„Wenn ihr wüsstet, was da gestorben ist...“

Zum Todestag von Therese Giehse

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Therese Giehse alias Oma Anna Häusler mit Filmenkel Tscharli.

Viele können sich mit Sicherheit noch an die berühmten „Münchner Geschichten“ erinnern, einige vielleicht sogar an die Folge, in der ihre Hauptdarstellerin Therese Giehse alias Oma Anna Häusler durch das Neuperlach von 1974 läuft. Zum 43. Todestag der Münchner Schauspielerin, nach der auch die Therese-Giehse-Allee benannt ist, hat HALLO sich auf die Spuren der spannenden Frau gemacht.

Therese Giehse war eine bekannte Schauspielerin, aber nicht nur das, sie war auch Jüdin und lebte in der Zeit des Nationalsozialismus, sie war lesbisch und das in einer Zeit, in der Homosexualität als abartige Krankheit galt und sogar strafrechtlich verfolgt wurde. Sie war mit Thomas Mann und noch viel inniger mit seiner Tochter Erika befreundet, Bertolt Brecht gehörte zu ihren Bewunderern und Förderern. Sie inszenierte zahlreiche seiner Theaterstücke, wie die allererste „Mutter Courage“. Im Kino spielte sie neben Hollywood-Größen wie Vivien Leigh (Vom Winde verweht) und in Dürrenmatts „Die Physiker“ war sie die Irrenärztin Fräulein Dr. Mathilde von Zahnd. „Wenn ihr wüsstet, was da gestorben ist“, schrieb Regisseur Peter Stein im Spiegel in seinem Nachruf auf die Frau, die am 3. März 1975, drei Tage vor ihrem 77. Geburtstag unerwartet an Nierenversagen starb. Ja, was ist da eigentlich gestorben? Auf jeden Fall eine Frau, die alles andere als angepasst war. Aber es sind nicht unbedingt die angepassten Menschen, die letztlich in den Köpfen der Bevölkerung hängen bleiben. Es sind die Paradiesvögel, die Aufrührer.

Hitler war ein Bewunderer der Jüdin 

Titel: Münchner Geschichten; Untertitel: 5. Ein Ziel im Leben;

Geboren am 6. März 1898 in München war Therese Giehse bereits vor ihrer Flucht vor dem Nationalsozialismus 1933 der Star der Münchner Kammerspiele. Einen Monat nachdem Hitler an die Macht kam, ging sie zusammen mit ihrer Geliebten Erika Mann ins Züricher Exil. Wenige Wochen zuvor hatte, sie zusammen mit ihr und Erikas Bruder Klaus das literarische Kabarett „Die Pfeffermühle“ gegründet, in der Hitler und der Nationalsozialismus lächerlich gemacht wurden. Umso ironischer war es, dass Hitler einige Jahre zuvor als ein Bewunderer Giehses galt, der sie regelmäßig in den Kammerspielen auftreten sah, unwissend über ihre jüdische Herkunft. 1936 heiratete sie den schwulen englischen Schriftsteller John Hampson-Simpson, um zu einem britischen Pass zu kommen, da alle Emigranten von Hitler ausgebürgert worden waren. Nach dem zweiten Weltkrieg kam sie zurück nach Deutschland, spielte wieder in München und am Berliner Ensemble von Brecht. In den 50er und 60er Jahren wurde sie vor allem durch große Frauenrollen in Dürrenmatts Inszenierungen, wie „der Besuch der alten Dame“ bekannt.

Aber die meisten Münchner dürften sie als Anna Häusler in den „Münchner Geschichten“ kennen, einer Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1974. Dort entstanden auch die Aufnahmen im gerade gegründeten Neuperlach (Die Grundsteinlegung war 1967). Vor dem Hintergrund der Bauarbeiten fährt Anna Häusler mit dem Bus durch den Stadtteil, der gerade im Entstehen ist. Später besichtigen sie und ihr Filmenkel Tscharli (Günther Maria Halmer) eine Wohnung in Neuperlach. Der Blick vom Balkon geht in die Richtung der heutigen Therese-Giehse-Allee, die nach ihrem Tod ein Jahr später nach ihr benannt wurde. Im Film ist die Oma allerdings nicht glücklich über den Anblick der frisch gegründeten Trabantenstadt. Sie beschließt, nicht nach Neuperlach zu ziehen und bleibt lieber in ihrer Altbauwohnung im Lehel.

In einer anderen Szene geht sie an der Raumspindel, besser bekannte als das Neuperlach Mobile, vorbei, das damals im Plettzentrum stand und sich heute gegenüber vom pep-Einkaufszentrum befindet. Die Raumspindel war das erste Kunstwerk im neu entstehenden Neuperlach und gilt bis heute als Wahrzeichen des Stadtteils. So ein Wahrzeichen ist Therese Giehse für München. Ihr Leben war eine Bühne, sogar bis zu ihrem Tod. Bei ihrer Trauerfeier brach der Schauspieler Paul Verhoeven während seiner Rede zusammen und starb an Herzversagen. Ein Ende, wie man es dramatischer nicht schreiben könnte. 

Lydia Wünsch

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