Die Freischwimmer von Neuperlach

Frauenschwimmkurs im Heinrich-Heyne-Gymnasium

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Oft kommen muslimische Frauen durch ihre Kinder zum Schwimmen.

Yasmin B. musste 47 Jahre alt werden, um sich zum ersten Mal ins Meer zu trauen. Das war vor einem Jahr. Um fünf Uhr früh stand sie auf. Ihre Kinder schliefen noch. In diesem Moment war der Ozean nur für sie da. Freiheit! „Früher konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich mich über Wasser halten kann. Dass ich jetzt frei schwimme, ist wie ein Traum für mich“, sagt die gebürtige Türkin. Und irgendwie spricht sie nicht nur vom Wasser – sondern vom Leben an sich.

Richtig zu schwimmen, lernte Yasmin B. nicht im Meer, sondern beim Frauenschwimmunterricht im Heinrich-Heine-Gymnasium Neuperlach. Gemeinsam mit Isabella C.* fing sie vor zwei Jahren bei Trainerin Ulrike Kahlich (kleines Foto unten) an. Heute sind sie zwei von 22 Frauen im Schwimmkurs, 17 davon mit Migrationshintergrund. Auch die 46-jährige Isabella C. stammt ursprünglich aus der Türkei. Sie spricht leise. Manchmal entschuldigt sie sich für ihr Deutsch, wenn sie ein Wort nicht findet. Auch sie schwimmt sich auf mehreren Ebenen frei. Mit Bewegungen. Erfolgserlebnissen. „Auch ich hatte viel Angst vor Wasser“, sagt sie. Und es klingt nach einem anderen Leben.

Viele der Frauen, die bei Ulrike Kahlich Unterricht nehmen, sind ihr Leben lang nicht mit Wasser in Berührung gekommen. Die Scheu davor wird mit den Jahren immer größer. Ähnlich wie beim Fliegen hat man keinen festen Boden unter den Füßen, und der Schwebezustand fühlt sich erst einmal unnatürlich an. Es ist wie der Weg in eine fremde Kultur. Man fühlt sich haltlos und sucht nach etwas, wonach man greifen kann. Es kostet Überwindung, in diese neue Welt einzutauchen. Aber es gibt Hilfe dafür. Der Unterricht beginnt damit, dass sich die Frauen erst nur treiben lassen. „Wir nehmen sie an den Händen und gehen mit ihnen durchs seichte Wasser“, sagt Ulrike Kahlich. Vertrauen entsteht, zum Wasser und zu den Menschen. 

„Viele der Frauen kommen erst über ihre Kinder zum Schwimmen“, sagt Kahlich. Wenn die Kinder in der Schule Schwimmen lernen, wollen sie das auch mit ihren Eltern machen. Für die Mütter eine Herausforderung, wenn sie selbst nicht schwimmen können. Yasmin B. redet nicht gerne über ihren Weg in den Kurs – warum sie sich im Alter von 46 Jahren entschied, sich ihrer Angst zu stellen. Nur soviel verrät sie: Seitdem sie schwimmt, hat sie wieder Freude am Leben. „Das ist die Generation Frauen, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat“, sagt Ulrike Kahlich. Starke Frauen, die vor 20 oder 30 Jahren nach Deutschland kamen und sich dann hier ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. Viele brachten sich selbst Deutsch bei. Und jetzt, nachdem ihre Kinder erwachsen sind, tun sie einmal etwas nur für sich. 

Yasmin B. und Isabella C. setzen ihre Badehauben auf, die eine grün, die andere rot. Dann geht’s ab unter die Dusche und schon springen sie, ohne zu zögern, ins tiefe Wasser, um sich einzuschwimmen. Mittlerweile scheinen sie den Schwebezustand zu genießen. Fröhlich plappernd schwimmen sie nebeneinander her. Ulrike Kahlich muss schon lange nicht mehr mit ins Wasser gehen. Während der Stunde bleiben die grüne und die rote Badekappe fast immer zusammen. „Wir sind wie Zwillinge geworden“, sagt Yasmin B. und lacht – ein herzliches Lachen, das Gedanken an andere Zeiten übertönt. Dass alle zum Schwimmen Badeanzüge tragen müssen, stört hier niemanden. „Trotz der vielen muslimischen Frauen, wird nicht mit Burkini geschwommen“, sagt Kahlich. Die waren nicht immer verboten, aber das tat in der Vergangenheit nicht allen gut. „Es gab muslimische Frauen, die nicht mit verschleierten Frauen schwimmen wollten. Oder es kam vor, dass zwei Frauen unterschiedlicher Religionen sich weigerten, einander die Hand zu geben.“ Mittlerweile bleibt die Religion dem Schwimmunterricht fern. „Die Frauen befinden sich hier in einem geschützten Raum“, sagt Kahlich. Deshalb sind in dieser Stunde keine Männer zugelassen. Viele der Frauen seien in dem Glauben aufgewachsen, sie müssten sich für ihren Körper schämen. Hier sollen sie neben dem Schwimmen auch lernen, ihren Körper zu lieben. Das Wasser nimmt sie so an, wie sie sind. „Es streichelt ihren Körper und die Seele“, sagt Kahlich. Was die Frauen in ihrer Vergangenheit erlebt haben, darüber wird im Schwimmunterricht nicht geredet.

 

Die Erinnerung an Ängste ist wie ein Schatten

Dann, ganz plötzlich, kommt die Angst doch zurück. Rückenschwimmen! Mit großen Augen sieht Yasmin B. ihre Trainerin an, als sie ihr die Aufgabe erklärt. Die anderen schwimmen schon los. Yasmin B. aber hält sich noch am Beckenrand fest und versucht, ruhig zu atmen. Dann stößt sie sich ab. Doch sie kommt nur schlecht vorwärts, Beine und Arme flattern unkoordiniert im Wasser. Es gibt nichts, wonach Yasmin B. greifen könnte. Durch das Wasser wühlt sie sich zum Beckenrand und krallt sich fest. Erst einmal verschnaufen. Im Trockenen gehen sie und Ulrike Kahlich die Bewegungen noch einmal durch. Einmal will Yasmin B. es noch versuchen, bevor die Stunde um ist. Diesmal bleibt Isabella C. an ihrer Seite. Und diesmal schafft es Yasmin B. 

Nächstes Jahr will sie wieder ans Meer – mit ihren Kindern. Aber einmal wird sie wieder um fünf Uhr früh aufstehen, um mit dem Ozean alleine zu sein. 

Lydia Wünsch 

*Name geändert.

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