Schlaflos in England – mit einem „richtigen“ Job

Oxford-Jahrgangsbeste im Studiengang „Creative Writing“ 

Aufgewachsen in Waldperlach und Ottobrunn lebt Laura Theis seit sieben Jahren in ihrer Wahlheimat Oxford. Gerade hat die 32-Jährige an der dortigen Universität den Studiengang „Creative Writing“ (kreatives Schreiben) abgeschlossen und sogar den Preis für die jahrgangsbeste Arbeit gewonnen. HALLO sprach mit ihr über die Quelle ihrer Kreativität — der Schlaflosigkeit.

HALLO: Wieso haben Sie sich dazu entschieden, „Creative Writing“ in Oxford zu studieren?

Theis: Der Studiengang wird in dieser Form nirgendwo sonst angeboten. Angelegt ist er auf zwei Jahre. Im ersten Studienjahr darf man erst mal alle Literatur-Genres ausprobieren. Wenn man sich zum Beispiel vorgenommen hat, Drehbuchautor zu werden, muss man dann Gedichte schreiben. So findet man oft noch Talente in sich, die bis dahin verborgen waren. Ich musste zum Beispiel in einem Seminar einen Krimi schreiben. Ich dachte nicht, dass ich das kann, aber am Ende wurde daraus eine lustige Detektiv-Geschichte, die im Weltall spielt.

Sind Sie trotzdem bei dem Genre geblieben, das Sie sich zu Anfang des Studiums vorgenommen hatten? 

Ich wusste am Anfang gar nicht genau, was ich machen wollte. Ich habe es genossen, viel zu experimentieren und es auf diese Art herauszufinden. Ich schreibe auch Songs und dachte, dass es vielleicht in die lyrische Richtung geht, aber am Ende sind es die Short-Stories geworden. Für die habe ich dann auch den „A.M. Heath Preis“ bekommen. Er wird von einer der renommiertesten Literaturagenturen Londons an den jahrgangsbesten Absolventen vergeben.

Worum geht es darin? 

„Cinema of Dreams“ (das Traumkino) ist eine Kurzgeschichtensammlung. Diese Geschichten sind miteinander verbunden, und zwar durch eine mysteriöse Stimme aus der Dunkelheit, die einer schlafenden Person Geschichten erzählt. Da sie diese immer mit „Du“ anspricht, fühlt sich auch der Leser die ganze Zeit angesprochen.

So zieht die Stimme den Leser in die Geschichten? 

Ja, das ist wie in einem Sog. Es gibt ja den Ausdruck „world building“. Also, wenn Autoren beim Schreiben ganze Welten erschaffen, was gerade im Fantasy-Genre oft gemacht wird. Ich habe in meinem Abschluss-Essay mit dem Ausdruck „world conjuring“ gearbeitet. Das bedeutet, dass der Autor mit dem Leser zusammenarbeitet und sie gemeinsam diese Welt erschaffen.

Woher hatten Sie die Idee für „Cinema of Dreams“? 

Die Inspiration kam aus meinem eigenen Leben. Ich kann oft nachts nicht schlafen und so sind Träume und Schlaf ein zentrales Thema. In einer Geschichte gibt es auch ein Kino, das Leuten, die nicht schlafen können, Träume vorführt.

Wo kann man Ihre Geschichten lesen? 

„The Monster“, eine der Geschichten aus „Cinema of dreams“, kann man im Catweazle Magazine lesen. Unter www.catweazleclub.com kann man das bestellen.

Wie geht es jetzt, nach Ihrem Abschluss, für Sie weiter? 

Jetzt ist gerade eine spannende Zeit für mich. Durch den Preis für meinen Abschluss ist die Literaturagentin Victoria Hobbs von der Agentur A.M. Heath auf mich aufmerksam geworden. Die Agentur vertritt bekannte Autoren, zum Beispiel auch den Nachlass von George Orwell. Wenn sie einen Verlag findet, der „Cinema of Dreams“ veröffentlichen will, wäre das tatsächlich mein Sprungbrett zur Schriftstellerin. Aber auch meine Musik werde ich weiter machen. Ich bin in England als Solokünstlerin unterwegs und habe zusammen mit meiner Freundin Stefanie Müller in Deutschland die Band „beißpony“. Gerade haben wir unser zweites Album „Beasts and Loners“ herausgebracht.

Aber Sie wollen auf jeden Fall in Oxford bleiben? 

Wenn es der Brexit zulässt, ja! Englisch ist einfach meine Kreativ-Sprache. Ich glaube, wenn ich anfangen müsste, auf Deutsch zu schreiben, würde ich tatsächlich erst mal alles auf Englisch schreiben und es dann übersetzten. Hier habe ich auch ein tolles Netzwerk von kreativen Menschen und fühle mich sehr gut aufgehoben. Ich habe das Gefühl, man wird hier als Künstler ernster genommen als in München. Wenn man hier sagt „I‘m a writer“ fragt keiner nach deinem „richtigen“ Job.

Warum braucht die Welt fantastische Geschichten? 

Der Schriftsteller Neil Gaimann hat dazu einmal sehr schön gesagt: „Weil sie uns nicht nur beibringen, dass es Drachen gibt, sondern auch, dass man sie besiegen kann.“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Dass Frauen in der Literatur ernster genommen werden. Es ist leider immer noch so, dass Bücher von Frauen schlechter vermarktet werden. Studien wie die Vida Study belegen Jahr für Jahr, dass Bücher von männlichen Autoren eine viel höhere mediale Aufmerksamkeit erhalten. Darum empfehle ich auch lieber Bücher von Autorinnen weiter, wie zum Beispiel Lucy Duggan, Daisy Johnson und Ali Smith.

Interview: Lydia Wünsch

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