HALLO-Serie „Ehrenamtliche im Fokus“

Die Grünen Damen sind fürs Menschliche zuständig

+
Mit ihrem grünen Kittel ist Ulla Ballis im Eingangsbereich des Klinikums Neuperlach als „Grüne Dame“ zu erkennen.

Im Klinikalltag fehlt es Schwestern und Pflegern oft an Zeit für ein längeres Gespräch mit Patienten. Am Klinikum Neuperlach übernehmen das die „Grünen Damen und Herren“. Ulla Ballis leitet die Gruppe Ehrenamtlicher, die täglich im Klinikum ausschwärmen, um zu helfen. 

Als ihre Mutter als Patientin vor mehreren Jahren im Krankenhaus lag, sagte das Pflegepersonal zu Ulla Ballis: „Ihre Mutter isst nichts.“ Doch die Tochter wusste auch, dass es den Schwestern und Pflegern nun mal an Zeit fehlt, bei ihrer Mutter solange zu verweilen, bis diese dann doch zu essen beginnt, weil da jemand ist, der helfen kann. Von ihren Söhnen, die am Klinikum Neuperlach ihren Zivildienst absolvierten, erfuhr Ballis von den ehrenamtlichen Krankenhaushelfern „Grüne Damen und Herren“, die eben die Zeit haben, da zu sein und zuzuhören. „Irgendwann einmal mache ich das auch“, dachte sich Ballis damals. Wer heute bei der Ankunft im Klinikum Neuperlach zunächst verunsichert ist, wie es von der Pforte aus weitergeht, kann Ulla Ballis begegnen. Die Truderingerin engagiert sich nicht nur im elften Jahr ehrenamtlich als „Grüne Dame“, die 63-Jährige leitet seit mehreren Jahren die Gruppe im Neuperlacher Klinikum. „Unser Tag beginnt mit dem Lotsendienst“, erzählt sie. Bei der Anmeldung begrüßen sie ankommende Patienten, geleiten diese auf ihre jeweilige Station und finden beruhigende Worte. „Und in unserem Rotkäppchen-Korb liegt allerhand Infomaterial für die Patienten“, erklärt die Dame im grünen Kittel. Jeder Tag sei anders, jedes Mal begegnen sie neuen Menschen und nehmen Anteil an deren Schicksal. „Und nach Dienst- ende treffen wir uns in der Kantine und essen noch gemeinsam zu Mittag“, sagt die Gruppenleiterin der Neuperlacher „Grünen Damen und Herren“ und fügt hinzu: „Das Beieinander-Sitzen ist sehr nett und man braucht es auch.“ Den Vormittag über waren sie da, um in Gesprächen Trost zu spenden, Hoffnung zu geben und vor allem zuzuhören. „Vielen tut es sehr gut, mit uns zu reden, da wir eben emotional weniger beteiligt sind als Angehörige“, weiß Ballis. „Uns gegenüber können Patienten vielleicht noch ehrlicher ihre Gefühle und Gedanken äußern, bei uns müssen sie nicht fürchten, dass wir zu weinen anfangen.“ Berührungsängste dürfe man als „Grüne Dame oder Herr“ nicht haben. „Bei unserer Tätigkeit zählt das Menschliche, dazu gehört auch die Hand eines anderen Menschen zu halten.“ Aber eines sei da ganz wichtig, schiebt Ballis hinterher: „Wir hören den Patienten zu, aber wir geben keine Belehrungen!“ Und die Schweigepflicht gelte nicht nur für die Ärzte und das Pflegepersonal, sondern auch für deren ehrenamtliche Kollegen in Grün. „Wir fühlen mit, aber leiden nicht mit“, fasst Ballis zusammen. Doch trotz aller Professionalität und aller guten Vorsätze ist es natürlich so, dass einem der Abschied von einem Menschen schwerfällt, den man über eine lange Zeit hinweg auf der Onkologie besucht hat. „Man redet über Kochrezepte, tauscht auch mal Bücher untereinander aus, das verbindet. Und wenn derjenige dann stirbt, ist das bitter“, so Ballis. „Ich gehe auf alle Fälle mit sehr viel Demut zu meinem Dienst im Klinikum.“ Ein großes Gefühl der Dankbarkeit, selbst gesund zu sein und eine stabile Familiengemeinschaft zu haben, überkomme sie da häufig, wenn sie von Neuperlach heim nach Trudering radelt. Die „Grünen Damen und Herren“ sind ein Dienst der Johanniter-Hilfsgemeinschaft und erhalten daher von den Johannitern Schulungen für ihr Ehrenamt. Wer sich für konkret für eine Tätigkeit am Klinikum Neuperlach interessiert, nimmt aber zunächst Kontakt mit Ulla Ballis auf. Beim Kennenlernen geht es der Gruppenleiterin hauptsächlich um die Einschätzung, ob jemand viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Verständnis aufbringen kann. Und sie macht Bewerbern deutlich, dass man manches ertragen müsse. Die vielen netten Begegnungen und das Gefühl, anderen helfen zu können, hebt sie in dem Kennenlern- Gespräch aber natürlich ebenso hervor. „Ich denke da zum Beispiel an einen Obdach- losen, an dessen glücklichen Gesichtsausdruck, wenn wir ihm ein neues T-Shirt und eine Jogginghose in die Hand drücke“, erzählt Ballis. Denn die „Grünen Damen und Herren“ haben auch einen kleinen Fundus an Kleidungsstücken und Toilettenartikeln, mit denen sie manchen Patienten im Notfall aushelfen können. Das freudige Gesicht eines Menschen, dem man kleine oder große Wünsche erfüllen konnte, vergisst man nicht. „Wir leihen für Patienten Bücher aus, lesen die Zeitung vor, besorgen eine bestimmte Zeitschrift am Kiosk oder kaufen im pep eine Fischsemmel, wenn das eben der große Wunsch ist“, sagt Ballis.

Gutes Verhältnis zum Pflegepersonal

Zu den Aufgaben der „Grünen Damen und Herren“ gehört es aber nicht, Patienten auf die Toilette zu begleiten oder ihnen Medikamente zu verabreichen. „Wir machen nichts Pflegerisches“, betont Ballis. Zu den Schwestern und Pflegern hätten sie in Neuperlach ein sehr gutes Verhältnis. „Das Personal ist uns dankbar, weil wir die Zeit haben, uns ein wenig zu einem Patienten zu setzen, gemeinsam einen Spaziergang zu unternehmen oder beim Kofferpacken zu helfen.“ Über ihr Telefon sind die „Grünen Damen“ zwischen 8.30 bis 11.30 Uhr im Klinikum Neuperlach zu erreichen. Derzeit absolviert Ulla Ballis, da sie sich um ihre Enkeltochter kümmert, nur einen Dienst pro Woche. „Aber ich habe meiner Familie klar gesagt, dass mein Dienstags-Dienst im Klinikum bleibt. Meine Tätigkeit bedeutet mir so viel, die geb‘ ich nicht auf“, sagt Ballis. Sie sei mit „Herz, Leib und Seele“ bei ihrem Ehrenamt aktiv. Ebenso wie ihre Kolleginnen, allesamt „tolle Frauen, die sich ebenso wie ich für unsere Tätigkeit begeistern“. Im Durchschnitt seien die „Grünen Damen“ zwischen 68 und 75 Jahre alt. „Einen Herrn haben wir derzeit leider nicht“, bedauert Ballis. Aber wer weiß, vielleicht bewirbt sich ja demnächst ein Herr...Verena Rudolf

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare