Wie Rituale ein Familienfest wie Weihnachten prägen

Und am Ende singen alle „O du fröhliche!“

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Rituale regeln unser Zusammenleben. Das ist auch ganz praktisch, vor allem an Feiertagen.

Rituale regeln unser Zusammenleben. Das ist auch ganz praktisch, denn Rituale geben eine gewisse Ordnung vor und vermitteln Sicherheit, dass gerade an Weihnachten alles so abläuft wie gehabt. Doch Rituale können auch dafür sorgen, dass es an den Feiertagen Unstimmigkeiten gibt. Dann, wenn nicht mehr alle an einem Ritual festhalten wollen.

Wann ist die beste Zeit, sich einen Weihnachtsbaum zu kaufen? Wer die schönste Tanne oder Fichte haben will, der schaut sich spätestens am vierten Advent um. Das könnte man tun. Was aber, wenn es ein Familien-Ritual ist, den Baum erst am 24. Dezember auszuwählen? So war es immer schon, so soll es auch bleiben. Gerade Weihnachten und der Jahreswechsel sind von vielen Ritualen, Bräuchen und Traditionen geprägt. Zwar prägen Rituale auch unseren Alltag — das Kind kann nicht gut einschlafen ohne eine Gute-Nacht-Geschichte —, doch für die kommenden Festtage gibt es in vielen Familien regelrechte Drehbücher, wie die Tage ablaufen und auf welche dramaturgischen Höhenpunkte es ankommt. „Rituale sind vor allem gemeinschaftsstiftend“, sagt die Haarer Pfarrerin Dagmar Häfner-Becker. Familien, auch mit erwachsenen Kindern, holen die Krippe hervor und stellen diese auf. Der Baum darf nur gemeinsam geschmückt werden, in anderen Familien macht das „ganz heimlich“ die Mutter. Kurz vor der Bescherung schmettern Eltern, Kinder und Großeltern mehrstrophige Weihnachtslieder. Und zu Essen? Würstel mit Kartoffelsalat, so besagt es die Familientradition, keine Frage. Rituale helfen den Menschen beim Bewältigen des Zusammenlebens. Ein Ritus gibt eine Ordnung vor, wie bestimmte Handlungen ausgeführt werden. Im Lateinischen bedeutet „ritus“ eine religiöse Vorschrift oder Zeremonie, aber auch Brauch, Sitte, Gewohnheit. In der Psychologie bezieht sich ein Ritus auf einen Ablauf eines gelernten Tuns, das auf dieselbe Art und Weise wiederholt wird. Bei einem Ritual läuft eine Handlung immer wieder nach demselben Muster ab. Dabei unterscheidet sich ein Ritual indes von einer Routine. Erstere benötigt vor allem ein Kollektiv. „Rituale geben somit Sicherheit und Gewissheit“, so Häfner-Becker. Wird ein Brauch, sei es auch nur innerhalb einer Familie, Jahr für Jahr wiederholt, so vermittelt dieser Verlässlichkeit und Geborgenheit. Es mag gut tun zu wissen, wie der Heilig Abend abläuft. Und so regeln die Rituale im Familienkollektiv auch das Zusammenleben, vielleicht gerade auch in Familien, deren Mitglieder den Rest des Jahres ihre eigenen Wege gehen.

Rituale sind wie Familienregeln

„Rituale drücken Empfindungen und Sehnsüchte aus, die schwer in Worte zu fassen sind. Sie sind daher ein hochemotionales Thema“, so Häfner-Becker und erklärt: „Sie erfüllen jedoch nur dann eine gemeinschaftsstiftende Funktion, wenn eine Familie auch darin übereinstimmt, ob ihre Ausübung in dieser Form angebracht ist.“ Rituale seien somit Familienregeln, die ein Mitglied oder mehrere zusammen irgendwann einmal so aufgestellt haben. „Wird ein Ritual als Zwang oder Pflicht empfunden oder gibt es gar eine Person, die auf andere Familienmitglieder Druck ausübt, so dass sich nach ihr alle richten, dann verliert ein Ritual seine Funktion und ist nur mehr ein leeres Ritual“, sagt die Pfarrerin. „Das kann dann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass sich eine Gemeinschaft auflöst oder neu finden muss.“ Gewohnheiten, so fest sie auch wirken mögen, dürfen sich verändern. „Eine Familie muss sich daher fragen, ob ein Ritual womöglich nur noch lästige Pflicht ist. Passt es überhaupt noch zu uns? Können alle mit der Bedeutung, die mal dahintersteckte, heute noch etwas anfangen?“ Mit einem Ritual kann also leicht ein Konformitätsdruck einhergehen. Strafende Blicke oder missbilligende Worte mögen fallen, wenn der Adventskranz nicht mehr rund und aus grünen Zweigen ist, sondern eine längliche Form aufweist und aus Metall ist. Was, wenn nicht alle aus der Familie mit solch einer Veränderung einverstanden sind? „Erfüllt der Kranz jedoch noch seinen Zweck, nämlich die Freude auf die Ankunft des Herrn zu zeigen, dann hat das Ritual sich zwar verändert, aber nicht seine Bedeutung verloren.“ So stiftet das Ritual, an jedem Adventssonntag eine Kerze mehr anzuzünden, ja wieder Gemeinschaft, wenn die Familie gemeinsam dem kommenden Fest entgegensieht. „Weihnachten ist Ausdruck unserer Sehnsucht nach Frieden“, sagt die Theologin. „Doch ist es völlig normal, dass Anpassungsprozesse auch vor diesem Fest nicht Halt machen. So mag das Bedürfnis nach Friede und Harmonie an Weihnachten groß sein, aber Streitigkeiten sind auch an den Feiertagen normal“, beruhigt Häfner-Becker. „Friede gibt es ja nicht, ohne Dinge verbal zu erstreiten. So kann man durchaus auch an Weihnachten darüber sprechen, ob sich ein Ritual verändern muss. Und Rituale kann nun mal nicht einer bestimmen, es bedarf immer wieder einer Grund-Übereinkunft.“ Sind Rituale weder sinnentleert noch funktionslos, dann verbinden sie eine Gemeinschaft und stärken die Bindung untereinander. „Allerdings ist es in Ordnung, wenn manchen Mitgliedern einer Gruppe ein Ritual wichtiger ist als anderen“, betont Häfner-Becker. Solange alle mit der Bedeutung gut klarkommen und Nachfragen zugelassen sind, ist gegen die weitere Ausübung des Rituals nichts einzuwenden. Und so weiß die Pfarrerin auch, dass der Gottesdienst an Heilig Abend nun mal mit „O du fröhliche“ endet.

Verena Rudolf

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