einige recht neue Häuser in der Nähe der Gleise überplant, weil gar nicht bekannt war, dass sie überhaupt existierten. Die Bahn hatte offensichtlich für die Planungen veraltete Aufnahmen von Google Maps verwendet.

Marco Heinrich

Kommentar 

Der Ort, wo nichts auf Schiene ist - Wer entwickelt endlich ein echtes Konzept für die Bahn?

Beliebtheit ist in der Politik nicht immer ein Qualitätsmerkmal, aber wenn so gut wie alle über etwas schimpfen, dann ist das kein gutes Zeichen. So ist es mit der Bahn. Die Kunden sind dabei trotz Verspätungen und ausfallenden Klimaanlagen noch am ruhigsten. Wer mit der Bahn verhandelt, hat das größte Problem. Ob es dabei um ein paar Fahrradständer geht wie am S-Bahnhof Trudering oder um ein Jahrhundertprojekt wie den Bau eines europäisches Schienennetzes für den Güterverkehr.

Ja, ein Jahrhundertprojekt, so groß ist die Aufgabe. Die Straßen sind voll, und sie verpesten die Umwelt. Die Bahn wäre ein Ausweg, aber dafür braucht es ein tragfähiges Konzept abseits der Städte. Das Warten darauf geht weiter, weil Andreas Scheuer der nächste CSU-Minister nach Alexander Dobrindt und Peter Ramsauer ist, der für diese Aufgabe zu klein ist. 

Marco Heinrich

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