Erste Runde des Wahlkampfes findet auf der Leibstraße statt

Einkaufsmeile als Einbahnstraße – aber es geht nicht um die Idee, sondern um den Prozess

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CSU-Fraktionssprecher Dietrich Keymer wollte es einfach mal ausprobieren: Was passiert, wenn die Leibstraße nur noch in einer Richtung zu befahren wäre? Der Rest des Gemeinderats fürchtete allerdings die Konsequenzen und stimmte gegen den Antrag.

Die CSU ist im Haarer Gemeinderat mit der Idee gescheitert, die Leibstraße probeweise in eine Einbahnstraße zu verwandeln. Ein Vorspiel für den Verlauf der kommenden Monate in der Gemeinde?

Timing ist das halbe Leben. Und so war der gewählte Zeitpunkt schon bemerkenswert, den die Haarer CSU wählte, um ihren neues Vorstoß zur Zukunft der Leibstraße im Gemeinderat einzubringen. Dietrich Keymer regte einen Feldversuch an, die Leibstraße zwischen der B304 und dem Kreisverkehr vor der Bahnunterführung in eine Einbahnstraße umzuwandeln.

Die Idee ist nicht neu. Schon lange denken sämtliche Parteien im Gemeinderat darüber nach, wie die Leibstraße attraktiver gestaltet werden kann, ohne den Verkehr ins Chaos zu stürzen. Die Zukunft der Einkaufsmeile ist ein zentraler Punkt innerhalb des „Integrierten Mobilitätskonzepts für die Gemeinde Haar“, in dessen Verlauf gerade der erste Bürgerworkshop abgehalten wurde. Die Chance, eigene Ideen in den Prozess zu integrieren, läuft weiter über ein Online-Verfahren. (HALLO berichtete).

Die Dinge sind also im Fluss. Stillstand ist keinem der Beteiligten vorzuwerfen. Was hat die CSU also davon, gerade jetzt einen eigenen Versuch zu starten – abseits des von der Gemeinde angestoßenen Prozesses?

Die Antwort liegt auf zwei Ebenen, die nicht viel miteinander zu tun haben. Im Vordergrund geht es tatsächlich um die Leibstraße. Anwohner und vor allem Gewerbetreibende klagen schon lange über die Zustände vor Ort – Verkehr, Straßenbelag, Bürgersteig. Auch die Beleuchtung ist derart unausgewogen, das Jahr für Jahr keine einheitliche Weihnachtsbeleuchtung möglich ist.

Im Hintergrund der Argumentation dominiert aber vor allem politischen Kalkül. Die CSU wittert die Chance, bei der Wahl 2020 zum ersten Mal überhaupt in der Haarer Geschichte einen Ersten Bürgermeister aus den eigenen Reihen stellen zu können. Die Strategie, um dieses Ziel zu erreichen, wird schon jetzt deutlich: Die SPD um Bürgermeisterin Gabriele Müller soll als verkopft dargestellt werden, während die CSU selbst als Partei der Tat wahrgenommen werden sollte. Was die FDP im Bundestagswahlkampf mit „Digitalisierung first, Bedenken second“ plakatierte, hört sich bei Dietrich Keymer so an: „Wir reden, reden, reden im Gemeinderat – aber es passiert nichts!“ oder „Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Taten sehen“ oder „Wir müssen aus dem ewigen Theoretisieren herauskommen.“ An den SPD-Fraktionssprecher Alexander Zill wandte er sich dann noch direkt: „Sie wissen immer ganz genau, was nicht geht. Ganz in der Tradition Ihrer Partei.“ Als Beleg präsentierte Keymer eine alte SPD-Parteizeitung aus dem Jahr 1994, als es auch schon um die Zukunft der Leibstraße ging. Zu diesem Ansatz passt dann auch das Konzept. den laufenden Prozess der Gemeinde in Bezug auf den Verkehr mit eigenen Anträgen zu stören. Nach dem Motto: Die Gemeinde macht etwas, aber wir machen es schneller und besser. Die erste Runde des Wahlkampfes findet offensichtlich auf der Leibstraße statt. Dementsprechend verschnupft reagierte dann auch die SPD im Gemeinderat. „Ich finde nicht, dass die Haarer Bürger Versuchskaninchen sein sollten“, erwiderte Bürgermeisterin Gabriele Müller schon im ersten Statement sehr undiplomatisch. Auf drei dicht beschriebenen Seiten hatte ihre Verwaltung innerhalb weniger Tage eine ganze Flut an Argumenten gegen das CSU-Experiment zusammengetragen. Alexander Zill wählte ebenfalls drastische Worte: „Sie können gerne von einem Drei-Meter-Brett springen, um zu sehen, ob Sie in ein Becken ohne Wasser springen können. Ich würde uns das gerne ersparen.“ Ein stichhaltiges Argument lieferte dagegen Thomas Fäth: „Ein isolierter Einzelversuch verbrennt die Idee einer Einbahnstraße Leibstraße“, sagte er und verwies auf einen ähnlichen und umstrittenen Versuch, der gerade in Kirchheim gestartet wurde.

Am Ende fand die CSU keine Mitstreiter, das Experiment wurde abgelehnt. Das Klima im Gemeinderat wird zunehmend frostiger. Wenige Minuten nach der Diskussion um die Leibstraße stimmte die CSU geschlossen gegen den Antrag der SPD, künftig keine Geranien mehr in den Blumenkästen des Rathaus zu pflanzen, weil die für Bienen und andere Insekten keinen Nektar bieten würden. Ein weiterer Hinweis darauf, dass das Jahr bis zur Wahl nichts für Menschen wird, die sich nach Streicheleinheiten sehnen.

Marco Heinrich

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