„Ich will die Kunst nach München bringen“

Der Street-Art-Künstler Jan Deichmann alias CAZ132 verschönert die Rückwand des Kulturhauses Neuperlach

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Der Münchner Street-Art-Künstler Jan Deichmann besprüht die Wand des Kulturzentrums Neuperlach gegenüber des pep Einkaufszentrums. Am Freitag, 19. Mai, wird das Kunstwerk eingeweiht.

Der Münchner Graffiti-Künstler Jan Deichmann besprüht das Kulturzentrum Neuperlach für die große Jubiläumsfeier „50 Jahre Neuperlach“. Doch das Geld für diese Aktion zu bekommen, war nicht einfach. Der Münchner Bezirksausschuss wollte das Honorar des Künstlers nicht bezahlen, da das Gebäude in einem halben Jahr abgerissen werden soll. HALLO hat mit Jan Deichmann über den Stellenwert von Kunst und Kultur in München gesprochen.

„Im Zentrum des Bildes, das ich an die Rückwand des Kulturzentrums Neuperlach sprühe, wird das Wort ‚Promise‘ (englisch für ‚Versprechen‘) stehen“, erklärt Jan Deichmann, freischaffender Graffiti-Künstler. „Allerdings werden einige Buchstaben verdreht sein und am Anfang bröckeln sie auch ab. Ein Abrissbagger wird sie nämlich herunterreißen, genauso wie unser Kulturhaus bald abgerissen wird“, führt der Künstler aus, der auch als Dozent an Schulen und in Jugendeinrichtungen das Sprayen lehrt. „‚Promise‘ steht außerdem für die Versprechen, die uns immer gegeben, aber nie gehalten werden“, sagt er. Denn wie es die Ironie so will, wird das Gebäude genau im Jahr des 50-jährigen Bestehens von Neuperlach abgerissen. Es soll dann zwar wieder aufgebaut werden, aber konkret wisse man noch nicht, wann es kommen wird. Zudem sei ausgesprochen ärgerlich, dass das jetzige Kulturzentrum, ein Holz-Container, der gegenüber des pep-Einkaufszentrums aufgestellt wurde, sowieso nur ein Provisorium sei. „Wir Münchner Künstler werden immer mit dem Versprechen abgespeist, Neuperlach bekomme irgendwann ein ‚richtiges‘ Gebäude — mit echten Mauern“, sagt Jan Deichmann. „Jetzt besteht dieser Container mittlerweile allerdings seit 16 Jahren, und wann wir endlich ein festes Gebäude bekommen, steht noch in den Sternen.“ Und als ob das nicht genug sei, beklagt sich Deichmann, habe sich der Bezirksausschuss auch noch quergestellt, als es um sein Honorar für das Graffiti ging, das er zum 50-jährigen Bestehen von Neuperlach an das Kulturzentrum sprüht. Die Begründung sei gewesen, dass der BA nicht bereit sei 7500 Euro für ein Kunstwerk auszugeben, das in einem halben Jahr wieder abgerissen würde. „Was die nicht verstehen ist, dass Street-Art nun mal eine temporäre Kunst ist“, sagt Deichmann dazu. „Als ich in den 80er-Jahren mit dem Sprayen angefangen habe, gab es kaum Möglichkeiten, diese Kunstform auszuleben. Also sprühte ich eben, wo ich konnte. Das war auch oft schon wieder nach kurzer Zeit weg.“ Aber um Langlebigkeit ginge es dem Sprayer damals gar nicht. „Es ging darum, dass ich es gemacht habe. Darum, dass die Leute eines Morgens vor einer sonst grauen und tristen Hauswand standen und dort plötzlich ein schönes Bild sehen konnten“, sagt er. Von eben diesem Überraschungseffekt lebe seine Kunst.

Davon abgesehen seien 7500 Euro auch nicht viel Geld, wenn man bedenke, wie viel Arbeit er in so ein Projekt stecke. „So eine Wand male ich ja nicht an einem Tag. Da steckt wochenlange Planung und Arbeit dahinter — dafür, dass ich dann vielleicht sechs Wochen von dem Geld leben kann“, erklärt er. „Ich habe mir mal den Spaß gemacht und meinen Stundenlohn ausgerechnet. Fazit war: Jeder Fliesenleger bekommt mehr Geld als ich. Da frage ich mich schon, warum die Stadt München so wenig bereit ist, ihre Künstler zu fördern, die versuchen, ihren Ort zu verschönern.“

Darüber nachgedacht, von München wegzugehen, um in einer Künstlerstadt wie Berlin sein Glück zu finden, hat Deichmann trotz des Frustes aber nie. „Auch wenn ich mich im Moment ärgere; München und vor allem Neuperlach ist meine Hood! (Englisch für „Bezirk“) Ich bin hier aufgewachsen und ich liebe alles an diesem Ort, sogar die Hochhäuser und die grauen Wände“, sagt er und lacht. „Außerdem sehe ich es als meine Aufgabe, die Kunst hierher zu bringen. Als Künstler lasse ich mich sowie nicht von solchen Lappalien abhalten.“

Letztlich hat sich auch eine Lösung für das Zahlungsproblem gefunden. Nicht der Bezirksausschuss, sondern das Kulturzentrum selbst wird sich nun um die Finanzierung des Graffitis kümmern. Die Einweihung des Bildes findet am Freitag, 19. Mai, um 18 Uhr am Hanns-Seidel-Platz 1 statt. Am darauffolgenden Sonntag, 21. Mai, ab 13 Uhr ruft Jan Deichmann dann zu einer Mitmach- Aktion auf, bei der Neugierige sich einmal selbst in der Kunst des Sprayens ausprobieren dürfen. 

Lydia Wünsch

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