Neujahrsempfang der Gemeinde Haar

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

„Die jetzt entstandene Krise ist kein moralisches Problem einzelner Personen, sondern ist Folge eines Systems, das man durch gesetzliche Vorgaben auch ändern kann“, so der Bürgermeister. Für die Banker gab es keinen gesetzlichen Rahmen, der sie daran gehindert hätte, mit wenig Eigenkapital und vielen Krediten horrende Renditen zu erzielen. Sozialhilfe- und Hartz IV-Empfängern werden jedoch sämtliche staatlichen Zuwendungen auf ihr Einkommen angerechnet und abgezogen. Jetzt wäre die Chance, daran etwas zu ändern. Und zwar global, nicht nur national. Zwischen Gemeinde, Bürgern, Kirchengemeinden und Geschäften hat sich bereits ein soziales Netz entwickelt, das „die eine oder andere Not lindern kann“. Vor Ort helfen die Caritas, die Nachbarschaftshilfe sowie der Haarer Tisch. Über das gemeindliche Programm „Kindern eine Chance geben“ gingen bereits mehr als 100.000 Euro als Spenden ein. „All diese Initiativen zeigen, dass es bei uns sehr wohl ein Gerechtigkeitsempfinden gibt. Ein Gerechtigkeitsempfinden, das sich nicht an einem Tauschprinzip orientiert – ich gebe, damit ich bekomme – sondern am Gebot der Nächstenliebe – der gelebten Solidarität. Gerechtigkeitsempfinden muss sich von sich aus tragen“, sagt Dworzak. „Eine soziale Gesellschaft darf nicht zulassen, dass die einen ohne Chancen absacken, während andere im zunehmenden Wohlstand leben. Wir sollten das Jahr 2009 in diesem Sinne nutzen.“ Reden auf offiziellen Empfängen sind meistens von Langeweile, Nüchternheit und wenig Erheiterndem geprägt. Die Rede von Haars Bürgermeister Helmut Dworzak beim Neujahrsempfang der Gemeinde war da teilweise etwas anders. Helmut Dworzak über die Erhöhung der Müllgebühren: Wenn mir vor einem halben Jahr erklärt worden wäre, der Gemeinderat muss die Haarer Müllgebühren erhöhen, weil amerikanische Makler Häuser an zahlungsunfähige Familien verkauft haben – ich hätte freundlich gelächelt. Wenn ich gewusst hätte, dass es über 15 Millionen Häuser waren, die Risikoschulden als Wertpapiere weitergehandelt und von Banken mit neuen Schulden gekauft wurden, um Renditen von 30 Prozent zu erzielen, hätte ich für Amerika eine Krise gesehen. Aber unsere Müllgebühren? Da war mir noch nicht klar, dass auch unsere Banken dabei waren, dass in einer Art „Massenpsychose“ Börsenkurse purzelten und die Krise erst in Schwung brachten. Und dass die Chinesen nicht mehr unsere Abfallrohstoffe kaufen werden, weil sie ihre Billigprodukte ihrerseits nicht mehr loswerden. …  über die Auswirkungen der Finanzkrise: Aber dieser „Alarmismus“ ist typisch für unsere Zeit. Im Marienplatz-Untergeschoss warnt uns das Reklameplakat einer Apotheke vor den acht Trilliarden Bakterien, die uns hier erwarten und die Wetterberichte im Fernsehen warnen auch – wann immer möglich – vor Kälteschocks und Schneekatastrophen, obwohl es einfach nur Winter ist. …  über die Autobahnparallele: Darum hätte ich auch gern möglichst schnell Zuschussprojekte wie die Autobahnparallele verwirklicht. Aber bisweilen bekommt man einen Vogel oder besser zwei – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Umweltprüfung für den Straßenbau war praktisch schon abgeschlossen, da entdeckte der Gutachter zwei Wachteln neben der Autobahn. Eigentlich sind wir kein „Wachtelgebiet“, aber sie waren nun mal da. Alles wurde gestoppt und wir mussten eine „Wachtelausgleichsstelle“ schaffen. Inzwischen haben wir das erledigt. Wir arbeiten nur mehr an Hinweisschildern, dass die Vöglein auch hinfinden …

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