Über den Willen zur Integration, der gar nicht Teil des Plans ist

Ankerzentrum-Dependence Am Moosfeld in Trudering

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Horst Seehofer bei der Eröffnung eines Ankerzentrums. 

Die Aufregung war groß, als die Gerüchte zu Fakten wurden: In die Unterkunft Am Moosfeld 37 sollten wieder Flüchtlinge einziehen. Die Nachbarschaft war schockiert und machte ihrem Unmut Luft. Jetzt ist die Ankerzentrum-Dependence seit rund sechs Wochen in Betrieb – und bislang ist alles ruhig. Doch das hinter den Kulissen vieles weiterhin rumort, wurde bei einem Runden Tisch in den Räumen der Pfarrei St. Peter und Paul deutlich.

Dass die Atmosphäre während der Diskussion angeregt, aber konstruktiv und entspannt war, lag vor allem daran, dass bislang nichts Dramatisches im Umfeld des Ankerzentrums vorgefallen ist. „Wir hatten dort polizeilich noch gar nichts zu tun“, berichtete Rudolf Amon von der zuständigen Polizeiinspektion 25. Es gab ein paar Beschwerden, dass Flüchtlinge vor der Unterkunft Alkohol tranken. Und manchen Anwohnern gefällt nicht, dass die Rechtsberatung für die Flüchtlinge bislang auf der offenen Straße stattfindet. Kleinigkeiten.

Dass damit nicht alle Probleme gelöst wurden, weiß Andreas Voßeler (Bild links), der in Trudering zum Runden Tisch einlud.

114 Flüchtlinge leben derzeit im Ankerzentrum: rund doppelt so viele Frauen wie Männer – und 24 Kinder. Bis zu 300 Menschen sollen später darin unterkommen. Jene, die schon da sind, kommen aus Afghanistan, Nigeria, Tansania, Uganda und anderen Ländern. Alle warten darauf, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder nicht. Die meisten am Runden Tisch interessierte, was in der Zwischenzeit mit ihnen passiert.

Alleine die hochkarätige Besetzung am ersten Tisch nach der Wiedereröffnung zeigte, wie sensibel das Thema weiterhin ist – und auch wie ungelöst. Vertreter aus dem Bayerischen Landtag, dem Münchner Stadtrat und dem Bezirksausschuss waren gekommen; dazu die Verantwortlichen der Schule am Lehrer-Götz-Weg und Freiwillige vom Helferkreis und anderen sozialen Einrichtungen. Am meisten wurde über Integration gesprochen: Die ersten zwei Kinder sind bereits im Schulalltag, die Deutschkurse der Johanniter sollen bald beginnen (bislang machen das freiwillige Helfer), weitere Spielmöglichkeiten für Kinder und Aufenthaltsplätze für Erwachsene sollen eingerichtet werden. Die Luft im Raum war voller guten Willens – bis der Landtagsabgeordnete Markus Rinderspacher zu einem kurzen Realitätscheck ansetzte: „Wir reden viel über die Integration der Flüchtlinge. Es muss aber klar gesagt werden, dass bei einem Ankerzentrum die Rückführung klar im Vordergrund steht. Und das, obwohl die Dependence Am Moosfeld gar kein richtiges Ankerzentrum ist, sondern eine stinknormale Unterkunft mit erschwerter Integration.“

Tatsächlich ist „Anker“ die Kurzform für Ankunft, Entscheidung, Rückführung. In einem Ankerzentrum sollten neben den Flüchtlingen auch Vertreter von Jugendamt, Verwaltungsrichter und Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge angesiedelt sein. Am Moosfeld ist das nicht so. Allerdings soll es trotzdem schnell gehen.

Regierungspräsidentin Maria Els erklärte, dass Flüchtlinge nach sechs Monaten im Ankerzentrum in einer anderen Unterkunft untergebracht werden sollen – auch wenn ihr Verfahren zu diesem Zeitpunkt noch laufen sollte. Und das tut es in den meisten Fällen. Zwar dauert der Entscheidungsprozess momentan nur rund drei Monate, doch 90 Prozent der Abgelehnten machen von ihrem Einspruchsrecht Gebrauch. Das Ergebnis sind acht bis neun weitere Monate in den Mühlen der Justiz.

Viel Zeit, in denen die Flüchtlinge nichts zu tun haben. Nicht einmal Gäste dürfen sie im Ankerzentrum empfangen. Der Helferkreis will sich um ein Sommerfest bemühen, das Flüchtlinge und Nachbarn zusammenbringt. Auch ein regelmäßiges gemeinsames Kochen ist angedacht. „Man hat nur Angst vor dem, was man nicht kennt“, sagt Dirk Wimmer vom Helferkreis. Gute Ansätze. Doch dass sich Menschen auf Augenhöhe begegnen, ist nicht Teil Ankerzentrum-Konzepts.

Marco Heinrich

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