...um dem Wahnsinn einen Sinn zu geben

Ramersdorfer Comiczeichner gewinnt Schwabinger Kulturpreis

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Der Ramersdorfer Comiczeichner Uli Oesterle schreibt über Irrsinn und Wahnsinn.

Schizophrenie. Multiple Persönlichkeiten. Wahnsinn. Einige der Hauptthemen in Uli Osterles Comicromanen. Für diese wurde er gerade mit dem Schwabinger Kulturpreis ausgezeichnet. Mit HALLO redete er darüber, woher all der Wahnsinn kommt und warum er die beste Wurstsemmel seines Lebens als Obdachloser gegessen hat.

Alles fing mit einem Rauswurf an. „Mit 21 Jahren bin ich aus der Werbeagentur geflogen, in der ich als Grafiker arbeitete“, erinnert sich der Ramersdorfer Uli Oesterle. Damals war es ein Schock, im Nachhinein war es die Basis für seine Selbstständigkeit. „Damals habe ich gelernt, mit Existenzängsten umzugehen — und auch mit wenig Geld.“ Mit zwei Kumpels gründete er seine eigene Werbeagentur. Jetzt, 30 Jahre später, wurde der Comiczeichner mit dem Schwabinger Kunstpreis für seine Comics und Bilder geehrt.

Die Hauptfigur in seinem grafischen Roman „Hector Umbra“ kann Wahnvorstellungen anderer Menschen sehen. „Am besten kann man über das berichten, was man selbst erlebt hat“, glaubt Oesterle. Darum sind die mysteriösen Begebenheit in seinen Geschichten nie frei erfunden. „Die Hirngespinste meiner Protagonisten haben alle einen realen Ursprung.“ Irrsinn, Wahnsinn, Wahnvorstellungen. Alles Dinge, die Oesterle nicht fremd sind. „Mit 23 Jahren habe ich plötzlich von null auf hundert total viel gekifft.“ Dadurch bekam er eine Sprachstörung. Man versteht plötzlich nicht mehr, was die Leute sagen. Kann keine Schrift mehr lesen oder Geld zählen. „In diesem Zustand war ich sogar noch auf Partys und dort der totale Party-Hit, weil ich so einen Unsinn geredet habe.“ Oesterle selbst fand es allerdings gar nicht lustig. „Um ehrlich zu sein, hatte ich eine Todesangst!“ Irgendwann traute er sich damit zum Arzt. Der hielt ihm einen Stift vor die Nase und fragte, was das ist. Oesterle konnte ihn nicht benennen. Wochenlang musste er in abgedunkelten Räumen liegen, ohne Fernseher oder Bücher. Bis sich die Aphasie wieder legte. Diese Erfahrung spiegelt sich in all seinen Werken wieder. So kämpfen Oesterles Superhelden mehr gegen Dämonen in ihrem Inneren als gegen Aliens oder Monster.

Auch für die Recherche nimmt Oesterle einiges auf sich. Im Rahmen eines Kunstprojekts lebte er drei Tage auf der Straße. Ohne Handy, ohne Geldbeutel, ohne Schlüssel, nur mit seinen Klamotten am Leib und einem Schlafsack. Essen gab es aus der Suppenküche, denn selbst für die Münchner Tafel braucht man einen Ausweis. „Am schwierigsten war es, draußen zu schlafen“, sagt er. Schutzlos. Keine Türe, die man hinter sich zumachen kann. „In der ersten Nacht habe ich kein Auge zugemacht.“ Oesterle ist jemand, der Gefahren ins Auge sieht. Und der kleine Dinge zu schätzen weiß. „In der Suppenküche habe ich die beste Wurstsemmel meines Lebens gegessen.“ Davon abgesehen sei obdachlos zu sein aber wirklich so scheiße, wie man es sich vorstellt. Da gibt es nichts zu romantisieren. Das hat ihn diese Erfahrung gelehrt. Und es hat ihm beim Schreiben seines derzeitigen Projekts „Vatermilch“ geholfen. In diesem verarbeitet er den Tod seines Vaters. Ein Alkoholiker, der jahrelang auf der Straße lebte. Die Familie verließ er, als Oesterle sieben war. Danach hat er ihn nur noch selten gesehen. „Und irgendwann war er ganz weg.“ Verschollen. „Es gab immer nur Gerüchte“, erinnert er sich. „Erst als ich 2010 von seinem Tod erfuhr, sagte man mir, dass er die letzten zehn Jahre in einem Heim gelebt hat.“ Keinen Tropfen Alkohol soll er dort mehr getrunken haben und überhaupt der netteste Mensch sei er dort gewesen. „Was er vorher weiß Gott nicht war.“

Oesterle klingt abgeklärt, wenn er das erzählt. Was fühlt man für einen Vater, den man 30 Jahre nicht gesehen hat? Trauer? Leere! „Da musste ich diese Beerdigung organisieren.“ Und das für einen Mann, den man eigentlich nicht kannte. „Bei der Leichenschau allerdings sind mir schon die Tränen heruntergelaufen“, erinnert er sich. „Durch das Schreiben habe ich viel begriffen. Auch dass mich das unterbewusst mehr getroffen hat als mir klar war.“ Man hat Fragen im Kopf: Was ging in ihm vor? Hat er an seinen Sohn gedacht? Wollte er ihn vielleicht sogar vor sich selbst schützen? Eine schöne Vorstellung. Und tröstlicher als es die Realität vielleicht war. Darum hat Oesterle sich seine eigene Geschichte um seinen Vater ausgedacht. So wie er sie gerne hätte. Das kann Literatur: Sie gibt menschlichen Erlebnissen einen Sinn. Mutmaßungen werden zu Tatsachen – und so ist Oesterles neues Werk eine fiktive Biografie seines Vaters. Was seine Geschichten wären, wenn es den Wahnsinn nicht gäbe? „Wer weiß, ob ich dann überhaupt etwas zu erzählen hätte.“

Lydia Wünsch

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